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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Max Stirner
über das Recht des Stärkeren


Max Stirner  

Meier-Classen: Max Stirner, Sie werden oft als Wegbereiter des Anarchismus genannt. Sie haben Karl Marx ebenso wie Friedrich Nietzsche beeinflusst und Sie hätten, so sagen einige, die Poststrukturalisten wie Foucault, Derrida und andere vorweggenommen oder gar über sie hinweg gewiesen. Wie, Max Stirner, denkt einer, vom dem man behauptet, er sei ein Vorläufer des Anarchismus, über das Thema "Recht"?

Stirner: Alles bestehende Recht ist - fremdes Recht, ist Recht, welches man mir "gibt", mir "widerfahren lässt". Hätte Ich aber darum Recht, wenn alle Welt mir Recht gäbe?

Meier-Classen: Sie sagen, Max Stirner, alles bestehende Recht sei fremdes Recht, sei ein Recht, das man ihnen gebe oder Ihnen widerfahren lasse. Und Sie stellen auch gleich in Frage, ob Sie auch tatsächlich Recht hätten, gäbe alle Welt Ihnen Recht.

Stirner: Was ist das Recht, das Ich im Staate, in der Gesellschaft, erlange, anderes, als ein Recht von Fremden? Wenn ein Dummkopf mir Recht gibt, so werde Ich misstrauisch gegen mein Recht; Ich mag sein Rechtgeben nicht.

Meier-Classen: Und wenn statt eines Dummkopfes ein Weiser Ihnen Recht gibt?

Stirner: Auch dann habe ich das Recht doch noch nicht. Ob ich Recht habe, ist völlig unabhängig von dem Rechtgeben des Toren und des Weisen.

Meier-Classen: Wenn wir Recht suchen, wenden wir uns ans Gericht.

Stirner: An welches Gericht? An ein königliches, ein päpstliches, ein Volksgericht? Kann ein sultanisches Gericht ein anderes Recht sprechen, als dasjenige, welches der Sultan zu Recht verordnet hat? Kann es mir Recht geben, wenn ich ein Recht suche, das nicht mit dem Sultansrechte übereinstimmt? Kann es mir z. B. den Hochverrat als ein Recht einräumen, da er doch nach des Sultans Sinne kein Recht ist? Kann es als Zensurgericht mir die freie Meinungsäusserung als Recht gewähren, da der Sultan von diesem meinem Rechte nichts wissen will? Was suche Ich also bei diesem Gerichte? Ich suche sultanisches Recht, nicht mein Recht; Ich suche - fremdes Recht.

Meier-Classen: Also gibt es darüber, ob Sie Recht haben oder nicht, keinen anderen Richter als nur Sie selbst?

Stirner: Ja. Andere können nur darüber urteilen und richten, ob sie meinem Rechte beistimmen, und ob es auch für sie als Recht bestehe. Ich soll das sultanische Recht verehren im Sultanat, das Volksrecht in Republiken, das kanonische Recht in katholischer Gemeinde usw. Diesen Rechten soll Ich Mich unterordnen, soll sie für heilig halten.

Meier-Classen. Die Mehrheit bestimmt, was Rechtens ist. Das Recht "Aller" geht vor…

Stirner: Als ein Recht Aller wäre es allerdings auch mein Recht, da Ich zu allen mitgehöre; allein, dass es zugleich ein Recht anderer oder gar aller andern ist, das bewegt mich nicht zur Aufrechterhaltung desselben. Nicht als ein Recht Aller werde Ich es verteidigen, sondern als mein Recht, und jeder andere mag dann zusehen, wie er sich's gleichfalls bewahre.

Meier-Classen: In dem Sinne, dass jeder vor seiner eigenen Türe kehren soll, also sich lediglich um sein eigenes Recht kümmern soll?

Stirner: Das Recht Aller, zum Beispiel das Recht zu essen, ist ein Recht jedes Einzelnen. Halte sich jeder dies Recht unverkümmert, so üben es von selbst alle; aber sorge er doch nicht für alle, ereifere er sich dafür nicht als für ein Recht Aller.

Meier-Classen: So kann sich jeder ganz wie er will, sich sein Recht nehmen?

Stirner: Nein. Nur was Du zu sein die Macht hast, dazu hast Du das Recht. Kinder haben kein Recht auf die Mündigkeit, weil sie nicht mündig sind, d. h. weil sie Kinder sind. Ich leite alles Recht und alle Berechtigung aus mir her; Ich bin zu Allem berechtigt, dessen Ich mächtig bin. Ich bin berechtigt, Zeus, Jehova, Gott usw. zu stürzen, wenn ich's kann; kann ich's nicht, so werden diese Götter stets gegen mich im Rechte und in der Macht bleiben,

Meier-Classen: Aha, ich verstehe: die Mächtigeren bestimmen, was Recht ist.

Stirner: Gewiss. Ich aber werde mich vor ihrem Rechte und ihrer Macht fürchten. In ohnmächtiger "Gottesfurcht", werde ich ihre Gebote halten und glauben, dass ich, in allem, was ich nach ihrem Rechte tue, mit Recht zu tun glaube.

Meier-Classen: Blinder Gehorsam…

Stirner: Wie etwa die russischen Grenzwächter sich für berechtigt halten, die entrinnenden Verdächtigen totzuschiessen, indem sie "auf höhere Autorität", d. h. "mit Recht" morden.

Meier-Classen: Und wer nicht auf Anordnung anderer mordet?

Stirner: Ich bin durch mich berechtigt zu morden, falls ich mir dies nicht selbst verbiete, also wenn ich selbst mich nicht vor dem Morde als vor einem "Unrecht" fürchte.

Meier-Classen: Sigmund Freud würde hier vom psychischen Apparat reden: das Normen gebende "Über-Ich" und das Entscheidungen treffenden "Ich".

Stirner: Wie bitte?

Meier-Classen: Oh, Verzeihung! Sigmund Freud wurde ja erst 1856 geboren, just in dem Jahr, als Sie, Max Stirner, diese Welt verlassen hatten: Sie scheinen hier schon einiges von der späteren Psychoanalyse vorweggenommen zu haben. Doch kommen wir auf Ihre Argumentation zurück: Sie sagten, dass nur Sie entscheiden -

Stirner: Nur Ich entscheide, ob es in mir das Rechte ist; ausser mir gibt es kein Recht. Ist es mir recht, so ist es recht. Möglich, dass es darum den andern noch nicht recht ist; das ist ihre Sorge, nicht meine: sie mögen sich wehren. Und wäre etwas der ganzen Welt nicht recht, mir aber wäre es recht, d. h. Ich wollte es, so früge Ich nach der ganzen Welt nichts. So macht es Jeder, der sich zu schätzen weiss, Jeder in dem Grade, als er Egoist ist, denn Gewalt geht vor Recht, und zwar - mit vollem Rechte.

Meier-Classen: Sie billigen den Kindern nicht "von Natur" das Recht zu existieren zu?

Stirner: Wie war das mit den Spartanern? Sie versagten diesem Recht die Anerkennung. Die Kinder hatten auf diese Anerkennung so wenig ein Recht wie darauf, dass die Wilden Tiere, denen sie vorgeworfen wurden, ihr Leben anerkennen sollten.

Meier-Classen: Also kann man nicht sagen, dass die Strafe für den Verbrecher gerecht sei?

Stirner: Man sagt, die Strafe sei das Recht des Verbrechers. Allein die Straflosigkeit ist ebenso sein Recht. Gelingt ihm sein Unternehmen, so geschieht ihm Recht, und gelingt's nicht, so geschieht ihm gleichfalls Recht. Wie du dich bettest, so schläfst du. Gutmütige Leute meinen, die Gesetze müssten nur das vorschreiben, was im Gefühl des Volkes als recht und billig gelte. Was aber geht es mich an, was im Volke und dem Volke gilt?

Meier-Classen: Max Stirner, Ihre Meinung zur Gerechtigkeit ist keine leicht verdauliche Kost, sie ruft zumindest zum Nachdenken auf. Besten Dank für dieses Gespräch.








Max Stirner
Pseudonym für Johann Caspar Schmidt, geb. 25. Oktober 1806 in Bayreuth; gest. 25. Juni 1856 in Berlin. Deutscher Philosoph und Journalist. Johann Caspar Schmidt stammte aus bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater fertigte Holzblasinstrumente; er starb, als Johann Caspar ein halbes Jahr alt war. Seine Mutter heiratete zwei Jahre später einen Apotheker und zog von Bayreuth nach Culm/Westpreußen. Johann Caspar wuchs in Bayreuth bei seinen Pateneltern auf.


Ab circa 1843 arbeitete er am Manuskript seines Werkes Der Einzige und sein Eigentum. Dieses erschien im Oktober 1844.

Stirner war zweimal verheiratet. Seine erste Frau starb 1838 im Kindbett; auch das Kind konnte nicht gerettet werden. 1843 heiratete Stirner Marie Dähnhardt, die Tochter eines wohlhabenden Apothekers. Das Paar trennte sich 1846. Marie konvertierte zur katholischen Kirche und ging nach England.

Nur sehr wenige Originaldokumente von und über Stirner sind erhalten geblieben.

(Quelle: Wikipedia.)


Herkules im Kampf mit Antaios. Gemälde von Antonio Pollaiuolo, 1432-1498.