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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Helmuth Plessner
über die exzentrische Positionalität des Menschen
 


Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Helmuth Plessner, Sie unterscheiden den organische Körper in seiner Lebendigkeit vom anorganischen Körper dadurch, dass er Positionalität hat. Sie drücken damit die Tatsache aus, dass alle Lebewesen in eine Umwelt hineingesetzt sind, dass sie eine Position einnehmen oder, mit einem andern Wort, dass sie positioniert sind. Durch ihre Körpergrenze haben Lebewesen, im Unterschied zu anorganischen Körpern, eine Beziehung zur Umwelt. Sie füllen den Raum nicht nur, sie behaupten ihn.

Plessner: Ein Lebewesen ist nicht nur in seine Umgebung, sondern auch gegen sie gestellt. Das gilt für alles Lebendige: Pflanzen, Tiere und Menschen. Der offenen Organisationsform der Pflanze stelle ich die geschlossene des tierischen Bauplans entgegen. Ich nenne dies die zentrische Organisationsform.

Meier-Classen: Also eine offene und eine geschlossene Positionalität? Die Pflanze hat eine offene Organisationsform, weil sie keine zentralen Organe hat und sich, z.B. mit der Photosynthese, unmittelbar in ihre Umwelt einfügt und sich ihr nicht entgegenstellt, wie dies eine geschlossene Positionalität tut. Warum bezeichnen Sie die Pflanze als eine zentrische Positionalität?

Plessner: Bei der Positionalität des Lebendigen liegt ein Dreifaches vor: Das Lebendige ist Körper. Es ist, als Innenleben der Seele, im Körper. Und es ist ausser dem Körper, als Blickpunkt, von dem aus es beides ist.

Meier-Classen: Der Pflanze entspricht nur das erste: sie ist Körper. Die Pflanze hat also eine zentrische Positionalität.

Plessner: Ja. Bei der Pflanze ist die Beziehung zwischen ihr und der Umwelt nicht durch die Positionalität begründet. Im Unterschied zur Pflanze ist beim Tier das positionale Moment Konstitutionsprinzip des lebendigen Dinges geworden. Das Tier ist nicht nur Körper, es ist auch im Körper.

Meier-Classen: Dies entspricht der zweiten Form oder Stufe der Positionalität, nicht wahr?

Plessner. Richtig. Das Tier ist in seine eigene Mitte gesetzt. Es lebt aus seiner Mitte heraus in seine Mitte hinein, aber es lebt nicht als Mitte. Die Schranke der tierischen Organisation liegt darin, dass dem Individuum sein selber Sein verborgen ist. Es erlebt sein Umfeld, Fremdes und Eigenes, und es vermag auch über den eigenen Leib Herrschaft zu gewinnen, aber es erlebt nicht - sich.

Meier-Classen: Das bleibt dem Menschen vorbehalten? Sie haben für den Menschen den Begriff der exzentrischen Positionalität geprägt. Dieser Begriff bezeichnet die Stellung des Menschen in der Welt und seine wechselseitige Beziehung zur belebten und unbelebten Umwelt. Sie betrachten diese exzentrische Positionalität als grundlegendes Wesensmerkmal aller Menschen.

Plessner: Der Mensch ist positional dreifach charakterisiert…

Meier-Classen: …er ist Körper, er ist im Körper und er ist ausser dem Körper…?

Plessner: Ja, er ist das Subjekt seines Erlebens, seiner Wahrnehmungen und seiner Aktionen. In doppelter Distanz zu seinem Körper, d.h. noch vom Selbstsein in der Mitte, dem Innenleben, abgehoben, befindet sich der Mensch in einer Welt, die entsprechend der dreifachen Charakteristik seiner Person Aussenwelt, Innenwelt und Mitwelt ist. In jeder der drei Sphären hat er es mit Sachen zu tun, die als eigene Wirklichkeit ihm gegenüberstehen. Das von Dingen erfüllte Umfeld wird die von Gegenständen erfüllte Aussenwelt. In der Distanz zu sich selber ist sich der Mensch als Innenwelt gegeben, als Welt im Leib.

Meier-Classen: Sie unterscheiden Körper und Leib…

Plessner: Beide Weltansichten sind notwendig: der Mensch als Leib in der Mitte seiner Sphäre und der Mensch als Körperding an einer beliebigen Stelle eines Kontinuums möglicher Vorgänge. Leib und Körper fallen nicht zusammen, obwohl sie materiell nicht zu unterscheiden sind.

Meier-Classen: Dieser Doppelaspekt bedeutet, dass wir als Menschen einen Körper haben und zugleich Leib sind. Wir sind nicht nur Körper, nicht nur im Körper, sondern gewissermassen auch ausser dem Körper. Dank dieser exzentrischen Positionalität können wir aus einer Position ausserhalb unserer Mitte über uns selber nachdenken.. Ein Zeitgenosse von Ihnen, Karlfried Graf Dürckheim, er lebte von 1896 bis 1988, hat eine psychotherapeutische Methode, die initiatische Therapie, entwickelt, die beim Menschen gleichermassen unterscheidet zwischen dem Körper, den wir haben und dem Leib, den wir sind - der Körper als naturwissenschaftlich erforschbares Objekt, der Leib als Organ des Selbst. Helmuth Plessner, besten Dank für dieses Gespräch!

 


 

 

 

 



Helmuth Plessner (auch: Helmut Plessner oder Hellmut Plessner; * 4. September 1892 in Wiesbaden; † 12. Juni 1985 in Göttingen) war deutscher Philosoph und Soziologe sowie ein Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie. 1910 begann er ein Studium der Medizin u. Zoologie u.a. bei Hans Driesch, später der Philosophie in Freiburg im Breisgau, Göttingen und Heidelberg. 1920 habilitiert er sich an der neuen Universität zu Köln mit der Arbeit „Untersuchung zu einer Kritik der philosophischen Urteilskraft“ für Philosophie. 1926 wird er außerordentlicher Professor in Köln in nächster Umgebung zu Max Scheler. 1928 erscheint sein Hauptwerk: „Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie“. 1933 wird er auf Grund der jüdischen Herkunft seines Vaters aus dem Amt entlassen, er geht zunächst, bis Ende 1933, nach Istanbul. 1934 flieht er in die Niederlande, wo er Soziologie lehrt. 1940 taucht Plessner nach der deutschen Besetzung der Niederlande unter. 1946 erhält er in Groningen eine ordentliche Professur für Philosophie. 1952–61 ist er Professor an dem neu gegründeten Institut für Soziologie in Göttingen. Zwischenzeitlich stand er dem „Institut für Sozialforschung“ vor, also der Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor W. Adorno u.a. In dieser Zeit lernte er seine spätere Ehefrau Monika kennen, die er 1952 heiratete. 1960/61 ist er Rektor der Universität Göttingen. Plessner starb 1985 in Göttingen. Sein Grab liegt in Erlenbach in der Schweiz.