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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Francesco Petrarca
über die Wissenschaft und seine Schwierigkeiten mit Aristoteles.
 


Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Francesco Petrarca, Sie haben gesagt, dass die Wissenschaften für viele nur Werkzeuge der Torheit seien, für fast alle Menschen aber Werkzeuge des Stolzes. Was halten Sie persönlich von den Wissenschaften?

Petrarca: Da wissen sie nun wie viel Haare der Löwe im Scheitel trägt und wie viel Federn der Falke im Schwanze, und mit wie viel Windungen die Meerschlange den Schiffbrüchigen umschlingt. Sie wissen, wie die Elefanten sich begatten, dass der Phoenix in wohlriechendem Feuer verbrannt wird und aus seiner Asche sich wieder erhebt, dass der Maulwurf blind und die Biene taub ist und dass das Krokodil allein von allen Tieren die obere Kinnlade zu bewegen vermag -

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Bitte Francesco Petrarca, genug der Details!

Petrarca: Das alles ist gewiss zu einem grossen Teil falsch, wie es sich schon oft erwiesen hat. Und wenn es auch schliesslich wahr wäre, so würde es doch nichts zu einem seligen Leben beitragen. Denn ich bitte Sie, was nützt es, die Natur der Tiere, Vögel, Fische und Schlangen zu kennen und dafür die Natur des Menschen, seinen Zweck, seine Herkunft und sein Endziel nicht zu kennen oder gar zu missachten?

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Aristoteles und seine vielen Anhänger legen auf solche Naturbeobachtungen immerhin sehr viel Wert.

Petrarca: Diese Schriftgelehrten sind vielleicht im aristotelischen Gesetz sehr belesen, aber nicht im mosaischen oder christlichen. Ich habe ihnen meine Gedanken entgegengehalten - freimütiger, als sie es zu hören gewohnt waren und, ich gebe es zu, vielleicht auch etwas zu unvorsichtig.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Die Aristoteliker haben Ihnen das sehr übel genommen.

Petrarca. Ich werde von ihnen wütend angegriffen. Der wahre Grund ihrer Feindschaft aber liegt im Neid, obwohl sie behaupten, der Grund sei der, dass ich nicht mit ihnen den Aristoteles anbete. Ich habe einen andern, den ich anbete, der mir nicht eitle, haltlose und trügerische Vermutungen über Dinge, die zu nichts gut sind, sondern das Erkennen seiner selbst versprochen hat.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Und worin liegt der Wert dieses Erkennens?

Petrarca: Dann bedarf ich aller anderen Dinge, die seiner Hände Werk sind, nicht mehr. Ich werde sie leicht erwerben können, ein Streben danach wird mir lächerlich erscheinen.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Sie meinen, dass Wissenschaften und Philosophie lächerlich seien?

Petrarca: Die Philosophen haben viel gelogen, vor allem jene, die man Philosophen zu nennen pflegt. Die wirklich wahren Philosophen reden stets nur die Wahrheit. Zu ihnen gehören weder Aristoteles noch Platon.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin

Petrarca: Nun ja, von allen Alten kommt Platon der Wahrheit am nächsten. Aber wenn einer nur irgendetwas anders denkt als Aristoteles oder etwas nicht ganz in seinen Wortlaut sagt, ist das für diese Leutchen ein des Galgens würdiges Verbrechen.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Die Texte des Aristoteles liegen ja ohnehin nicht im griechischen Original, sondern in lateinischer Übersetzung vor.

Petrarca: Leider ja. Die Sprache im Original muss, wie Cicero sagte, süss, gewandt und zierlich sein. In der Übersetzung ist sie hart und ungeschlacht und bleibt nur schwer in Gedächtnis haften. So ist es einfacher und für Zuhörende angenehmer, die Gedanken des Aristoteles statt im vorliegenden Wortlaut mit eigenen Worten auszudrücken. Ich habe, wenn ich mich nicht sehr täusche, alle ethischen Bücher des Aristoteles gelesen. Ich bin durch diese Bücher gelehrter, aber nicht besser geworden, wie es sich gehört hätte.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Sie meinen, nicht auf das mehr wissen, sondern das besser werden kommt es an?

Petrarca: Gewiss. Ich sehe wohl, dass Aristoteles das Wesen der Tugend ganz vortrefflich erklärt. Aber wenn ich das gelesen und gelernt habe, so weiss ich ein ganz klein wenig mehr als vorher. Ich selbst aber, meine Seele und mein Wille sind ganz dieselben geblieben wie zuvor. Es ist ein grosser Unterschied, ob ich etwas weiss, oder ob ich es liebe, ob ich es verstehe oder ob ich nach ihm strebe.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Da fehlt Ihnen offenbar bei Aristoteles die Fähigkeit, seine Leser mitzureissen?.

Petrarca: Ja, es fehlen die begeisternden und überzeugenden Worte, die uns zur Liebe der Tugend und zum Hass des Lasters bewegen, die Worte, durch die der Geist entzündet und angefeuert wird. Er kennt diese Worte nicht, oder doch nur selten. Gerade Aristoteles ist wenig dazu geeignet, die Seele zum Guten anzuspornen, hat er doch den Sokrates verspottet, der es ganz besonders verstanden hatte, mit glühenden, begeisternden Worten die Seele zu treffen, mit Worten, welche die Trägen aufstachelten und die Kalten erwärmten, die Schlafenden aufrüttelten, die Kranken zur Genesung brachten und die an der Erde klebenden Seelen zu den höchsten Gedanken und erhabensten Wünschen begeisterten, so dass sie alles Irdische verachteten, dass sie das Laster kennenlernten, um es glühend zu hassen, dass sie mit inneren Augen die herrliche Schönheit der Tugend schauten, um in wunderbarer Liebe zu ihr und zu der Weisheit zu erglühen.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Welch fulminantes Beispiel für Ihr charismatisches Wesen, Francesco Petrarca!, Herzlichen Dank für dieses Gespräch.



 


 

 

 

 



Francesco Petrarca (auch Petrarca oder Petrarch, * 20. Juli 1304 in Arezzo; † 18. Juli 1374 in Arquà Petrarca) war ein italienischer Dichter und Geschichtsschreiber. Sein Vater, ein Notar, wurde als Papstanhänger aus Florenz verbannt. Mit sieben Jahren folgte Petrarca ihm nach Avignon. Petrarca studierte Jura in Montpellier und Bologna. Er kehrte 1326 nach Avignon zurück. Das Jurastudium brach er ab, erhielt die niederen Priesterweihen und hatte sein neues Domizil in einem Haus in Vaucluse. Petrarca wählte sich den Kirchenvater Augustinus zu seinem Vorbild und versuchte, dessen Lebenswandel nachzueifern. Als sein Vater starb, geriet Petrarca in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Am 6. April 1327, nach seiner Angabe ein Karfreitag, tatsächlich aber ein Ostermontag, sah er eine verheiratete Frau, die er Laura nannte. Die Dame war möglicherweise Laura de Noves. Der Eindruck wirkte derartig stark auf ihn, dass er sie zeitlebens verehrte. Als Dichter strebte er nach Ruhm und Lorbeer (lat. laurus) und fand in dieser Frauengestalt eine dauerhafte Quelle seiner dichterischen Inspiration. Petrarca zog sich nach Reisen durch Frankreich, Belgien und Deutschland nach Fontaine-de-Vaucluse bei Avignon zurück, wo er von 1337 bis 1349 lebte und einen großen Teil seines Canzoniere schrieb. 1341 wurde Petrarca auf dem Kapitol in Rom zum Dichter (poeta laureatus) gekrönt. Zwischendurch ging er an den Hof des Kardinals von Avignon, für acht Jahre war er Gesandter in Mailand. Das letzte Jahrzehnt lebte er abwechselnd in Venedig und Arquà. Zu seinem Freundeskreis gehörte u. a. Giovanni de Dondi (1318–1389), der Erfinder und Erbauer des „Astrariums“, einer der ersten öffentlichen astronomischen Uhren der Welt.

(Quelle: Wikipedia)