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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Immanuel Kant
über Erkenntnisse a priori.



 

Meier-Classen: Immanuel Kant, der Titel Ihres wohl bekanntesten Buches handelt von der "reinen" Vernunft. Gemeint ist damit die Vernunft, die sich nicht auf Erfahrung abstützt, und in diesem Sinne als "rein" bezeichnet wird. Es geht unter anderem um die Frage, ob Erkenntnis ohne Erfahrung möglich ist. Erfahrung und Erkenntnis ist das Thema unseres Gespräches. Was war zuerst - die Erfahrung oder die Erkenntnis? Vielleicht ist diese Frage ebenso unsinnig wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei?

Kant: Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel. Wodurch sonst sollte das Erkenntnisvermögen erweckt werden, wenn nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren? Sie bewirken zum Teil von selbst unsere Vorstellungen und bringen unseren Verstand in Bewegung. Er vergleicht sie, verknüpft sie miteinander oder trennt sie und verarbeitet so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände. Mit der Erfahrung fängt alles an.

Meier-Classen: So erlangen wir alle Erkenntnis aus der Erfahrung?

Kant: Nicht alle Erkenntnis! Es könnte ja sein, dass unsere Erkenntnis sich zusammensetzt aus dem, was wir durch Eindrücke empfangen, und auch aus dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen, durch sinnliche Eindrücke bloss veranlasst, aus sich selbst hergibt.

Meier-Classen: Es stellt sich also die Frage, ob es eine von der Erfahrung und von Sinneseindrücken unabhängige Erkenntnis gibt?

Kant: Man nennt solche Erkenntnisse a priori, und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori, nämlich in der Erfahrung, haben. Die Frage, ob es Erkenntnis a priori gibt, setzt allerdings ein klares Verständnis von a priori voraus. Man sagt von jemand, der das Fundament seines Hauses untergräbt, er hätte a priori wissen müssen, dass das Haus einstürzen würde. Gänzlich a priori konnte er dies jedoch nicht wissen, denn zweifellos hatte er irgendwann Erfahrungen darüber gemacht, dass Körper schwer sind und umfallen, wenn ihnen die Stütze entzogen wird. Unter Erkenntnissen a priori werden wir nur solche verstehen, die schlechterdings von aller Erfahrung unabhängig stattfinden. Wir nennen diese Erkenntnisse rein, wenn ihnen gar nichts Empirisches, also keinerlei Erfahrung beigemischt ist.

Meier-Classen: So wäre etwa der Satz "jede Veränderung hat ihre Ursache" ein Satz a priori?

Kant: Ein Satz a priori - aber nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung verstanden werden kann.

Meier-Classen: Wie denn lassen sich reine Erkenntnisse von empirischen Erkenntnissen unterscheiden?

Kant: Erfahrung lehrt uns zwar, dass etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, dass es nicht auch anders sein könnte. Es besteht keine Notwendigkeit so zu sein. Erfahrung gibt ihren Urteilen niemals wahre, sondern nur angenommene und im Vergleich festgestellte Allgemeinheit, so dass es eigentlich heißen muss: so viel wir bisher wahrgenommen haben, findet sich von dieser oder jener Regel keine Ausnahme.

Meier-Classen: Das wären also allgemeine Erkenntnisse, die durch Induktion gefunden werden, d.h. durch Abstraktion beobachteter Phänomene.

Kant: Eigentlich muss es heissen: So viel wir bisher wahrgenommen haben, findet sich von dieser oder jener Regel keine Ausnahme. Sie gilt darum nur solange wir keine Ausnahme gefunden haben.

Meier-Classen: Es ist das, was Aristoteles "den Aufstieg vom Einzelnen zum Allgemeinen" nennt. Wir schliessen vom Einzelnen auf das Allgemeine oder Allgemeingültige, wie wir das von Naturgesetzen her kennen.

Kant: Erst, wenn wir uns eine Erkenntnis in strenger Allgemeingültigkeit denken können, von der gar keine Ausnahme möglich ist, dann ist sie nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori gültig.

Meier-Classen: Sie unterscheiden, Immanuel Kant, also zwei Allgemeingültigkeiten: die strenge Allgemeingültigkeit und die empirische Allgemeingültigkeit.

Kant: Die empirische Allgemeingültigkeit ist nur eine willkürliche Steigerung der Gültigkeit der einzelnen Fälle zu der Gültigkeit in allen Fällen.

Meier-Classen: Zum Beispiel: alle Körper sind schwer. Wir haben tausendfach die Erfahrung gemacht, dass Körper schwer sind und nehmen an, dass dies für alle Körper gilt. Strenge Allgemeinheit dagegen setzt keine solchen Erfahrungen voraus, sondern nur Erkenntnis.

Kant: Nämlich ein Vermögen des Erkenntnisses a priori. Erstens die Notwendigkeit so oder so zu sein und zweitens die strenge Allgemeingültigkeit sind also sichere Kennzeichen einer Erkenntnis a priori, und gehören auch unzertrennlich zu einander.

Meier-Classen: Wie lässt sich das an einem Beispiel illustrieren?

Kant: In der Wissenschaft zum Beispiel sind die mathematische Sätze Erkenntnisse a priori. Auch der Raum ist eine Erkenntnis a priori: Lassen Sie von Ihrem Erfahrungsbegriff eines Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, so bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden ist) einnahm, und diesen Raum können Sie nicht weglassen. Auch der Satz, dass alle Veränderung eine Ursache haben müsse, kann als Beispiel für eine Erkenntnis a priori gelten.

Meier-Classen: Hatten Sie vorhin bei diesem Satz nicht gewisse Vorbehalte angebracht und gesagt, Veränderung sei ein Begriff, der nur aus der Erfahrung verstanden werden könne?

Kant: Hatte ich das so formuliert…? Nun ja, immerhin enthält der Begriff der Ursache doch offensichtlich die Notwendigkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung und dadurch einer strengen Allgemeingültigkeit.

Meier-Classen: Immanuel Kant, besten Dank für dieses Gespräch!





Die Kritik der reinen Vernunft (KrV) (im Original Critik der reinen Vernunft) ist das erkenntnistheoretische Hauptwerk des deutschen Philosophen Immanuel Kant. Sie kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie. Der Königsberger Philosoph schrieb die KrV als erste seiner drei „Kritiken“. Es folgten die Kritik der praktischen Vernunft und die Kritik der Urteilskraft. An die KrV schließen zudem die Prolegomena von 1783 an.

Die Kritik der reinen Vernunft erschien in erster Auflage (A) im Jahr 1781 bei Johann Friedrich Hartknoch. Eine zweite Auflage (B), in Abschnitten wesentlich verändert und erweitert, kam 1787 heraus. In den 1790er Jahren erschienen weitere Fassungen, die sich aber nur unwesentlich von der zweiten Auflage unterschieden.