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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Parmenides
über das was ist.
Parmenides  


Meier-Classen: Parmenides, nur sehr wenig Geschriebenes, nämlich nur ein einziges Lehrgedicht mit dem Titel "Über die Natur", ist von Ihnen erhalten geblieben. Dennoch gelten Sie als einer der bedeutendsten Philosophen, die vor Sokrates gelebt und gewirkt hatten. Interessant ist Ihre Beschreibung, wie Sie zu Ihrem Wissen gelangten: auf einem Wagen, von zwei Stuten gezogen, erreichten Sie die Torpfosten, wo, wie Sie sagen, Tag und Nacht ihre Bahnen trennen.

Parmenides: Göttliche Fügung hat mich auf diesen Weg geführt, weitab vom üblichen Pfad der Menschen. Titanisch zogen die Stuten den Wagen, die Räder wirbelten auf beiden Seiten und hell kreischten die heiss gelaufenen Achsen in den Naben. Mädchen haben mich geführt.

Meier-Classen: Mädchen...?

Parmenides: Die Heliaden waren das, die Töchter des Sonnengottes Helios. Als sie sich beeilten, mich zum Licht hin zu führen, nahmen sie ihre Schleier vom Kopf und verliessen das Haus der Nacht. Mit besänftigenden Worten redeten sie auf Dike, die das Tor bewachte, ein. Vertrauensvoll wurde ich von ihr empfangen. Sie versprach, dass ich alles erfahren werde: einerseits die wirklich überzeugende Wahrheit, anderseits die unzuverlässige Meinungen der Sterblichen. Und auch, dass ich alles, was ich erfahren habe, den Menschen weitergeben soll.

Meier-Classen: Und das wäre…?

Parmenides: Erstens, dass es ist und dass nicht ist, dass es nicht ist.

Meier-Classen: Klingt wie ein Zungenbrecher. Ich habe das so verstanden, dass es nur gibt "es ist", aber niemals "es ist nicht". Also, dass es "Nichtgeben" nicht gibt. Und das zweite?

Parmenides: Zweitens, dass es nicht ist, und dass es sich gehört, dass es nicht ist. Dies lässt sich, wie die Göttin gesagt hat, auch niemals erfahren, denn das nicht Seiende können wir weder erkennen, noch davon sprechen. Man wird vernünftigerweise vom Seienden auch nichts abtrennen, weder etwas, das sich weltweit ausbreitet noch etwas, das sich zusammenballt.

Meier-Classen: Das was ist, das ist untrennbar, unteilbar. Es ist ein unteilbares Ganzes. Die Einheit des Seienden gegenüber der Vielheit der Dinge. Ihr späterer Kollege Theophrastos von Eresos hat dies mit folgenden Worten zusammengefasst: "Was vom Seienden verschieden ist, ist kein Seiendes. Was kein Seiendes ist ist nichts. Also ist das Seiende eines." Das nicht Seiende ist nicht denkbar, also ist nur das Seiende denkbar. Also nur Denken ist Sein? Ich denke, also bin ich? - Doch dieses cogito ergo sum ist eine andere Geschichte!

Parmenides: Es kann auch nie erzwungen werden, dass das nicht Seiende sei. Darum soll sich unser Denken auch nie in diese irrtümliche Richtung verirren und soll sich nur mit dem befassen, was ist.

Meier-Classen: Dieses Sein, dieses unteilbare Ganze, wie ist es entstanden?

Parmenides: Es ist weder entstanden, noch kann es zerstört werden. Und es ist bewegungslos. Es war nie und es wird nie sein, denn es ist jetzt.

Meier-Classen: Es hat weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft? Das würde bedeuten, dass das Seiende nicht geworden ist und niemals enden kann. Es hat weder Anfang noch Ende.

Parmenides: Und es ist ohne Mangel, denn hätte es einen Mangel, dann wäre es kein Ganzes. Es ist völlig unveränderlich und vollendet, gleich der Wölbung einer wohlgerundeten Kugel. Sich selbst von allen Seiten gleich, reicht es gleichmässig bis an seine Grenzen.

Meier-Classen: Sein oder nicht Sein - das ist jetzt keine Frage mehr! Parmenides, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 


 

 

 

 



Parmenides
Parmenides von Raphael

Parmenides (540-483 v. Chr.) stammte aus Elea in Süditalien. Er gilt als Begründer der Eleatischen Schule, zu der auch Zenon von Elea und Melissos gehörten. Sein einziges Werk ist ein Lehrgedicht, das unter dem Titel "Über die Natur" bekannt geworden ist. Es ist in wenigen, bei Simplikios überlieferten Fragmenten (ca. 150 Zeilen) erhalten geblieben. Das Gedicht stellt in erzählender Abfolge die Reisen des Erzählers „jenseits der ausgetretenen Pfade“ dar, bis er schließlich von einer Göttin über die Natur der Wahrheit und Wirklichkeit, aber auch des Scheins aufgeklärt wird.