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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Sextus Empiricus
über die Kunst der Skepsis



 

Meier-Classen: Sextus Empiricus, Sie haben sich eingehend mit dem Denken jener Philosophen befasst, die man Skeptiker nennt, wie zum Beispiel Pyrrhon von Elis. Die Skeptiker hinterfragen alles, sie lassen sich kein x für ein u vormachen und machen jede Aussage mit der Behauptung des Gegenteils zunichte. Sie spielen mit allen Igel und Hase - ist dies tatsächlich so?

Sextus Empiricus: Ich will vorab ein Wort zur Position der Skeptiker innerhalb der Philosophie sagen: Wenn jemand etwas sucht, dann wird er schliesslich entweder behaupten das Wahre gefunden zu haben oder eingestehen, dass es nicht gefunden werden kann oder er wird mit der Suche fortfahren. Erstere sind die Dogmatiker, die zweiten sind die Akademiker und die dritten die Skeptiker. Dies sind die drei hauptsächlichen Philosophien. Die skeptische Schule wird auch die suchende genannt.

Meier-Classen: Suchen im Sinne von Spitzfindigkeit?

Sextus Empiricus: Die Sekpsis ist eine Kunst - und dies nicht in irgendeinem ausgeklügelten sinne, sondern schlicht im Sinne von "können"! Es ist die Kunst, alle wie auch immer erscheinenden und gedachten Dinge einander entgegenzusetzen. Die Gleichwertigkeit der gegensätzlichen Argumente führt erst zur Zurückhaltung und schliesslich zur Seelenruhe.

Meier-Classen: Wie muss man sich diese entgegengesetzten Argumente vorstellen?

Sextus Empiricus: Es sind nicht unbedingt Verneinung und Bejahung, sondern schlicht "unverträgliche" Argumente. Das führt zu Gleichheit in Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit, so dass keines der unverträglichen Argumente das andere als glaubwürdiger überragt.

Meier-Classen: Und weshalb bringt dies Zurückhaltung und Seelenruhe?

Sextus Empiricus: Zurückhaltung ist das Stillstehen des Verstandes. Argumente werden weder verneint noch bejaht. Die geistig Höherstehenden unter den Menschen…

Meier-Classen: Sie meinen jene, die es sich leisten können, ihre Zeit mit Philosophieren totzuschlagen?

Sextus Empiricus: …sie sind beunruhigt durch die Verschiedenartigkeit der Dinge und ratlos, welchen man zustimmen soll. Das Hauptbeweisprinzip der Skepsis dagegen ist, dass jedem Argument ein gleichwertiges entgegensteht. Für den Skeptiker ist die eine Sache "nicht eher" wahr als die andere. Das motivierende Prinzip der Skepsis nennen wir die Hoffnung auf die Seelenruhe.

Meier-Classen: Nun gibt es aber auch Erkenntnisse, denen man nicht widersprechen kann. Dass Honig süss schmeckt, ist wohl nicht zu widerlegen?

Sextus Empiricus: Dass er uns süss zu schmecken scheint, das geben wir zu. Ob der Honig aber auch süss ist, das ist fraglich. Denn dies sagt nicht aus, wie der Honig uns erscheint, sondern es ist eine Aussage über den Honig selbst.

Meier-Classen: Darüber gibt die Naturlehre die beste Auskunft.

Sextus Empiricus: Der Skeptiker befasst sich mit der Naturlehre ebenso wie mit der Logik und der Ethik, Um jedem Argument ein gleichwertiges entgegensetzen zu können, befasst sich der Skeptiker mit der Naturlehre ebenso wie mit dem logischen und dem ethischen Teil der sogenannten Philosophie.

Meier-Classen: Dies alles um der Seelenruhe willen, wenn ich Sie richtig verstanden habe?

Sextus Empiricus: Das Ziel des Skeptikers ist die Seelenruhe in den auf dogmatischem Glauben beruhenden Dingen und das massvolle Leiden in den aufgezwungenen Dingen. Wer nämlich dogmatisch etwas der Natur für gut oder übel hält, wird fortwährend beunruhigt. Wer jedoch hinsichtlich der guten und der üblen Dinge der Natur keine bestimmte Überzeugung hat, der meidet oder verfolgt nichts mit Eifer - seine Seele hat Ruhe.

Meier-Classen: Ob dies praktisch wirklich so ist, würde ich bezweifeln. Sextus Empiricus, ich merke, wie das Gespräch mit Ihnen mich zum Widerspruch herausfordert und offensichtlich selber zum Skeptiker macht. Für Red' und Antwort mein herzlicher Dank!








Sextus Empiricus (Sextos Empeirikós) war ein Arzt und Philosoph im 2. Jahrhundert n. Chr., der mehrere Werke in griechischer Sprache verfasst hat.

Vom Leben des Sextus Empiricus ist nicht sehr viel bekannt. Aus einer Erwähnung bei Diogenes Laertios (9,116) ergibt sich, dass die erhaltenen Werke 180–200 n. Chr. verfasst sein dürften; aus Sextus’ Schriften geht hervor, dass er in Alexandria, Rom und Athen gewesen sein muss, der Ort seines Wirkens ist allerdings unbekannt. Der Beiname Empiricus deutet auf Zugehörigkeit zur antiken Ärzteschule der Empiriker hin. Er hatte einen Schüler mit dem Namen Saturninus

Sextus Empiricus hat die Grundannahme der „pyrrhonischen“ Skepsis, nämlich dass gesichertes Wissen unmöglich sei, auf so gut wie alle Wissensgebiete angewendet. Damit stellt sein Werk eine Art „negatives Kompendium“ (Wolbergs) des Wissens seiner Zeit dar: Der Autor setzt sich mit einer Fülle von angeblichen Erkenntnissen auf sehr vielen Gebieten auseinander, wobei er mit den verschiedensten Argumenten bestreitet, dass gesichertes Wissen vorliege. Auf diese Weise werden sehr viele antike Theoreme und Lehrmeinungen referiert; nicht wenige davon sind nur bei Sextus Empiricus erhalten.
In den Grundzügen der pyrrhonischen Skepsis (3.3.9-12) setzt sich Sextus Empiricus auch mit dem Problem der Allmacht des Göttlichen angesichts des Bösen auseinander, wobei er die Idee einer göttlichen Lenkung der Welt bezweifelt. Diese Stelle bietet die älteste im Wortlaut überlieferte Formulierung der Argumentation der Skeptiker hinsichtlich der von Leibniz so genannten Theodizee.
Die Sprache des Sextus Empiricus erscheint als literarisch nicht sehr ambitioniert; seine Darstellungsweise wirkt mitunter etwas pedantisch. Oft zählt er schwache und starke Argumente auf, ohne sie gegeneinander zu gewichten.