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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
F.W.J. Schelling
über den Verstand als geregelter Wahnsinn


F.W.J. Schelling  

Meier-Classen: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Sie gelten als einer der Hauptvertreter des Deutschen Idealismus, dieser um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert in Deutschland vorherrschenden philosophischen Strömung. Sie hatten sich nicht nur mit Philosophie, sondern sehr intensiv auch mit Naturwissenschaften und mit der menschlichen Psyche befasst. Sehr interessant ist Ihre Stellungnahme zu den Krankheiten der Seele.

Schelling: Seelenkrankheiten…? Dergleichen gibt es nicht. Nur das Gemüt oder der Geist kann krank sein. Die Seele ist das Unpersönliche. Der Geist weiss, aber die Seele weiss nicht, sie ist die Wissenschaft.

Meier-Classen: Die Wissenschaft, die höher steht als das Wissen selbst…?

Schelling: Der Geist, weil er auch die Möglichkeit zum Bösen in sich hat, kann nur gut sein, d.h. teilhaben an der Güte, die Seele aber ist nicht gut, sondern ist die Güte selbst.

Meier-Classen: Und der Geist?

Schelling: Der Geist ist ein Seiendes, aber aus dem Nichtseienden.

Meier-Classen: Welch dunkles Wort…!

Schelling: Der Geist ist der Verstand aus dem Verstandlosen.

Meier-Classen: Der Verstand aus dem Verstandlosen? Klingt nach perfektem Wahnsinn, ich muss Sie bitten…!

Schelling: Die Basis des Verstandes selbst ist der Wahnsinn. Daher ist der Wahnsinn ein notwendiges Element, das aber nur nicht zum Vorschein kommen, nur nicht aktualisiert werden soll. Was wir Verstand nennen, wenn es wirklicher, lebendiger, aktiver Verstand ist, ist eigentlich nichts als geregelter Wahnsinn. Der Verstand kann sich nur manifestieren, zeigen in seinem Gegensatz, also im Verstandlosen.

Meier-Classen: Demnach wären wir alle in unserem Innersten von Wahnsinn geprägt?

Schelling: Menschen, die keinen Wahnsinn in sich haben, sind die Menschen von leerem, unfruchtbarem Verstand. Daher der umgekehrte Spruch: nullum magnum ingenium sine quadam dementia.

Meier-Classen: Frei zitiert nach Seneca: Keine grosse Genialität ohne etwas Wahnsinn.

Schelling: Daher der göttliche Wahnsinn, von dem Plato spricht. Wenn dieser Wahnsinn durch Einfluss der Seele beherrscht ist, dann ist er ein wahrhaft göttlicher Wahnsinn - der Grund der Begeisterung, der Wirksamkeit überhaupt.

Meier-Classen: Der so genannte "furor divinus"…

Schelling: Aber überhaupt auch der blosse Verstand, wenn er nur kräftig, lebendig ist, ist eigentlich nur beherrschter, gehaltener, geordneter Wahnsinn. Allein es gibt Fälle, wo auch der Verstand den in der Tiefe unseres Wesens schlummernden Wahnsinn nicht mehr bewältigen kann.

Meier-Classen: So gehören zur Gesundheit Verstand und Wahnsinn gewissermassen zusammen?

Schelling: Richtig, denn das Wort "gesund" bedeutet höchst wahrscheinlich soviel als "ganz".

Meier-Classen: Also bilden Verstand und Wahnsinn miteinander das eine Mal mehr, das andere Mal weniger ein Zusammenspiel, bei dem das eine das andere nicht ausschliessen darf…

Schelling: Die Einseitigkeit der Systeme besteht, wie Sie deutlich einsehen müssen, nicht aus dem, was man behauptet, sondern aus dem, was man leugnet.

Meier-Classen: Es gilt also, auch das Geleugnete, das Ausgegrenzte einzubeziehen, selbst wenn es Gegenteiliges behauptet. Leben und leben lassen…

Schelling: Man muss sich nicht vorstellen, eine Einheit zu finden, in welcher sie sich alle gegenseitig vertilgen, denn damit ginge der Begriff des Systems unter. Die Aufgabe ist eben, dass sie wirklich zusammen bestehen. Wenn sie sich alle gegenseitig vertilgten, würde man statt des Systems nur einen bodenlosen Abgrund vor sich sehen, in den alles versinkt, und in dem sich nichts mehr unterscheiden lässt. Nicht vertilgt werden sollen die Systeme, sondern zusammen bestehen, wie die verschiedenen Systeme in einem Organismus. Ebenso in der Philosophie: wer bis zum Ende durchgedrungen ist, sieht sich wieder in völliger Freiheit, er ist frei vom System - über allem System.

Meier-Classen: Nur dann ist etwas wahr, wenn auch das Gegenteil stimmt…

Schelling: Darin liegt der an sich unauflösliche Widerstreit im menschlichen Wissen. Wie Dante an der Pforte des Infernum geschrieben sein lässt, dies ist in einem anderen Sinn auch vor den Eingang zur Philosophie zu schreiben: "Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eingeht".

Meier-Classen: "Lasst alle Hoffnung fahren" - ein vielleicht treffendes Schlusswort für alle, die glauben, die Wahrheit gefunden zu haben… Friedrich Wilhelm Schlegel, herzlichen Dank für dieses Gespräch!








Schelling Geburtshaus in Leonberg
Schellings Geburtshaus in Leonberg

Friedrich Wilhelm Joseph Ritter von Schelling (* 27. Januar 1775 in Leonberg; † 20. August 1854 in Bad Ragaz) wurde 1812 geadelt, er war ein deutscher Philosoph und einer der Hauptvertreter des Deutschen Idealismus.

(Quelle: Wikipedia)

Schelling Handschrift
Schellings Handschrift