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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Baruch de Spinoza
über mehrere oder mindere Vollkommenheit



 

Meier-Classen: Baruch de Spinoza, Sie haben geschrieben, dass der Mensch den Gesetzen des Schicksals untersteht, dessen Macht er dermassen unterworfen ist, dass er oft gezwungen ist, dem Schlimmeren zu folgen, obgleich er das Bessere sieht. Vielleicht ist es tröstlich zu wissen, dass das Bessere immerhin gesehen wird. Doch das Bessere und das Schlimmere, das Gute und das Schlechte - was bedeuten diese gewichtigen Begriffe überhaupt?

Spinoza: Gutes und Schlechtes, Vollkommenes und Unvollkommenes, ich kann das erklären: Wenn Sie jemanden ein Haus bauen sehen und das Haus ist halbwegs fertig, werden Sie es als unvollkommen bezeichnen. Ist es aber fertig und so gelungen, wie sein Erbauer es wollte, dann kann man es vollkommen nennen. Betrachten Sie jedoch etwas Ihnen Unbekanntes, von dem Sie auch den Urheber nicht kennen, dann ist es unmöglich zu wissen, ob diese Sache vollkommen oder unvollkommen ist.

Meier-Classen: Nun, ich habe natürlich so meine Ideen, nach denen ich gleichwohl etwas als vollkommen oder unvollkommen zu bezeichnen wage.

Spinoza: Das zeigt deutlich, wie sehr die Menschen gewöhnt sind, die natürlichen Dinge mehr aus einem Vorurteil heraus als im Sinne wahrer Erkenntnis vollkommen oder unvollkommen zu nennen. Die Natur jedoch handelt nicht, wie der Erbauer eines Hauses, um eines Zweckes willen. Vollkommenheit und Unvollkommenheit sind also tatsächlich nur Formen des menschlichen Denkens, nämlich Begriffe, die wir dadurch zu bilden pflegen, dass wir Individuen und Dinge derselben Art oder Gattung miteinander vergleichen.

Meier-Classen: Das würde bedeuten, dass wir alles Natürliche und alles nicht von uns Geschaffene weder als gut noch als schlecht bewerten können?

Spinoza: Auch gut und schlecht sind nur Formen des Denkens. Es sind Begriffe, die wir dadurch bilden, dass wir die Dinge miteinander vergleichen.

Meier-Classen: Das ist richtig, ein und dasselbe Ding kann ja gleichzeitig gut und schlecht sein, je nach dem, wie man es betrachtet…

Spinoza: Oder es kann auch indifferent sein. Zum Beispiel die Musik. Sie ist für den Schwermütigen gut, für den Trauernden schlecht, für den Tauben weder gut noch schlecht.

Meier-Classen: Da würden wir gut und schlecht wohl am besten aus unserem Wortschatz streichen?

Spinoza: Auf keinen Fall! Denn wenn wir uns eine Vorstellung oder eine Idee des Menschen bilden, und diese Idee als vorbildliches Muster der menschlichen Natur uns vor Augen halten wollen, dann sollten wir die Wörter gut und schlecht beibehalten - genau in dem Sinne, wie ich das eben erläutert habe.

Meier-Classen: Gut wäre dann also was...?

Spinoza: Gut ist dann alles das, von dem wir mit Sicherheit wissen, dass es uns hilft, uns dem vorbildlichen Muster der menschlichen Natur, das wir uns aufstellen, mehr und mehr zu nähern. Und schlecht…

Meier-Classen: …schlecht wäre dann alles, was uns daran hindert, diesem Vorbild ähnlich zu werden?

Spinoza: Ja. Und vollkommener oder unvollkommener können wir einen Menschen bezeichnen, je mehr oder je weniger er sich dieser Idee oder diesem uns vorgestellten Exemplar nähert. Wenn ich sage, jemand geht von geringerer zu größerer Vollkommenheit über und umgekehrt, meine ich natürlich nicht, dass er in ein anderes Wesen oder in eine andere Form verwandelt wird. Ich meine damit nur, dass sein Tätigkeitsvermögen im Sinne seiner eigenen Natur sich vermehrt oder vermindert hat.

Meier-Classen: Unter dem etwas seltsamen Wort Tätigkeitsvermögen verstehen Sie vermutlich die Verwirklichung seines Potenzials? Ob ein Mensch sich also der Idee des Menschen mehr genähert oder sich von ihr mehr entfernt hat, lässt ihn als vollkommener oder unvollkommener bezeichnen? Vollkommenheit im Allgemeinen würde nun also die Idee oder das Wesen oder das Potenzial eines jeden Dinges bedeuten, nicht wahr?

Spinoza: Ja, sofern dieses Ding auf gewisse Weise existiert und wirkt, ohne dabei auf seine Dauer Rücksicht zu nehmen.

Meier-Classen: Warum, lieber Spinoza, bringen Sie jetzt noch die Dauer mit ins Spiel? Kaum glaubte ich begriffen zu haben, was Sie meinen, schon machen Sie alles wieder viel komplizierter!

Spinoza: Die Dauer ist ein sehr wichtiger Punkt. Denn kein Einzelding kann deswegen vollkommener genannt werden, nur weil es längere Zeit im Dasein verharrt hat als ein anderes.

Meier-Classen: Ein Greis ist demnach nicht vollkommener als ein Jüngling, das klingt modern. Alter schützt vor Torheit nicht. Können Sie das mit der Dauer auch belegen?

Spinoza: Die Dauer der Dinge kann aus ihrem Wesen nicht bestimmt werden, weil das Wesen der Dinge keine sichere und bestimmte Zeit der Existenz in sich schließt. Ob ein Ding mehr oder weniger vollkommen ist - es wird mit derselben Kraft, mit der es zu existieren angefangen hat, in der Existenz verharren können, so dass in dieser Hinsicht alle Dinge einander gleich sind.

Meier-Classen: Ich verstehe dies in dem Sinne, dass das Leben und die Lebenskraft einer Eintagsfliege sich nicht grundsätzlich unterscheiden weder vom Leben und der Lebenskraft anderer Tiere noch von Pflanzen oder Menschen. Ich will es bei dieser Interpretation belassen. Baruch de Spinoza, herzlichen Dank für dieses Gespräch.





Baruch de Spinoza, portugiesisch: Bento de Espinosa, latinisiert: Benedictus de Spinoza (geboren 24. November 1632 in Amsterdam; gestorben 21. Februar 1677 in Den Haag), war ein niederländischer Philosoph mit sephardischen (iberisch-jüdischen) Vorfahren. Er wird dem Rationalismus zugeordnet und gilt als einer der Begründer der modernen Bibelkritik.

Spinoza nimmt in der Philosophiegeschichte eine Sonderstellung ein, er gehörte weder einer etablierten philosophischen Schule an noch begründete er selber eine neue. Sicherlich war er einer der radikalsten Philosophen der Frühen Neuzeit.

Die Philosophie Spinozas, die anfänglich nur in Holland einen kleinen Kreis von Anhängern besaß , fand ein Jahrhundert später bei Denkern ersten Ranges wie Lessing, Herder oder Goethe Anklang. Jacobi erregte schließlich großes Aufsehen mit seiner Veröffentlichung Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn, worin er Lessing postum des „Spinozismus“ bzw. der Gottlosigkeit verdächtigte und Moses Mendelssohn als dessen Freund darüber auszufragen anfing. Dies ging als „Pantheismusstreit“ in die Philosophiegeschichte ein. Fichte, Schlegel, Schleiermacher, Schelling sowie Hegel griffen Spinozas Ideen teilweise auf und diskutierten sie gemeinsam im Zusammenhang mit den Kritiken Kants. Auch Dichter wie William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge, Percy Shelley und Georg Büchner ließen sich von Spinoza inspirieren. Ludwig Feuerbach pries Spinoza als den „Moses der modernen Freigeister und Freidenker“. Heinrich Heine schrieb: "Wenn man den Spinoza einst aus seiner starren, altkartesianischen, mathematischen Form erlöst, und ihn dem großen Publikum zugänglicher macht, dann wird sich vielleicht zeigen, dass er mehr als jeder andere über Ideendiebstahl klagen dürfte. Alle unsere heutigen Philosophen, vielleicht oft ohne es zu wissen, sehen sie durch die Brillen die Baruch Spinoza geschliffen."