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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Plotin
über den Unterschied von Pflanze, Tier und Mensch.



Plotin, umstrittene Portrait-Büste  

Meier-Classen: Plotin, der von Ihnen begründete Neuplatonismus ist die letzte philosophische Strömung der Antike. Zentrales Thema Ihres Denkens ist das sogenannte "Eine". Was ist dies, "das Eine"?

Plotin: Das Eine ist alles und doch kein einziges, denn der Ursprung von allem ist nicht alles, sondern alles ist aus ihm.

Meier-Classen: Das ist mir etwas zu wenig klar…

Plotin: Eben deshalb, weil nichts in ihm war, kann alles aus ihm kommen. Gerade damit das Seiende existieren könne, ist das Eine selbst nicht Seiendes, ist aber dessen Erzeuger. Das Entstandene wendete sich zu dem Einen zurück und wurde von ihm befruchtet: das ist der Geist.

Meier-Classen: Nur soviel habe ich verstanden: Es gab das Eine und jetzt gibt es dazu auch den Geist. Entsteht auch aus diesem etwas?

Plotin: Die aus der Wesenheit des Geistes hervorgehende Wirksamkeit ist die Seele. So lange sie zu dem hinaufblickt aus dem sie entstand, erfüllt sie sich mit ihm. Aber wenn sie fortschreitet zu einer anderen, entgegengesetzten Richtung, so zeugt sie als Abbild ihrer selbst die Wahrnehmungsseele der Tiere und die Wachstumsseele, die in den Pflanzen wirkt. Nichts davon ist abgetrennt und abgeschnitten.

Meier-Classen: Das würde bedeuten, dass die Seele der Pflanzen und Tiere Teil haben an der obersten dieser Seelen.

Plotin: Sie ist nicht als ganze in den Pflanzen, doch die Wachstumskraft der Pflanzen gehört ihr an. Der Geist, der mit ihrem oberen Teil verknüpft ist, bleibt in sich ruhend.

Meier-Classen: So besteht gewissermassen eine dreistufige Hierarchie der Seele: die oberste Seele, die Geistseele des Menschen, dann die Wahrnehmungsseele der Tiere und schliesslich die Wachstumsseele der Pflanzen?

Plotin: So läuft dieser Prozess vom Urgrund her bis zum Untersten hin, und jede einzelne Stufe verbleibt dabei immer auf dem ihr eigenen Sitz. Tritt die Seele in eine Pflanze, so ist das in der Pflanze etwas von ihr, sozusagen ein Teil, und zwar ihr verwegenster, unbesonnenster, der bis zu dieser Tiefe sich herabgewagt hat. Tritt sie in ein vernunftloses Tier ein, so hat die Übermacht ihrer Wahrnehmungskraft sie dahin geführt. Wenn sie in einen Menschen eintritt oder überhaupt in ein vernunftbegabtes Wesen, so hat sie die vom Geist ausgehende Bewegung dahin geführt.

Meier-Classen: Wenn ich im Winter Pflanzen schneide und Wurzelstöcke verbrenne - was passiert dann mit der deren Pflanzenseele?

Plotin: Sie kehrt in die Seele zurück, wo sie schon immer war oder sie geht in eine andere Pflanzenseele ein. Sie ist räumlich nicht eingeengt. Sie ist überhaupt nicht im Raum. Ist sie also nicht irgendwo, sondern in dem das nirgendwo ist, so ist sie damit auch überall. Bleibt sie aber beim Aufstieg nach oben im Zwischengebiet stehen, ehe sie gänzlich zur höchsten Stufe gelangt ist, so führt sie ein mittleres Leben und kommt in diesem Teil ihrer selbst zur Ruhe.

Meier-Classen: Alle diese Stufen entsprechen dem Einen?

Plotin: Sie sind das Eine und sie sind nicht das Eine. Sie sind das Eine, weil sie aus ihm hervorgegangen sind, und sie sind nicht das Eine, weil das Eine bei sich selber verharrt.

Meier-Classen: Sie beschreiben, Plotin, ein sehr dynamisches, mystisches Weltbild, das allein verstandesmässig wohl kaum erfasst werden kann und das antike philosophische Gedanken, insbesondere von Platon und Aristoteles mit christlichen Vorstellungen verbindet. Besten Dank für dieses Gespräch!





Plotin (latinisiert Plotinus; * 205; † 270 auf einem Landgut in Kampanien) war der Begründer und bekannteste Vertreter des Neuplatonismus. Seine Ausbildung erhielt er in Alexandria; ab 244 lebte er in Rom, wo er eine Philosophenschule gründete und leitete. Er lehrte und schrieb in griechischer Sprache.
Plotin betrachtete sich nicht als Entdecker und Verkünder einer neuen Wahrheit, sondern als getreuen Interpreten der Lehre Platons, die nach seiner Überzeugung im Prinzip bereits alle wesentlichen Erkenntnisse enthielt. Sie bedurfte aus seiner Sicht nur einer korrekten Deutung mancher strittiger Einzelheiten und der Darlegung und Begründung bestimmter Konsequenzen aus ihren Aussagen. Plotin vertrat einen radikalen idealistischen Monismus (Zurückführung aller Phänomene und Vorgänge auf ein einziges immaterielles Grundprinzip). Das Ziel seiner philosophischen Bemühungen bestand in der Annäherung an das „Eine“, das Grundprinzip der gesamten Wirklichkeit, bis hin zur Erfahrung der Vereinigung mit dem Einen. Als Voraussetzung dafür betrachtete er eine konsequent philosophische Lebensführung, die er für wichtiger hielt als das diskursive Philosophieren.