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Vom höchsten Gut.

Das höchste Gut

Wie jedes Jahr habe ich auch diesmal vor Weihnachten meine Taschenagenda gekauft. Es ist jedes Jahr dieselbe: klein, handlich und sehr klug eingerichtet, mit wöchentlichen Doppelseiten für alle Termine. Keine gewöhnliche Agenda, ich muss schon sagen! Sie trägt den Namen des Unternehmens, das sie herausgibt: "Quo Vadis". Sie erinnert damit an die scheinbar zufällige Begegnung des aus Rom fliehenden Apostels Petrus mit Jesus an einer Strassenkreuzung ausserhalb der Stadt: "Wohin gehst du, Herr?" - oder lateinisch: "quo vadis domine?" - fragte Petrus mit begreiflichem Erstaunen, war Jesus doch längst zuvor in Jerusalem gekreuzigt worden! "Nach Rom, um mich nochmals kreuzigen zu lassen", war die Antwort. Da erinnerte sich Petrus, dass diese Kreuzigung eigentlich in seiner eigenen Agenda stehen müsste und kehrte nach Rom zurück, um diese bittere Angelegenheit hinter sich zu bringen. Von daher also hat meine schmucke kleine Agenda ihren symbolträchtigen Namen "Quo Vadis". Was immer wieder daran erinnert, wichtige Termine nicht zu vergessen, auch wenn sie einen den Kopf kosten.

Nun wollte ich aber etwas ganz anderes von meiner "Quo Vadis" erzählen: Wie bei einem guten Buch steht ganz vorne drin, in kursiver Schrift ein Motto: "Zeit ist unser höchstes Gut, wohl dem, der sie richtig einzusetzen versteht".

Also nicht nur auf nahezu zweitausend Jahre alte apokryphe Schriften berufen sich meine Agendamacher. Sie wissen auch Antwort auf eine der ältesten Frage der Ethik, über die sich die griechischen Philosophen Aristoteles, Platon, und Epikur ebenso den Kopf zerbrochen hatten wie die Römer Cicero, Seneca und Marc Aurel und etliche Jahrhunderte später Immanuel Kant. Es ist die Frage nach dem höchsten Gut. Es ist dies ein Gut von bedingungslosem Wert und letzter Zweck allen moralischen Handelns.

Für Aristoteles war dieses höchste Gut ein glückseliges Leben. Eudaimonie nannte er dieses Glück, das er als Ziel von allem unserem Streben betrachtete. Nicht das Ziel sei das höchste Gut, meinte dagegen Platon, sondern die Art und Weise unseres Lebens, nämlich ein edles und gerechtes Leben. Epikur wiederum sah im höchsten Gut ein genussvolles Leben, womit er jedoch nicht ein Leben im Überfluss meinte, sondern das Geniessen dessen, was man hatte. Für den Stoiker Marc Aurel, der nicht bloss römischer Kaiser sondern auch Philosoph war, galt die Selbstgenügsamkeit als höchstes Gut. Er lebte sie vor, indem er auf harten Brettern nächtigte.

Fragt man heute nach dem höchsten Gut, so dürften viele die Gesundheit nennen. Die laufend steigenden Gesundheitskosten scheinen ihnen Recht zu geben: das höchste Gut wird teuer erkauft und hält die Gesundheitsindustrie am Leben. Gesundheit, Schönheit und Sicherheit sind höchste Güter westlicher Zivilisation. Sie haben nur dann Gültigkeit, wenn wichtige Grundbedürfnisse erfüllt sind. Was soll dem Hungernden die Frage nach dem höchsten Gut? Sein höchstes Verlangen ist ein Teller Suppe. Dem Unterdrückten ist es die Freiheit.

Freiheit als höchstes Gut kannten die philosophierenden Griechen kaum. Es waren die freien, von den Lasten mühevollen Erwerbsleben unabhängigen Herren, die sich weises Denken leisten konnten. Sie hatten Zeit dafür… So wäre also doch Zeit das höchste Gut, so wie es meine "Quo Vadis" behauptet und ergänzend präzisiert: "Wohl dem, der sie richtig einzusetzen versteht". Jetzt müsste man nur noch wissen, was hier "richtig" bedeutet. Aber in dieser Frage werden wir uns wohl niemals einigen können.