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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Jean-François Lyotard
über die Erschlaffung in der Kunst und die Wichtigkeit der Differenzen.
 


Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Jean-François Lyotard, sie behaupten, dass wir uns in einer Phase der Erschlaffung befinden. Wie meinen Sie das?

Lyotard: Ich spreche von den Tendenzen der Zeit. Von allen Seiten werden wir gedrängt, mit dem Experimentieren aufzuhören, in den Künsten und anderswo. Ich las unter der Feder eines einflussreichen Historikers, dass Schriftsteller und Denker der Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre durch ihre Art des Umgangs mit der Sprache Terror ausgeübt hätten und dass wieder Voraussetzungen für eine fruchtbare Debatte geschaffen werden müssen, indem den Intellektuellen eine gemeinsame Sprache zur Pflicht gemacht wird. Und ich las einen begabten Theaterwissenschafter, für den der Postmodernismus mit seinen Phantasien und Spielen im Vergleich zur Macht nicht schwer wiegt, vor allem, wenn eine beunruhigte Öffentlichkeit von dieser, um die Drohung eines atomaren Krieges abzuwehren, eine Politik totalitärer Wachsamkeit fordert.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Der Philosoph Habermas verlangt von den Künsten und der Erfahrung, die sie vermitteln, eine Brücke über den Abgrund, der die Diskurse der Erkenntnis, der Ethik und der Politik trennt, zu schlagen und so der Einheit der Erfahrung einen Weg zu bahnen.

Lyotard: Meine Frage lautet: Welcher Art ist die Einheit, die Habermas vorschwebt? Besteht das Ziel, das das Projekt Moderne verfolgt, darin, eine soziokulturelle Einheit zu schaffen, in der alle Elemente des Alltagslebens und des Denkens wie in einem organischen Ganzen Platz finden könnten?

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Dies käme einem Totalitarismus nahe…

Lyotard: Vielleicht sind ja die Übergänge, die er sucht, von einer anderen Ordnung, doch wie sollten sie dann in der Lage sein, eine wirkliche Synthese zu realisieren? Wollen Maler und Romanciers nicht zu - übrigens unbedeutenden - Anwälten des Bestehenden werden, haben sie die Regeln der Kunst des Malens oder Erzählens, so wie sie es erlernt oder von ihren Vorgängern übernommen haben, in Frage zu stellen.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Und diejenigen, die es ablehnen, die Regeln der Kunst zu hinterfragen?

Lyotard: Diese machen Karriere dank des Konformismus der Massen, indem sie Objekte und Situationen liefern, die diese zu befriedigen vermögen. Pornographie macht von Photo und Film zu genau diesem Zweck Gebrauch.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Der Geschmack der Masse wird zum allgemeinen Vorbild für bildende Kunst und Literatur, wenn diese es unterlassen, sich der Herausforderung der Massenmedien entgegen zu stellen.

Lyotard: Jene Schriftsteller und Künstler aber, die akzeptieren, die Regeln der plastischen und narrativen Künste in Zweifel zu ziehen, müssen damit rechnen, dass sie dem Amateur, der einer Realität und Identität bedürftig ist, nicht glaubwürdig sind.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Sie sind gewissermassen ohne Gewähr des Publikums.

Lyotard: Der Realismus, dessen einzige Definition darin besteht, die Frage nach der Realität, die in der Frage der Kunst impliziert ist, zu umgehen zu suchen, liegt stets auf halbem Wege zwischen Akademismus und Kitsch. Trägt die Macht den Namen Partei, dann triumphiert der Realismus mit seinen neoklassizistischen Versatzsstücken über die experimentelle Avantgarde, indem er diese diffamiert und untersagt.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Heisst die Macht aber nicht Partei, sondern Kapital…?

Lyotard: Man hört Reggae, schaut Western an, isst mittags bei McDonald und kostet zu Abend die heimische Küche, und als Erkenntnis tritt auf, wonach das Fernsehquiz fragt. Es ist leicht, für eklektische Werke ein Publikum zu finden. Indem die Kunst zu Kitsch wird, schmeichelt sie dem Durcheinander, das den Geschmack des Liebhabers beherrscht. Künstler, Galerist, Kritiker und Publikum gefallen sich in schierer Beliebigkeit. Es ist die Zeit der Erschlaffung.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Dieser Realismus der Beliebigkeit ist der des Geldes.

Lyotard: Ja. In Ermangelung ästhetischer Kriterien ist es möglich und nutzbringend, den Wert der Werke am Profit zu messen, den sie erbringen. Künstlerische und literarische Suche ist in doppelter Weise bedroht, einmal durch Kulturpolitik und dann durch den Kunst- und Buchmarkt. Bald wird ihr vom einen, bald vom andern Kanal empfohlen, Werke zu liefern die erstens den Themen entsprechen, die in den Augen des Publikums existieren, für das sie bestimmt sind, und die zweitens in einer Weise gefügt, sprich wohlgeformt sind, dass dieses Publikum in ihnen erkennt, um was es sich handelt und versteht, was sie bedeuten.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: So kann das Publikum, da es glaubt Bescheid zu wissen, ihnen zustimmen oder ihnen den Beifall verweigern.

Lyotard: Und das Publikum kann zuletzt aus Werken, die es billigt, noch Stärkung und Trost gewinnen. Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, dass es uns nicht zukommt, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann. Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen, nach der Versöhnung von Begriff und Sinnlichkeit, nach transparenter und kommunizierbarer Erfahrung teuer bezahlt. Hinter dem allgemeinen Verlangen nach Entspannung und Beruhigung vernehmen wir nur allzu deutlich das Raunen des Wunsches, den Terror ein weiteres Mal zu beginnen, das Phantasma der Umfassung der Wirklichkeit in die Tat umzusetzen.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Ihre Antwort darauf?

Lyotard: Die Antwort darauf lautet: Krieg dem Ganzen! Zeugen wir für das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir die Differenzen, retten wir die Differenzen.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin: Jean-François Lyotard, vielen Dank für dieses Gespräch!


 


 

 

 

 



Jean-François Lyotard (* 10. August 1924 in Versailles; † 21. April 1998 in Paris) war ein französischer Philosoph und Literaturtheoretiker. Berühmtheit erlangte er vor allem als Theoretiker der Postmoderne. Lyotards Schriften lassen sich grob in drei Phasen einteilen: Frühe phänomenologische, politische und Schriften, die auch den Strukturalismus kritisieren. Es folgte eine Auseinandersetzung mit libidinösen Fragen. In seinem Spätwerk wendete sich Lyotard dann dem Postmodernismus und dem Problem des Anderen zu. Trotz der Vielzahl der von ihm behandelten Themen, lassen sich einige Grundpositionen Lyotards ausmachen: So geht er nicht von einer Allmacht der Vernunft aus, sondern widmete sich auch den nicht-rationalen, triebhaften Strukturen des menschlichen Wissens und Verhaltens. Er wies den Humanismus in seiner klassischen Form zurück sowie das menschliche Subjekt als Träger des Wissens und der Erkenntnis. Ein Gesellschaftsverständnis im Sinne eines ewigen Fortschritts hielt Lyotard aufgrund des technologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels des späten 20. Jahrhunderts für überholt. Seine philosophischen Ansichten hatten für ihn auch auf dem Gebiet der Politik weitreichende Folgen: Wenn sich denn die reale Welt niemals mittels der Vernunft in ihrer Gänze repräsentieren lässt, dann erscheint eine Politik als überholt, die ihre Entscheidungen auf Grund der Annahme trifft, sie habe den Überblick über „die Realität“.

Lyotard wurde 1924 in Versailles geboren. 1950 legte er seine agrégation (Staatsexamen) in Philosophie ab. Als Ausgangspunkt seines philosophischen Werdegangs gilt Edmund Husserl zu dessen Phänomenologie er die Darstellung La Phénoménologie verfasste. Er unterrichtete zunächst Philosophie an verschiedenen Oberschulen, darunter von 1950 bis 1952 in Algerien (damals noch Bestandteil des französischen Mutterlandes). Von 1954–1966 war er Mitglied in der von Cornelius Castoriadis und Claude Lefort gegründeten Gruppe Socialisme ou barbarie („Sozialismus oder Barbarei“), von linken französischen Intellektuellen, die sich 1949 in Abgrenzung zum sowjetischen Sozialismus-Modell gebildet hatte. In der gleichnamigen Zeitschrift veröffentlichte er 13 Artikel, die sich bis auf einen alle mit dem Algerienkrieg beschäftigten.[1] Die Gruppe zerstritt sich und Lyotard trat 1966 aus ihr aus: „Eine Periode meines Lebens war beendet, ich verließ den Dienst der Revolution, ich machte etwas anderes, ich hatte meine Haut gerettet.“[2] Ab 1968 war er als Professor der Philosophie an der Universität Paris VIII (Vincennes, Saint-Denis) und anderen Hochschulen (u.a. Sorbonne und Nanterre) tätig. Später unterrichtete er Kritische Theorie an der University of California, Irvine sowie Französisch und Philosophie an der Emory University in Atlanta und an der Yale University. Lyotard gründete zusammen mit Jacques Derrida das Collège international de philosophie in Paris und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der European Graduate School in Saas-Fee.[3] 1971 wurde er zum Docteur des lettres habilitiert. 1987 wurde er emeritiert.

(Quelle: Wikipedia)