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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Thomas von Aquin
über Erkenntnisse, freien Willen und Lebensziele.
 


Meier-Classen: Thomas von Aquin, in Ihrem unvollendet gebliebenen Werk "Summa theologica" steht der Satz: Niemand gewahrt sich erkennend ausser dadurch, dass er etwas erkennt. Wie ist dieser seltsame Satz zu verstehen?

Thomas: Etwas zu erkennen ist früher als zu erkennen, dass man erkennt. Darum gelangt die Seele erst durch das, was sie erkennt oder gewahrt, dazu, ausdrücklich wahrzunehmen, dass sie selbst ist. Unser Geist vermag nicht auf diese Weise sich selbst zu erkennen, dass er sich selbst unmittelbar gewahrte, sondern nur dadurch, dass er anderes gewahrt, gelangt er zur Erkenntnis seiner selbst.

Meier-Classen: Weshalb kommt in Ihrer Antwort die Seele mit ins Spiel?

Thomas: Das Wirkliche ist immer auch in der Seele, und zwar nicht auf seine eigene Weise, sondern in der Weise der Seele, also auf geistige Weise. Es ist die Seele, die alle Dinge in den ewigen Wesensbildern erkennt.

Meier-Classen: Diese Wesensbilder sind gewissermassen vor-gebildete Ideen der Wirklichkeit, die der Mensch beim Erkennen gewissermassen nach-bildet?

Thomas: Dadurch sind wir fähig zu erkennen. Das Erkenntnislicht nämlich, das in uns wohnt, ist nichts anderes, als ein uns teilhaftig gewordenes Abbild des ungeschaffenen Lichtes, in welchem die ewigen Wesensbilder enthalten sind.

Meier-Classen: Das bedeutet, dass jedem Mensch ein "Erkenntnislicht" eigen ist, das ihn zur Erkenntnis erst befähigt, gewissermassen ein göttliches Licht, durch welches es erst möglich wird, die Wahrheit zu erkennen? Etwa so, wie wir mit unseren Augen des Lichtes bedürfen, um sehen zu können?

Thomas: So ist es. Erkennende Wesen unterscheiden sich von den nicht-erkennenden darin, dass die nicht-erkennenden nichts haben, als nur ihre eigene Wesensform. Das erkennende Wesen aber ist darauf angelegt, die Wesenform auch des zu Erkennenden zu haben.

Meier-Classen: Mit anderen Worten: Das Bild des zu Erkennenden ist im Erkennenden enthalten. Die Wahrheit zu erkennen würde heissen, sie auch in sich selbst zu haben?

Thomas: Richtig. Die Erkenntnis vollendet sich darin, dass das Erkannte in seinem Wesensbilde mit dem Erkennenden eins wird. Aehnlich ist es mit der Liebe: Sie macht, dass das, was geliebt wird, in gewissem Sinn eins wird mit dem Liebenden. So hat die Liebe sogar mehr einende kraft als die Erkenntnis.

Meier-Classen: Also Erkenntnis ist, wenn das Erkannte im Erkennenden ist. Liebe aber ist, wenn der Liebende mit dem geliebten Wirklichen sich vereint.

Thomas: Darum ist es besser, Gott zu lieben als ihn zu erkennen. Dagegen ist es besser, die körperlichen Dinge zu erkennen, statt sie zu lieben. Von der Liebe heisst es, sie bilde den Liebenden um in das Geliebte. Die Erkenntnis aber schafft Ähnlichkeit, sofern im Erkennenden ein Abbild des Erkannten entsteht. Und wo immer geistige Erkenntnis steht, da ist auch ein freier Wille.

Meier-Classen: Umgekehrt würde dies bedeuten, dass dort. wo keine geistige Erkenntnis herrscht, auch keine Entscheidungen aus freiem Willen möglich sind?

Thomas: Herr unseres Tuns sind wir, sofern wir uns für dies oder für jenes entscheiden können. Sich für das Böse entscheiden zu können, gehört allerdings nicht zum Wesen des freien Willens. Es folgt nur aus dem freien Willen jener Wesen, die des Versagens fähig sind. Wohin wir naturhaft hinneigen, das unterliegt nicht der freien Entscheidung.

Meier-Classen: Ein freier Wille ist also nur jener, der aus der Erkenntnis oder der Vernunft folgt, triebhafte Entscheidungen sind keine Entscheidungen des freien Willens.

Thomas: Ja, und auch eine gute Erkenntniskraft macht noch keinen guten Menschen, sondern erst der gute Wille. An sich betrachtet, ist jedes Wollen stets böse, das abweicht von der Vernunft, gleichviel, ob sie recht ist oder irrend.

Meier-Classen: So könnte man sagen, dass das Gute des Menschen seine Ursache und Wurzel in der Vernunft hat?

Thomas: Ja. Der Quellgrund allen menschlichen Tuns ist die Vernunft. Und falls sich auch weitere Quellen finden lassen - auf irgendwelche Weise gehorchen auch sie der Vernunft. Wenn ein Mensch ein Ziel hat, beschliesst seine Vernunft darüber, wie er dieses Ziel erreichen kann. Das Wollen richtet sich auf das Ziel, die Entscheidung auf das, was zum Ziel führt. Also nicht über das Ziel macht man sich Gedanken, sondern allein über die Wege, die zum Ziel führen. Alles, was der Mensch begehrt, begehrt er um des letzten Zieles willen.

Meier-Classen: Dies steht im Gegensatz zu der fernöstlichen Weisheit die lautet: der Weg ist das Ziel.

Thomas: Der Wille begehrt allein nur das Ziel, aber nichts von all dem, was zum Ziel führt. Mit dem Weg zum Ziel befasst sich nur die Vernunft..

Meier-Classen: So ist das Sehen dies Ziel das Wichtigste, um es zu erreichen?

Thomas: Das Sehen des Ziels bietet keine Gewähr, es auch zu erreichen. Wenn einer Farben sieht, sieht er zugleich auch das Licht. Man kann aber auch nur das Licht sehen ohne die Farben wahrzunehmen. Ähnlich ist es mit dem Ziel und dem Weg zum Ziel: Wann immer einer die Wege zum Ziel sieht, sieht er auch das Ziel. Das Umgekehrte aber gilt nicht.

Meier-Classen: Wir sind nicht am Ziel, aber am Ende unseres Gespräches angelangt. Thomas von Aquin - herzlichen Dank!


 


 

 

 

 





Thomas von Aquin (1225 - 1274) auch Thomas Aquinas oder der Aquinate; it. Tommaso d'Aquino, war Dominikaner und einer der einflussreichsten Philosophen und Theologen der Geschichte. Thomas von Aquin gehört zu den bedeutendsten katholischen Kirchenlehrern und ist seiner Wirkungsgeschichte nach ein Hauptvertreter der Philosophie des hohen Mittelalters, d. h. der Scholastik. Er hinterließ ein sehr umfangreiches Werk, das etwa im Neuthomismus und der Neuscholastik bis in die heutige Zeit nachwirkt. In der römisch-katholischen Kirche wird er als Heiliger verehrt.