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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Carl Friedrich von Weizsäcker
über Fortschritt und Verantwortlichkeit
 


Meier-Classen: Herr von Weizsäcker, wir sind heute betroffen von einer drohenden atomaren Katastrophe in Japan. Ich sage ausdrücklich "wir", denn atomare Katastrophen sind keine national oder gar nur regional bedeutende Ereignisse: sie betreffen uns als Menschheit insgesamt. Ihre Antworten zu meinen heutigen Fragen liegen ein halbes Jahrhundert zurück: sie entstammen zwölf Vorlesungen, die Sie an der Universität Göttingen gehalten hatten. Herr von Weizsäcker, lässt sich die Nutzung der Atomenergie überhaupt verantworten?

von Weizsäcker: Wenn wir dem Naturwissenschaftler sagen, wie wichtig er ist, so müssen wir ihm eben darum auch sagen, welche Verantwortung er trägt. Die Verantwortung für die Sauberkeit seines wissenschaftlichen Denkens kennt er. Die Verantwortung für die Folgen seiner Handlungen im menschlichen Leben muss er kennen.

Meier-Classen: Man sollte das erwarten können. Allerdings trägt der Naturwissenschafter die Verantwortung nicht allein. Seine Werke sind Instrumente der Macht geworden, Instrumente der Politik und des Geldes.

von Weizsäcker: Solange unserem Stand, ich rede vom Stand der Naturwissenschaftler und Techniker, solange die Rücksicht darauf, was unsere Apparaturen im menschlichen Leben für Wirkungen anrichten, solange dies nicht ebenso selbstverständlich geworden ist wie die Sorgfalt im Experimentieren, so lange sind wir zum Leben im technischen Zeitalter nicht reif.

Meier-Classen: Dieses Bewusstsein über die verheerenden Wirkungen müsste man auch von jenen verlangen, die technische und naturwissenschaftliche Errungenschaften als Nicht-Techniker und Nicht-Naturwissenschafter tagtäglich und zumeist bedenkenlos verwenden.

von Weizsäcker: Wer mit dem Auto schneller fährt, als er bei den bekannten Eigenschaften dieses Apparats verantworten kann, verhält sich untechnisch. Die Zerstörung des Lebens durch Hast und Lärm wirkt subtiler als die Bomben, verdient aber nicht weniger Aufmerksamkeit. Die grosse Schwierigkeit, in der sich der Naturwissenschaftler und Techniker, der auf die Folgen seines Handelns aufmerksam ist, praktisch befindet, liegt darin, dass es für ihn als Einzelperson meist sehr schwer ist, an diesen Folgen etwas zu ändern. Er lebt in einer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Ordnung, die ihn als Spezialisten verwendet und weder nach seiner sittlichen Entscheidung noch nach seiner Weisheit fragt.

Meier-Classen: Die Verantwortung trägt er dennoch…

von Weizsäcker: Ja, trotzdem ist ihm seine Verantwortung nicht abgenommen. Wenn er sie bewusst trägt, so kann etwas davon verwandelnd auf die Ordnungen zurückstrahlen, in denen er steht. So steht es ja immer mit verantwortlichem Handeln: ich muss bereit sein, meinen Beitrag zu leisten, selbst wenn ich nicht weiss, ob mein Partner den seinen leisten wird.

Meier-Classen: So lässt sich aber auch der Schwarze Peter weitergeben. Letztlich muss dann das schwächste Glied in der Kette die Verantwortung tragen. Den durch Naturwissenschaft und Technik angerichteten Schaden kann er nicht wieder gut machen. Man kann die Verantwortung aber auch auf die Natur hinaus schieben, indem man beispielsweise bei den gegenwärtigen Reaktorunfällen in Japan behauptet, das Erdbeben sei Schuld. Da stellt sich die Frage, ob Wissenschaft und Technik überhaupt solche Risiken möglich machen dürfen.

von Weizsäcker: Wer das Menschliche schützen will, indem er die Naturwissenschaft von sich weist, tut damit wahrscheinlich dem Menschlichen einen Bärendienst. Ich glaube nicht, dass wir geistig und sogar politisch mit unserer Zeit fertig werden können, wenn wir nicht fähig sind, geschichtlich zu denken. Die zweite grosse Erfindung im Reich der Erkenntnis, die die Neuzeit neben dem naturwissenschaftlichen Denken gemacht hat, ist das geschichtliche Denken. Wer in unserer Zeit geschichtlich denken will, wird seinen offenen Blick gerade auch der naturwissenschaftlichen Seite unseres Zeitalters zuwenden müssen.

Meier-Classen: Ich nehme an, sie denken dabei an Hegel und seine Meinung, dass die Entwicklung der Menschheit vernünftig und zielgerichtet und damit auch fortschrittlich sei. Dies legalisiert gewissermassen den Fortschritt um jeden Preis und gibt dem Naturwissenschafter einen Blankoscheck.

von Weizsäcker: Die Naturwissenschaft ist die zentrale Wissenschaft unserer Zeit. Ich kann nur wiederholen, wie wichtig es ist, dass wir noch mehr Naturwissenschaftler, mehr Physiker, mehr Techniker bekommen. Ich wünschte, dass sich an unseren Universitäten die heute so plausibel gewordene Naturwissenschaft wie eine Lokomotive vor den Zug aller Wissenschaften spannen möchte.

Meier-Classen: Sie spielen der Naturwissenschaft eine Führungsrolle zu. Stossen Sie damit nicht die Geisteswissenschafter vor den Kopf?

von Weizsäcker: Der Hochmut des Geisteswissenschaftlers dem naturwissenschaftlichen Denken gegenüber ist ja wohl meist eine Art des Selbstschutzes. Jedenfalls bedeutet er eine partielle Blindheit des historischen Auges.

Meier-Classen: Wären naturwissenschaftliche Forschung und technische Entwicklung historisch gerechtfertigt, dann würde dies gentechnologische Veränderung unserer Nahrung ebenso rechtfertigen wie Tierversuche, Stammzellenforschung und Anwendung oder die Nutzung von Atomenergie - sei es für die Stromversorgung oder andere Zwecke. Diese Fortschrittsgläubigkeit lässt sich allerdings in Frage stellen. Je weiter wir den so genannten Fortschritt treiben, umso höher wird sein Preis. Herr von Weizsäcker, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!




 

 

 

 

 

 




Atombombe 1945, Nagasaki, Japan

Carl Friedrich von Weizsäcker (* 28. Juni 1912 in Kiel; † 28. April 2007 in Söcking am Starnberger See), deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher.
Carl Friedrich von Weizsäcker wurde als Sohn von Ernst von Weizsäcker (1882-1951) und Marianne von Graevenitz (1889-1983) im Jahr 1912 in Kiel geboren. Der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ist sein jüngerer Bruder.
Carl Friedrich von Weizsäcker wuchs ab 1915 in Stuttgart, ab 1922 in Basel und ab 1925 in Kopenhagen auf und machte 1929 das Abitur in Berlin. Am 30. März 1937 heiratete er die Schweizer Historikerin Dr. Gundalena Wille (1908-2000), die er 1934 bei ihrer Arbeit als Journalistin kennengelernt hatte.

Weizsäcker erkannte bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Möglichkeit, Atombomben herzustellen. Zu Beginn des Krieges erhoffte er sich politische Einflussmöglichkeiten durch das Uranprojekt zur Erforschung der Kernspaltung, dem auch Heisenberg und Otto Hahn angehörten. Er entwickelte die Theorie der Plutoniumbombe. Zu den wissenschaftlich-technischen Ambitionen der Gruppe sagte er 1957 „Wir wollten wissen, ob Kettenreaktionen möglich wären. Einerlei, was wir mit Kenntnissen anfangen würden - wissen wollten wir es.“ Zu einer entsprechenden Eingabe an das Heereswaffenamt äußerte er rechtfertigend die illusionäre Hoffnung auf politischen Einfluss, die ihn bewegt habe. Neue Quellenbelegen, dass diese Phase zumindest bis Herbst 1942 andauerte. „Nur durch göttliche Gnade“ sei er vor der Versuchung, die deutsche Atombombe tatsächlich zu bauen, bewahrt worden. Diese Gnade bestand darin, „dass es nicht gegangen ist“, wie er rückbetrachtend eingestand, weil die deutsche Kriegswirtschaft die erforderlichen Ressourcen nicht bereitstellen konnte. Die Arbeiten waren bereits so fortgeschritten, dass im Sommer 1942 von v. Weizsäcker ein Patent angemeldet wurde. Dessen Punkt 5 lautete: „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen, ... das ... in solcher Menge an einen Ort gebracht wird, z. B. in einer Bombe, ...“ (6 Patentansprüche, weiteres Schicksal dieser Anmeldung bisher unbekannt). Die Patentschrift wurde in den 1990er Jahren in Moskau gefunden.
Intention und tatsächliche Handlungen von v. Weizsäcker im Rahmen der Forschungen zur Nazi-deutschen Atombombe werden seit Jahrzehnten - zumindest im anglo-amerikanischen Raum - äußerst kontrovers diskutiert. So begleitete Weizsäcker Heisenberg 1941 zu einem Treffen mit Niels Bohr im damals deutsch besetzten Kopenhagen. Weizsäckers eigenem Bekunden nach sei es beiden darum gegangen, eine Physiker-Allianz zu schmieden, die über die Grenzen der Kriegsgegner hinweg den Bau von Atomwaffen verhindern sollte. Bohr hat die - unter vier Augen erfolgte - Gesprächseröffnung Heisenbergs offenbar jedoch als Einladung zur Beteiligung am Bau der deutschen Atomwaffe interpretiert. Die Begegnung von Heisenberg und Bohr ist Gegenstand eines zeitgenössischen Theaterstücks (Kopenhagen von Michael Frayn). Im deutschsprachigen Raum wurde u.a. die Verstrickung Weizsäckers in den deutschen Atombombenbau in dem 2009 erschienenen Roman "Warten auf den Anruf" von Birgit Rabisch thematisiert. 1945 gehörte er zu den von den Alliierten im Rahmen der Alsos-Mission in Farm Hall (Südengland) internierten deutschen Wissenschaftlern, zusammen mit Otto Hahn, Max von Laue, Werner Heisenberg, Walther Gerlach, Erich Bagge, Horst Korsching, Kurt Diebner und Paul Harteck.

(Biographie: Wikipedia)