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Franz Kafka

Franz Kafka
Franz Kafka (* 3. Juli 1883 in Prag, damals Österreich-Ungarn; † 3. Juni 1924 in Kierling – heute Stadtteil von Klosterneuburg –, Österreich; selten auch tschechisch František Kafka) war ein deutschsprachiger Schriftsteller, der aus einer bürgerlichen jüdischen Kaufmannsfamilie stammte. Sein Hauptwerk bilden neben drei Romanen bzw. Romanfragmenten (Der Process, Das Schloss und Der Verschollene) zahlreiche Erzählungen.
Kafkas Werke wurden zum größeren Teil erst nach seinem Tod und gegen seinen erklärten Willen von Max Brod, einem engen Freund und Schriftstellerkollegen, veröffentlicht. Seither zählen sie zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur mit vielfältigen, anhaltenden Wirkungen.

(biographische Quelle: Wikipedia)


Franz Kafka Gedenktafel in Prag
Kafka-Gedenktafel und Strassenschild in Prag.




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Kafkas Schweizerreise vor 100 Jahren

Notizen aus Franz Kafkas Tagebüchern zu seiner Reise in die Schweiz, die er, zusammen mit Max Brod, 1911 unternommen hatte und die ihn anschliessend auch nach Italien und Frankreich führte.


26. August 1911

Die Schweiz während der ersten Morgenstunden sich selbst überlassen.
Der Eindruck aufrechter, selbständiger Häuser in St. Gallen ohne Gassenbildung.

Franz Kafka in Cham

Erinnerung an das strafhausähnliche Stationsgebäude in Cham, dessen Aufschrift in biblischem Ernst ausgeführt ist. Fensterschmuck scheint trotz seiner Armut gegen Vorschriften zu verstossen. In zwei weit auseinander liegenden Fenstern des grossen Hauses stehen, vom Wind bewegt, dort ein grosses, hier ein kleines Bäumchen.

Lump auf dem Bahnhof in Winterthur mit Stöckchen, Gesang und einer Hand in der Hosentasche.

Patriotische Statistik: Flächeninhalt einer in der Ebene auseinander gezogenen Schweiz.

Zürich. (...) Historischer Eindruck fremden Militärs. Fehlen dieses Eindrucks beim eigenen - Argument des Antimilitarismus.


Hauptbahnhof Zürich
Schützen in Zürich auf dem Bahnhof. Unsere Furcht vor dem Losgehen der Gewehre, wenn sie laufen.

Zürcher Stadtplan um 1900
Plan von Zürich wird gekauft.

Auf einer Brücke hin und zurück wegen Unentschlossenheit über die zeitliche Aufeinanderfolge von kaltem, warmem Baden und Frühstücken.

Briefträger als erste Kuttenträger des herankommenden Südens und Westens schauen wie in Nachthemden aus. Kästchen vor sich hergetragen, Briefe geordnet wie die "Planeten" auf dem Weihnachtsmarkt, hoch gehäuft darüber.

Altstadt: Enge steile Gasse, die ein Mann in blauer Bluse schwer herunterläuft. Über Stiegen.

Frühstück im alkoholfreien Restaurant. Butter wie Eidotter. "Zürcher Zeitung."

Grossmünster Zürich
Grossmünster, alt oder neu? Männer gehören an die Seiten. Der Küster weist uns bessere Plätze an. Wir folgen ihm, da es in unserer Richtung des Hinausgehens ist. Da er, als wir schon beim Ausgang sind, zu glauben scheint, wir finden diese Plätze nicht, kommt er quer durch die Kirche auf uns los. Wir stossen einander hinaus. Viel Lachen.

Bad in Zürich: Nur Männerbad. Einer am andern. Schweizerisch: Mit Blei ausgegossenes Deutsch. Zum Teil keine Kabinen, republikanische Freiheit des Sichausziehens vor seinem Kleiderhaken, ebenso Freiheit des Schwimmeisters mit einer Löschspritze das volle Sonnenbad zu leeren.

Mittagessen im ersten Stock. Meilener Wein. Eine Kellnerin aus Luzern nennt uns die Züge dahin. Erbsensuppen mit Sago, Bohnen mit gerösteten Kartoffeln, Zitronencrême. - Anständige, kunstgewerbliche Häuser. Abfahrt circa drei Uhr nach Luzern um den See.

Das Dunkel der Strandpromenade bleibt am Abend abgegrenzt unter den Baumwipfeln. Herren mit Töchtern oder Dirnen. Schaukeln der bis zur untersten scharfen Kante sichtbaren Boote. Lächerliche Empfangsdame im Hotel, lachendes Mädchen führt immerfort weiter hinauf ins Zimmer, ernstes, rotwangiges Stubenmädchen. Kleines Treppenhaus. Versperrter eingemauerter Kasten im Zimmer. Froh, aus dem Zimmer heraus zu sein. Hätte gern Obst genachtmahlt.

Entdeckung des Spielsaales in Luzern. Ein Franc Entrée. Zwei lange Tische. Wirkliche Sehenswürdigkeiten sind hässlich zu beschreiben, weil es förmlich vor Wartenden geschehen muss. An jedem Tisch ein Ausrufer in der Mitte, mit zwei Wächtern nach beiden Seiten hin. Höchsteinsatz fünf Francs. "Die Schweizer werden gebeten, den Fremden den Vortritt zu lassen, da das Spiel zur Unterhaltung der Gäste bestimmt ist." (…) Croupiers mit vernickelten Rechen an Holzstangen. Was sie damit können: Ziehen das Geld auf die richtigen Felder, sondern es, ziehen Geld an sich, fangen von ihnen auf die Gewinnfelder geworfenes Geld auf. (…) Aufregung vor dem gemeinsamen Entschluss zu spielen, man fühlt sich im Saal allein. Das Geld (zehn Francs) verschwindet auf einer sanft geneigten Ebene. Der Verlust von zehn Francs wird als eine zu schwache Verlockung zum Weiterspielen empfunden, aber doch als Verlockung. Wut über alles. Ausdehnung des Tages durch dieses Spiel.

Montag, 28. August

Französin steigt in das Nebencoupé, erklärt mit ausgestrecktem Arm unser volles Coupé für nicht "complet" und treibt ihren Vater zum Einsteigen und ihre unschuldig und dirnenhaft aussehende ältere kleine Schwester, die mich mit ihren Ellbogen an den Hüften kitzelt. Mehr mit den Zähnen gesprochenes Englisch der alten Dame rechts von Max, für das man den Namen einer Grafschaft sucht. Fahrt Vitznau-Flüelen, Gersau, Beckenried, Brunnen (lauter Hotels), Schillerstein, Tellplatte, ausgelassenes Rütli, zwei Loggien in der Axenstrasse (Max dachte sich hier mehrere, weil man auf Photographien immer diese zwei sieht), Urner Becken. Flüelen. Hotel Sternen.

Dienstag 29. August.

Gotthardbahn um 1900
Einsteigen in die Gotthardbahn. Reuss. Milchgemischtes Wasser unserer Flüsse.

Freitag 1. September

Piazza Guglielmo Tell in Lugano
Abfahrt zehn Uhr fünf von Place Guglielmo Tell. … Fahrt ohne Gepäck, Hand frei, um den Kopf zu halten. (…) Osteno. Der Geistliche in Damengesellschaft. Besondere Unverständlichkeit der Ausrufe. Bei Sätzen kann das Unverständliche drin herumkriechen. Kind im Fenster hinter dem Pissoirtunnel. Kitzelnder Anblick der Eidechsenbewegung an einer Mauer. Fallendes Haar der Psyche. Auf Rädern vorüberfahrende Soldaten und als Matrosen verkleidete Diener des Hotels. (…) Italiener im Zug Porlezza-Menaggio. Jedes an einen gerichtete italienische Wort dringt in den grossen Raum der eigenen Unkenntnis und beschäftigt daher, ob verstanden oder unverstanden, durch lange Zeit; das eigene unsichere Italienisch kann sich gegenüber der Sicherheit des Italieners nicht halten und wird, ob verstanden oder nicht verstanden, leicht überhört.