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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Voltaire
über Gut und Böse und das Wesen Gottes.
 


Meier-Classen: Francois-Marie Arouet - oder Monsieur Voltaire, wie ich Sie lieber nennen möchte, da Sie unter diesem Namen bekannt geworden sind: Sie haben sich mit dem Guten und dem Bösen befasst. Es sind dies, nach Ihrer Meinung, die ebenso schwierigsten wie wichtigsten Fragen. Weshalb?

Voltaire: Sie umfassen das ganze menschliche Leben. Weit wichtiger wäre es, ein Heilmittel gegen unsere Übel zu finden, doch es gibt keine, und wir sind leider auf die traurige Aufgabe angewiesen, ihrem Ursprunge nachzuforschen.

Meier-Classen: Diesem Ursprung forscht man allerdings schon seit Urzeiten nach.

Voltaire: Es wurde versucht, diesen Mischmasch von Gutem und Bösem zu erklären. Darum ersann man zwei Grundwesen, Oromazes, den Urheber des Lichts, und Arimanes, den Urheber der Finsternis. Auch die Büchse der Pandora, die beiden Fässer des Zeus -

Meier-Classen. Sie meinen das Fass, das Zeus mit allen Gütern der Welt gefüllt und den Menschen überlassen hat? Als diese aus Neugierde den Deckel angehoben hatten, stiegen die Güter wieder zum Himmel hinauf und nur die Hoffnung blieb zurück.

Voltaire: Es wurde schon hinlänglich gezeigt wie schwer es den Christen, die nur einen Gott verehren, war, die Argumente der Manichäer, die zwei Götter, einen guten und einen bösen annahmen, genügend zu widerlegen. So alt das System der Manichäer auch sein mag, so ist es darum doch seinem Wesen nach um nichts vernünftiger. Abgesehen von der Offenbarung, in Folge deren man Alles glauben muss, erklären die christlichen Lehrer den Ursprung des Guten und des Bösen nicht besser, als die Anhänger Zoroasters.

Meier-Classen: Für die Christen ist Gott ein guten Vater und gerechter Herrscher.

Voltaire: Dieser Vater voll unendlicher Zärtlichkeit für seine Kinder, wie konnte dies unendlich mächtige Wesen Geschöpfe nach seinem Bilde ins Dasein rufen, um sie einen Augenblick darauf von einem bösartigen Wesen in Versuchung führen, um sie in der Versuchung unterliegen, um sie, die er doch unsterblich geschaffen, sterben zu lassen, um endlich ihre Nachkommenschaft mit Elend und Verbrechen zu überhäufen? Ein Vater, der seine Kinder tötet, ist ein Ungeheuer. Ein König, der seine Untertanen in die Falle gehen lässt, um einen Vorwand zu haben, sie zu bestrafen, ist ein fluchwürdiger Tyrann. Setzt man bei Gott dieselbe Güte voraus, die man von einem Vater, dieselbe Gerechtigkeit, die man von einem König fordert, so gibt es für Gott keinerlei Rechtfertigung.

Meier-Classen: Da ist offensichtlich ein Widerspruch zwischen dem vermeintlich guten Gott und unserer Alltagserfahrung.

Voltaire: Dieser Widerspruch ist empörend. Wie kann Gott, der doch später das Menschengeschlecht durch den Tod seines einzigen Sohnes erlöst, oder der vielmehr, selbst zum Menschen geworden, für die Menschen stirbt, wie kann er eben jenes Menschengeschlecht, für das er gestorben, fast ohne Ausnahme dem Schrecken ewiger Qualen preisgeben? Es ist kaum etwas Entsetzlicheres und Abscheulicheres denkbar.

Meier-Classen: Da hat Gott ofenbar sehr menschliche oder gar allzu menschliche Züge.

Voltaire: Es ziemt uns nicht, Gott menschliche Attribute beizulegen, es ziemt uns nicht, Gott nach unserm Bilde zu schaffen. Menschliche Gerechtigkeit, menschliche Güte, menschliche Weisheit, das alles lässt sich unmöglich auf ihn übertragen. Die Philosophie lehrt uns, dass diese Welt ihre Einrichtung von einem unbegreiflichen, ewigen, durch seine eigne Natur bestehenden Wesen empfangen haben muss. Aber, wie gesagt, die Natur gibt uns keine Auskunft über die Attribute dieser Natur. Wir wissen, was es nicht ist, nicht aber, was es ist.

Meier-Classen: So gibt es für Gott weder Gutes noch Böses, weder Physisches noch Moralisches?

Voltaire: Das größte aller physischen Übel ist unstreitig der Tod. Sollte ein Körper wie der unsrige, unauflöslich und unvergänglich sein, so dürfte er nicht aus Teilen bestehen, er dürfte nicht geboren werden, dürfte keine Nahrung zu sich nehmen können, dürfte keines Wachstums und keiner Veränderung fähig sein. Man prüfe alle diese Fragen, die jeder willkürlich erweitern kann, und man wird feststellen, dass der Satz, der Mensch könne unsterblich sein, einen Widerspruch enthält.

Meier-Classen: Wenn wir, wie Sie vorhin gesagt hatten, nicht wissen, was oder wie Gott ist, wie lässt sich dann feststellen, was ihm Gut und Böse, was ihm unsere Gedanken und unser Handeln bedeuten?

Voltaire: Was liegt dem ewigen Wesen daran, ob eine Handvoll gelben Metalls in Hieronymus' oder Bonaventuras Händen ist? Wir haben notwendige Wünsche, notwendige Leidenschaften, notwendige Gesetze, um sie zu unterdrücken. Während wir uns auf unserm Ameisenhaufen um einen Strohhalm zanken, geht das Universum seinen Gang nach ewigen und unwandelbaren Gesetzen, denen auch das Atom, was wir Erde nennen, unterworfen ist.

Meier-Classen: Monsieur Voltaire, danke für dieses Gespräch!


 


 

 

 

 



Voltaire (1694 - 1778), eigentlich François Marie Arouet , war einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert deshalb auch „das Jahrhundert Voltaires“ (le siècle de Voltaire). Der Aufklärer Voltaire schrieb für eine französischsprachige europäische Oberschicht, zu der nicht nur Adelige, sondern auch das aufstrebende Bürgertum gehörte. Viele seiner etwa 750 Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden umgehend in andere europäische Sprachen übertragen. Voltaire, der über hervorragende Englisch- und Italienischkentnisse verfügte, veröffentlichte auch in diesen Sprachen einige Texte. Voltaire verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens außerhalb Frankreichs und kannte daher die Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus eigener Anschauung. Mit der Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche war Voltaire ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. Seine Waffen im Kampf für seine Vorstellungen waren ein immenses Wissen, Phantasie, Einfühlungsvermögen, ein präziser und allgemein verständlicher Stil sowie Sarkasmus und Ironie.