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  Schillers akademische Antrittsrede an der Universität Jena, 1789

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?


Dies ist der Titel der Antrittsvorlesung, die Schiller am 26. Mai 1789 in Jena hielt.

Gleich zu Beginn der Vorlesung fährt Schiller mit harscher Kritik über den "Brotgelehrten" her, den Hochschulgelehrten, der sein Amt zum Broterwerb ausübt. Schiller war damals 30 Jahre jung, doch waren bereits 1782 seine "Räuber" mit grossem Erfolg aufgeführt worden. Jena war Schillers erste Professur - es war ein Amt ohne Gehalt. Er konnte als junger Autodidakt nicht mit demselben historischen Wissen für seine Geschichts-Professur aufwarten wie ältere Kollegen. Umso mehr stellte er Genialität und philosophisches Denken dem trockenen Fachwissen des "Brotgelehrten" entgegen:

"Seine größte Angelegenheit ist jetzt, die zusammengehäuften Gedächtnißschätze zur Schau zu tragen und ja zu verhüten, daß sie in ihrem Werthe nicht sinken. Jede Erweiterung seiner Brodwissenschaft beunruhigt ihn, weil sie ihm neue Arbeit zusendet oder die vergangene unnütz macht; jede wichtige Neuerung schreckt ihn auf, denn sie zerbricht die alte Schulform, die er sich so mühsam zu eigen machte, sie setzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit seines vorigen Lebens zu verlieren. Wer hat über Reformatoren mehr geschrieen als der Haufe der Brodgelehrten? Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, als eben diese? Jedes Licht, das durch ein glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es sei, angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar; sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, mit Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das sie vertheidigen, zugleich für ihr ganzes Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer Feind, kein neidischerer Amtsgehilfe, kein bereitwilligerer Ketzermacher als der Brodgelehrte."

In ähnlichem Ton geht diese Kritk weiter. Entsprechend hoch wird von Schiller dafür der Philosophische Kopf gelobt:

"Wie ganz anders verhält sich der philosophische Kopf! – Ebenso sorgfältig, als der Brodgelehrte seine Wissenschaft von allen übrigen absondert, bestrebt sich jener, ihr Gebiet zu erweitern und ihren Bund mit den übrigen wieder herzustellen – herzustellen, sage ich, denn nur der abstrahierende Verstand hat jene Grenzen gemacht, hat jene Wissenschaften von einander geschieden. Wo der Brodgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist. Frühe hat er sich überzeugt, daß im Gebiete des Verstandes, wie in der Sinnenwelt, alles in einander greife, und sein reger Trieb nach Uebereinstimmung kann sich mit Bruchstücken nicht begnügen. Alle seine Bestrebungen sind auf Vollendung seines Wissens gerichtet; seine edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben, bis er im Mittelpunkt seiner Kunst, seiner Wissenschaft steht und von hier aus ihr Gebiet mit befriedigtem Blick überschauet. Neue Entdeckungen im Kreise seiner Thätigkeit, die den Brodgelehrten niederschlagen, entzückenden philosophischen Geist.

Die Antrittsrede war ein grosser Erfolg. Mit vivat-Rufen wurde Schiller anschliessend nach Hause begleitet. Schiller hatte allerdings seinem Debut in der Universität mit Bangen entgegen gesehen. Die Ernennung zum Professor war so rasch und überstürzt erfolgt, dass der Dicher dadurch sehr unter Druck geriet. An Charlotte von Lengefeld, seine zukünftige Gattin, hatte er zuvor geschrieben, dass er sich übertölpeln lassen und jetzt, da es zu spät sei, gerne zurücktreten würde.





DDR Brief mit Briefmarke Schillers Antrittsrede


DDR-Briefmarke Schiller Antrittsrede


Schiller Haus der Antrittsrede