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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Arthur Schopenhauer
über den Schutz der Tiere als Charakterfrage
Arthur Schopenhauer  


Meier-Classen: Arthur Schopenhauer, Sie haben den Ruf eines Pessimisten, gelten aber auch als grosser Tierfreund. Muss man Pessimist sein, um Tierfreund zu sein? Ich denke nicht, aber immerhin muss man auf den überheblichen Übermut verzichten, sich als etwas Besseres und Erhabeneres als die Tiere zu betrachten. Sie haben - ein Wagnis zu Ihrer Zeit - den Tieren einen Verstand zugesprochen.

Schopenhauer: Alle Tiere haben Verstand, selbst die unvollkommensten, denn sie alle können Objekte erkennen. Der Verstand ist in allen Tieren und allen Menschen der nämliche, er hat überall dieselbe einfache Form: die Erkenntnis der Kausalität, die Erkenntnis des Übergangs von der Wirkung auf die Ursache und von der Ursache auf die Wirkung und nichts ausserdem.

Meier-Classen: Das klingt sehr theoretisch. Wie zeigt sich das in der Praxis?

Schopenhauer: Jener Elefant, zum Beispiel, der schon über viele Brücken gegangen war und der sich einst weigert, eine Brücke zu betreten, über die er wie sonst Menschen und Pferden gehen sieht.

Meier-Classen: Und warum seine Verweigerung?

Schopenhauer: Weil die Brücke ihm für sein Gewicht zu leicht gebaut scheint.

Meier-Classen: So hätten wir als Mensch uns wohl auch verhalten. Menschen und Tiere - was ist der Unterschied zwischen den beiden?

Schopenhauer: Die Begriffe. Diese sind auf der Erde allein das Eigentum des Menschen, seine ihn von allen Tieren unterscheidende Fähigkeit zu Begriffen, was von jeher Vernunft genannt worden ist. Wie der Verstand nur eine Funktion hat, nämlich unmittelbare Erkenntnis des Verhältnisses von Ursache und Wirkung, so hat auch die Vernunft eine Funktion: die Bildung von Begriffen. Daraus erklären sich die Erscheinungen, die das Leben des Menschen von dem des Tieres unterscheiden.

Meier-Classen: Der Unterschied besteht also darin, dass der Mensch nebst dem Verstand auch eine Vernunft hat, die es ihm möglich macht, abstrakte Erkenntnisse in Begriffen zu formulieren und zu verstehen.

Schopenhauer: Das Tier ist um ebenso viel naiver als der Mensch wie die Pflanze naiver ist als das Tier. Im Tier sehen wir den Willen zum Leben gleichsam nackter als im Menschen, wo er mit so vieler Erkenntnis überkleidet und zudem durch die Fähigkeit der Verstellung verhüllt ist, so dass sein wahres Wesen fast nur zufällig und nur stellenweise zum Vorschein kommt. Ganz nackt, aber auch viel schwächer, zeigt er sich in der Pflanze, als blosser, blinder Drang zum Dasein, ohne Zweck und Ziel.

Meier-Classen: Der Mensch verstellt sich zumeist, während Tier und Pflanze nicht anders als nur ehrlich sein können. Sie nehmen, Arthur Schopenhauer, die Tiere gegenüber dem Menschen in Schutz.

Schopenhauer: Für Tiere ist in den europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt. Die vermeinte Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, dass unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heisst, dass es gegen Tiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine empörende Rohheit und Barbarei des Okzidents.

Meier-Classen: Dem Menschen wird in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Herrschaft über die Tiere übertragen. Dies dürfte die abendländische Überheblichkeit dem Tier gegenüber sehr gefördert haben.

Schopenhauer: Auch in der Philosophie beruht sie auf der aller Offensichtlichkeit zum Trotz angenommenen gänzlichen Verschiedenheit von Mensch und Tier, welche bekanntlich am entschiedensten und grellsten von Kartesius ausgesprochen ward.

Meier-Classen: René Descartes? Er gilt als der Begründer des modernen Rationalismus. Er glaubte bewiesen zu haben, dass allein die Menschen Lebewesen seien, die Tiere und Pflanzen jedoch mehr den Maschinen zuzurechnen seien.

Schopenhauer: Solcher Sophistik entsprechend finden wir auch die Eigenheit mancher Sprachen, namentlich der deutschen. Sie hat für das Essen, Trinken, Schwangersein, Gebären, Sterben und den Leichnam der Tiere ganz eigene Worte, um nicht die gebrauchen zu müssen, welche jene Akte beim Menschen bezeichnen, und so unter der Diversität der Worte die vollkommene Identität der Sache zu verstecken.

Meier-Classen: Mit solchen Abgrenzungen gegenüber den Tieren rechtfertigen sich heute auch die unmenschlichen Grausamkeiten der Tierversuche in Universitäten und Industriebetrieben ebenso wie in vielen Fabriken der industriellen Fleischproduktion.

Schopenhauer: Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, dass man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.

Meier-Classen: Arthur Schopenhauer, an diesen Worten hat sich bis heute, über hundertundfünfzig Jahre nach Ihrem Tod, nicht das Geringste geändert! Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 



 

 

 

 

 

 



Arthur Schopenhauer
mit seinem Pudel,
gezeichnet von Wilhelm Busch.


Arthur Schopenhauer (* 22. Februar 1788 in Danzig; † 21. September 1860 in Frankfurt am Main), deutscher Philosoph, Autor und Hochschullehrer. Er war der Sohn der Schriftstellerin und Salonière Johanna Schopenhauer und Bruder der Schriftstellerin Adele Schopenhauer.
Schopenhauer entwarf eine Lehre, die gleichermaßen Ethik, Metaphysik und Ästhetik umfasst. Er sah sich selbst als Schüler und Vollender Immanuel Kants, dessen Philosophie er als Vorbereitung seiner eigenen Lehre auffasste. Weitere Anregungen bezog er aus der Ideenlehre Platons und Vorstellungen östlicher Philosophien. Innerhalb der Philosophie des 19. Jahrhunderts entwickelte er eine eigene Position des Subjektiven Idealismus und vertrat als einer der ersten Philosophen im deutschsprachigen Raum die Überzeugung, dass der Welt ein unvernünftiges Prinzip zugrunde liegt.

Unter dem Einfluss Platons und Kants vertrat Schopenhauer in seiner Erkenntnistheorie die Position des Idealismus, beschritt jedoch innerhalb dieser Grundauffassung einen eigenen, subjektivistischen Weg („subjektiver Idealismus“).
Jede Subjektphilosophie muss sich mit dem Solipsismus auseinandersetzen. Nach Schopenhauer ist der Solipsist ein „in ein uneinnehmbares Blockhaus verschanzter Irrer.“ Was Schopenhauer von den Solipsisten trennt, ist sein Beharren auf ein alles verbindendes und bedingendes Etwas, dieses ist für Schopenhauer der blinde, zum Dasein drängende Wille. „Tat twam asi.“ (Sanskrit) Das bist du.
Schopenhauer lehnte die Philosophie Hegels ab, die er selbst abwertend als „Hegelei“ bezeichnete. Er verfasste drastische Polemiken gegen Hegel, Schelling, Fichte und den zunächst von ihm verehrten Schleiermacher.

Biographie: Wikipedia