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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Bruno Snell
über den griechischen Geist im europäischen Denken


 

Meier-Classen: Professor Bruno Snell, Sie haben 1950 die Mommsen-Gesellschaft gegründet, eine Gesellschaft deutscher Forscher für Altertumswissenschaften. Seit 1989 vergibt die Gesellschaft jährlich den nach Ihnen benannten Bruno-Snell-Preis für herausragende Arbeiten junger Forscher im Bereich des griechisch-römischen Altertums. Sie haben auf diesem Fachgebiet auch selber hervorragende Leistungen erbracht und verschiedene Publikationen herausgegeben. Ich beziehe mich hier auf Ihr Buch von 1946, "Die Entdeckung des Geistes - Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen".

Bruno Snell: Ja, unser europäisches Denken hebt an bei den Griechen, und seitdem gilt es als die einzige Form des Denkens überhaupt. Die Griechen haben nicht nur mit Hilfe eines schon vorweg gegebenen Denkens nur neue Gegenstände, etwa Wissenschaft und Philosophie, gewonnen und alte Methoden, etwa ein logisches Verfahren, erweitert, sondern haben, was wir Denken nennen, erst geschaffen: die menschliche Seele, der menschliche Geist ist von ihnen entdeckt. Eine neue Selbstauffassung des Menschen liegt dem zugrunde.

Meier-Classen: Spontan würden wohl viele sagen, unser europäisches Denken sei aus dem Christentum entstanden und von diesem so geprägt, dass andere Denkweisen weitgehend ausgesperrt werden. Nicht nur das Mittelalter, sondern auch unsere Gegenwart liefert viele Beispiele dafür. Die Griechen haben sehr zahlreiche Götter, die Christen nur einen.

Bruno Snell:"Alles ist voll von Göttern." Niemand macht diesen alten griechischen Spruch deutlicher als Hesiod, der in seiner Theogonie an die 300 Götter aufführt. Das Leben dieser religiösen Vorstellungen kann sich nur erschliessen wenn man jeden einzelnen Namen, den er nennt, darauf prüft, was er bedeutet. Galene etwa, die Windstille ist eine seiner Nereiden. Galene ist aber im Griechischen auch das gewöhnliche Wort für Windstille - also ein Abstraktum.

Meier-Classen: Da zeigt sich die Bildung von abstrakten Begriffen, die eine Grundlage für wissenschaftliches Denken sind. Interessant ist, dass diese Begriffe auf Götter zurückzuführen sind, eine nicht greifbare Realität. Das erinnert an Platons Ideenlehre Ideen als unveränderliche und unvergängliche Begriffe im Gegensatz zu den Erscheinungen. Aristoteles hatte diese Ideen als nicht seiende reine Abstrahierungen von den existierenden Dingen kritisiert. Er stand der Welt der Götter weniger nah als Platon. Diese Vielzahl der Götter gab den Griechen wohl auch eine andere Denkweise als der Monotheisten den Christen?

Bruno Snell: Dem Griechen sind seine Götter so natürlich und selbstverständlich, dass er nicht einmal auf den Gedanken kommt, andere Völker könnten einen anderen Glauben oder andere Götter haben. Als Herodot Ägypten besuchte und dort die einheimischen Götter kennen lernte, verstand es sich ihm von selbst, dass er dort auch Apolon, Dionysos und Artemis fand. Bupastis heisst auf griechisch eben Artemis, den Horos nennen die Griechen Apoll, Osiris ist in griechischer Sprache Dionysos und so fort. Darin denken die Griechen also anders als Juden, Christen und Mohammedaner, für die es nur ihren eigenen, allein wahren und einzigen Gott gibt.

Meier-Classen: So haben die Griechen einfach die Namen ihrer Götter auf fremde Götter übertragen und auch deren andere bildliche Darstellung und andern Kult akzeptiert?

Bruno Snell: Ja. Wie etwa der König auf griechisch anders heisst als auf ägyptisch, wie er andere Insignien trägt als ein griechischer oder wie das Schiff und die Strasse anders heissen und anders aussehen als in Griechenland, so sind auch die ägyptischen Götter anders, aber sie lassen sich geradezu übersetzen in griechische Sprache und griechische Vorstellung.

Meier-Classen: Eine Offenheit und Toleranz, die dem europäischen Denken völlig fremd ist.

Bruno Snell: Ja, darin denken die Griechen anders als Juden, Christen und Mohammedaner, für die es nur ihren eigenen, allein wahren und einzigen Gott gibt.

Meier-Classen: Und dennoch wurde Sokrates unter anderem wegen Missachtung der Götter zum Tode verurteilt.

Bruno Snell: Diese Prozesse wegen Gottlosigkeit galten nie "Andersgläubigen", d.h. Anhängern einer anderen Religion oder eines anderen Glaubens, sondern Philosophen. Diese wurden nicht verklagt, weil sie ein bestimmtes Dogma bestritten, denn ein solches kannte die griechische Religion nicht, und wir hören auch nie davon, dass etwa ein griechischer Philosoph aufgefordert wäre, seiner Irrlehre abzuschwören, sondern die Philosophen waren angeklagt wegen Asebie, wie das griechische Wort heisst, wegen Frevels gegen die Götter.

Meier-Classen: Bei der Christenverfolgung durch die Römer war es mit dieser Toleranz Andersgläubigen gegenüber dann wohl vorbei…

Bruno Snell: Nie wird von den Christen verlangt, ihrem Glauben abzuschwören, sondern nur, die vorgeschriebenen Kulthandlungen auszuführen.

Meier-Classen: Diese Toleranz andern Religionen gegenüber kannten die Christen über alle die vergangenen Jahrhunderte hindurch offensichtlich nicht.

Bruno Snell: Wenn etwa die Christen nach Amerika kamen, waren ihnen die Götter der Indianer selbstverständlich Götzen oder Teufel.

Meier-Classen: Hätten Eroberer und Missionare den fremden Religionen gegenüber dieselbe Haltung gezeigt wie Griechen und Römer, hätte dies unendliches Leid vermeiden können. Ausserdem hätten die fremden Kulturen ihre eigenen Werte beibehalten können. Im Denken und in der Wissenschaft hat Europa das griechische Erbe weitergeführt. In moralischen und religiösen Belangen ist der Kontinent einen eigenen Weg gegangen. Bruno Snell, besten Dank für dieses Gespräch!






Bruno Snell

Bruno Snell (* 18. Juni 1896 in Hildesheim; † 31. Oktober 1986 in Hamburg) war Klassischer Philologe (Griechisch, Latein).

Der Absolvent des Johanneums Lüneburg studierte zunächst Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Edinburgh und Oxford, wandte sich dann jedoch dem Studium der Klassischen Philologie in Leiden, Berlin, München und Göttingen zu. Nach seiner Promotion 1922 in Göttingen habilitierte er sich 1925 an der Universität Hamburg über: Die geistesgeschichtliche Stellung der aischyleischen Tragödie. Anschließend ging er als deutscher Lektor nach Pisa. Von 1931 bis 1959 hatte er in Hamburg den Lehrstuhl für Klassische Philologie inne. 1944 begründete er dort die heute noch arbeitende Forschungsstelle „Thesaurus Linguae Graecae“.

Bruno Snell : „Unser europäisches Denken hebt an bei den Griechen. (...) Dies Verhältnis der Sprache zur wissenschaftlichen Begriffsbildung lässt sich, streng genommen, nur am Griechischen beobachten, da nur hier die Begriffe organisch der Sprache entwachsen sind: nur in Griechenland ist das theoretische Bewusstsein selbstständig entstanden, ...alle anderen Sprachen zehren hiervon, haben entlehnt, übersetzt, das Empfangene weitergebildet.“ (Bruno Snell : Die Entdeckung des Geistes, - Vandenhoeck & Ruprecht, 1986, Seiten 7 und 205)

Zudem leitete der entschiedene Gegner des Nationalsozialismus von 1945 bis 1946 als erster Dekan nach dem Zweiten Weltkrieg die Philosophische Fakultät und von 1951 bis 1953 stand er der Universität als Rektor vor. Darüber hinaus hatte er großen Anteil an der Einrichtung der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften e.V. 1947 sowie an der Gründung der Mommsen-Gesellschaft 1950. Snell war zudem eine Führungsfigur im Hamburger Büro des Kongresses für kulturelle Freiheit.

Snells Werk zeichnet sich durch akribische metrische Analysen und eingehende Berücksichtigung von Papyrusfunden aus. So erstellte er Ausgaben des Bakchylides und des Pindar sowie zwei Bände der Tragicorum Graecorum Fragmenta. Außerdem begründete er das Lexikon des frühgriechischen Epos. Snell war Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, München, Wien, Kopenhagen, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des P.E.N.. Er war Mitherausgeber der Zeitschriften Philologus, Antike und Abendland und Glotta.

1977 wurde er Mitglied des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste. Er erhielt 1976 das Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Im Gedenken an Bruno Snell verleiht die Mommsen-Gesellschaft seit 1989 jährlich den Bruno-Snell-Preis für herausragende Arbeiten junger Forscher im Bereich des griechisch-römischen Altertums.


(Quelle: http://www.luise-berlin.de, zitiert aus:
© Edition Luisenstadt, 1999)