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„Alles, was ich
schrieb und schreibe, ist Biografie.“

Silja Walter


Sie war 24, als sie ihre ersten Gedichte veröffentlichte.
Sie war 28, als sie ins Benediktinerinnen-Kloster Fahr an der Limmat eintrat.
Sie war 36, als sie den Literaturpreis der Stadt Zürich erhielt.
Sie war 80, als sie ihren ersten Computer benützte.
Sie war 90, als sie einen Internetanschluss erhielt.
Sie war 91, als sie am 31. Januar 2011starb.
Sie hat über 60 Werke verfasst: Lyrik, Prosa, Festspiele und Oratorien.


"Mama meint auch, das Bügelzimmer. Das liege günstig, unten im Flur. Dann haben sie hin und her geredet unter sich, das ganze Essen lang. Papa, Mama, Grossmama. Frieda nicht, sie redet kaum etwas bei Tisch. Haben hin und her besprochen, welches Zimmer, wenn nicht das Bügelzimmer. Das wäre an sich ausgezeichnet, aber ob es, wo es nach dem Gütsch zu liegt und daher der Bäume wegen an der Westseite des Hauses nur Nachmittagssonne bekommt und das auch nur bis gegen vier Uhr, im Winter sowieso nicht länger als bis halb vier am Nachmittag - man müsse die Sache schon gut überlegen, ob sich das Bügelzimmer eigne für Herrn Ott. Wahrscheinlich bleibt es dabei. Ich denke aber bei mir, was Herr Ott wohl zur verrückten Tapete sagen werde. Hat er einmal Fieber und Halsweh, dann kriechen die dicken roten, gelben und violetten Blumenbüschel herunter auf sein Gesicht, auf Kissen und Decke, rundum herunter, und es schellt ihm davon in den Ohren und saust ihm im Kopf, das hat er dann vom Bügelzimmer."
Silja Walter, "Der Wolkenbaum", 1991