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Gutenberg Buchdruck

Entwurf Gutenberg Denkmal Wien



VER SACRUM Jugendstil Zeitschrift VER SACRUM - das offizielle Organ der Vereinigung bildender Künstler in Oesterreich. Die Jugendstil-Zeitschrift leitet ihren Namen von einem antiken Brauch her, dem "ver sacrum" (= heiliger Frühling), bei dem junge Männer ausgestossen oder ausgesandt wurden, neues Land zu suchen und dort einen neuen Stamm zu gründen.





Wiens verhindertes Gutenberg-Denkmal



Gutenberg Denkmal in Wien

Abgelehnter Wettbewerbs-Entwurf von Josef Pletschnik und Othmar Schimkowitz
für ein Gutenberg-Denkmal in Wien, um die 1900er Jahrhundertwende.
(Bilder aus: VER SACRUM, Nr. 2, Februar 1898).






Gutenberg-Denkmäler gibt es viele. In Frankfurt, in Strassburg, in Mainz… Auch Wien hat eines, enthüllt zu Gutenbergs fünfhundertsten Geburtstag. Stolz und würdevoll präsentiert sich der Erfinder des modernen Buchdrucks, Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, am Wiener Lugeck auf seinem hohen Sockel. Beinahe hätte sich ein anderer, weniger selbstsicher fürbass schreitender Gutenberg hier gezeigt - doch wurde er von den Wiener Stadtvätern zurückgewiesen: Der Entwurf von Josef Pletschnik und Othmar Schimkowitz. Ein besinnlicher Erfinder, vielleicht resigniert von den vielen Gerichtsverfahren, in die er verwickelt war, oder der sich von seinem Werk abgewandt hat, ahnend vielleicht, was für eine im wahrsten Sinne des Wortes ungeheure Wirkung seine Erfindung haben werde. "Mehr als Gold hat das Blei die Welt verändert und mehr als das Blei in der Flinte das Blei im Setzkasten", sagte der Mathematiker und aphoristische Kulturkritiker Georg Christoph Lichtenberg 300 Jahre nach Gutenbergs Einläuten der "Bleizeit", die bis 1985 dauerte - bis zur Einführung des Computersatzes.

Doch zurück, zum Wiener Gutenberg-Denkmal, das entworfen und dann doch nicht realisiert worden ist, weil es von der Jury mehr als eine Glorifizierung der Buchdruckerkunst und weniger als ein Denkmal für Gutenberg selbst erachtet wurde, Doch gerade diese Diskrepanz macht den grossen Reiz des Entwurfs von Pletschnik und Schimkowitz aus. Wie oft doch steht ein Autor, ein Künstler oder ein Wissenschaftler abseits von seinem Werk oder seiner Erfindung, die ihm durch ihren Erfolg gleichsam entrissen und eigenständig wird und eine eigene, nicht mehr kontrollierbare Dynamik erhält, mit allen ihren erfreulichen, aber auch bedrohlichen Seiten.

Den zukunftsweisenden Wert dieses Denkmal-Entwurfes hatte die Wiener Secession, eine Vereinigung von Wiener Künstlern, zu denen unter vielen andern auch Gustav Klimt gehörte, erkannt und sich entsprechend empört. In der Zeitschrift der Vereinigung, "VER SACRUM" (heiliger Frühling), prangerte Hermann Bahr die Philisterhaftigkeit des staatlich geförderten und kontrollierten Kunstbetriebes an: "Dieser böse Geist, der seit mehr als hundert Jahren auf künstlerischem Gebiete in Österreich seinen unheilvollen Einfluss geltend macht, siegte von neuem!"

Das siegreich aus dem Wettbewerb hervorgegangene Werk von Hans Bitterlich kann heute an seinem Platz bewundert werden. Hermann Bahrs Urteil dazu: "Eine solide, aber keineswegs neuartige Arbeit. Der durch den kräftevergeudenden Vorgang der Concurrenz (=des Gestaltungswettbewerbs) wirklich einmal glücklich ans Licht gezogene "Schlager" wird in die Dunkelheit zurückgestossen."

Mit diesem Artikel soll dieser "Schlager", der Entwurf von Pletschnik und Schimkowitz aus der Dunkelheit wieder ein wenig ins Rampenlicht rücken dürfen…