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Gedenktafel an Goethe in Adorf

Altes Posthaus in Adorf

Im Sommer 1795 reiste der 46jährige Johann Wolfgang von Goethe von Weimar nach Karlsbad, um (wie er in seinen Jahresheften vermerkte) "über vier Wochen daselbst zu verweilen". Es waren wohl gesundheitliche Gründe, die ihn zu dieser Reise bewogen hatten: "In jüngern Jahren ist man ungeduldig bei den kleinsten Übeln, und Karlsbad war mir schon öfters heilsam gewesen."

Wie auch wir heute pendente Arbeiten zumeist vergebens mit in die Ferien schleppen, so erging es auch Goethe: "Vergebens aber hatt' ich mancherlei Arbeiten mitgenommen, denn die auf gar vielfache Weise mich berührende grosse Masse vn Menschen zerstreute, hinderte mich, gab mir freilich aber auch manche neue Aussicht auf Welt und Persönlichkeiten." ...Tja, lieber Johann Wolfgang, um ungestört für sich sein zu können, müsste man ja nicht ausgerechnet in das damals mondäne Karslbad reisen. Aber eben: Sehen und gesehen werden hatte schon immer etwas für sich...








Goethes spitznasige Mädchen von Adorf...
Dame mit spitzer Nase - von DaumierDaumier

"Abends Adorf im Posthaus. Bei verschiedenen Mädchens bemerkte ich eine wunderliche Bildung der Nase, sie ist spitz unterwärts gezogen und vor dem Läppchen eingedrückt" Aus Goethes Tagebuch-Aufzeichnung vom 3. Juli 1795

Was war es wohl, was dem so akribischen Naturbeobachter Johann Wolfgang Goethe an den Nasen der Adorfer Mädchen so anders gefunden hatte, als bei üblichen Mädchennasen? Seine Beschreibung wirkt ebenso differenziert wie grotesk. Ich habe mich in Adorf persönlich davon überzeugen können, dass die Nasen und Näschen der hiesigen Frauenzimmer ebenso spitz oder stupsig und vor allem ebenso hübsch sind wie überall auf der Welt.

Hier der ganze Tagebuch-Eintrag von Goethe:

"3. Juli. Adorf. Mittags in Plauen; der Postmeister Ermisch ist ein wohlhabender Mann und hat eine starke Familie von 11 Kindern.
Der Ort ist nahrhaft und hat schöne Mosselin-Fabriken. Überhaupt stehen die Orte in dieser Gegend gut, weil sie grosse Fluren und guten Feldbau haben.
Ich fand am Wege Braunstein und Granit; man sagte mir, sie brächen bei den Bergen, in Trieb. Die Mühlsteine, die sie in dieser Gegend brauchen, kommen von Markneukirchen. Der Tonschiefer fährt in allen seinen Abänderungen fort, und verwittert meistens zu sehr kleinen Teilen. Sowohl die Frucht als wie die Fichtenwälder gedeihen sehr gut; ich sollte denken, wenn man's mit Mist zwingen könnte, so müsste der Fruchtbau auf einen hohen Grad zu treiben sein. In diesen Gegenden sieht man keine Futterkräuter, aber auch keine Lehde, alles ist bebaut oder Wald.
Abends Adorf im Posthaus. Bei verschiedenen Mädchens bemerkte ich eine wunderliche Bildung der Nase, sie ist spitz unterwärts gezogen und vor dem Läppchen eingedrückt."