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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Wilhelm von Humboldt
über den Geist der Menschheit
 


Meier-Classen: Wilhelm von Humboldt, Sie schreiben in Ihrer kurzen Schrift "Über den Geist der Menschheit", dass der Mensch, der eine umfassende, allgemein gültige Einheit in seinem Denken und Handeln sucht, nach einem letzten Ziel, einem absoluten Massstab streben müsse.

Wilhelm von Humboldt: Ja, dieses Streben nach etwas Letztem und Unbedingtem ist notwendig, denn alles Mittelbare und Bedingte kann immer nur einseitig entweder unsern Verstand oder unsre Empfindung befriedigen. Nur für das, was unser eigentliches und inneres Wesen nahe berührt, erwärmt sich unsere ganze, also unsre beste und wahrhaft menschliche Natur. Der Mensch muss daher etwas aufsuchen, dem er, als einem letzten Ziele, alles unterordnen, und nach dem er als nach einem absoluten Massstab alles beurteilen kann.

Meier-Classen: Ein wahrhaft hochgestecktes Ziel! Wo und wie könnte es sich finden lassen?

Wilhelm von Humboldt: Der Mensch kann es nicht anders als nur in sich selbst finden.

Meier-Classen: In sich selbst - ein so wankelmütiges, seiner Lust und seinen Launen ausgesetztes Wesen, wie es der Mensch nun einmal ist?

Wilhelm von Humboldt: Natürlich kann er sich weder auf seinen augenblicklichen Genuss noch auf sein Glück überhaupt beziehen, doch seine Natur hat den edlen Vorzug, den Genuss verschmähen und das Glück entbehren zu können. Daher kann dieses Ziel nur in seinem inneren Wert, in seiner höheren Vollkommenheit liegen. Die Würde des Menschen ist es, die er aufsuchen muss.

Meier-Classen: Die Würde des Menschen, das wäre dann etwas, das unabhängig ist von der Persönlichkeit des Einzelnen…?

Wilhelm von Humboldt: Da dieses Ziel für alle gelten soll, muss es etwas Allgemeines sein. Und da es niemandem einfallen kann, verschiedene Naturen nach einem einzigen Muster zu modeln, muss es die Verschiedenheit der Individuen berücksichtigen.

Meier-Classen: Dieses Höchste, das wäre dann gewissermassen so etwas wie eine für alle geltende Moral?

Wilhelm von Humboldt: Nein. Obgleich der moralische Wert allein alle menschliche Würde bestimmt, so ist er doch nur auf einen Teil unseres Wesens, nur auf die Gesinnung, eingeschränkt. Hier wird aber etwas so Allgemeines verlangt, dass es den ganzen Menschen in allen seinen Kräften und allen seinen Äusserungen umfasst. Denn das ist gerade das Besondere an dem, wonach wir hier streben, dass es über den Wert jeder menschlichen Energie, jedes menschlichen Werkes das höchste Urteil fällen und ebenso gut entscheiden kann, ob ein Gedicht echt dichterisch, ein philosophisches System echt philosophisch, oder ob ein Charakter echt menschlich ist.

Meier-Classen: Was für ungeheuer hohe Anforderungen, die Sie an uns gewöhnlich Sterbliche stellen, Wilhelm von Humboldt! Da führt ja wohl auch kein Weg zu diesem Ziel.

Wilhelm von Humboldt: Ein doppelter Weg sogar: einen Erfahrungs- und einen Vernunftweg.

Meier-Classen: Ich bin gespannt…

Humboldt: Beim Erfahrungsweg blickt der Mensch um sich her und wählt sich diejenigen Individuen aus, welche ihm den besten und höchsten Begriff vollendeter Menschheit geben. Da er das Ideal selbst nicht sehen kann, hält er sich an jene, die diesem Ideal am nächsten kommen. Alle diese Menschen - Dichter, Künstler, Philosophen und Naturforscher aller Zeiten und Nationen - vergleicht er sorgfältig untereinander und betrachtet in allen dasjenige Gemeinsame, was sie für ihn auf eine so hohe Stufe des inneren Wertes stellt.

Meier-Classen: Sie stellen Künstler und Wissenschaftler als die höchst erstrebenswerten Vorbilder dar, das weckt in mir erhebliche Widerstände. Aber dennoch: Wie geht es nun weiter mit dem Strebsamen auf der Suche nach dem höchsten Ziel?

Wilhelm von Humboldt: Wenn er etwas findet, das, auf keine bedingte, mechanische Weise entstanden, auch zu keinem bedingten materialen Ziel führt, das überall, wo es sich zeigt, zugleich den Begriff der Menschheit erweitert und den des Individuums bestimmt und, indem es die Vervollkommnung dessen, der es besitzt, über alle Schranken hinaus zu erweitern fähig ist, zugleich auf andre bildend und fruchtbar einwirkt, und was wiederum, wo diese Eigenschaften vorhanden sind, sie immer und unausweichlich begleitet, dann ist er sicher, was er suchte, gefunden zu haben.

Meier-Classen: Ich muss mit diesem Satz erst noch etwas klar kommen: das, was er findet, das darf sich weder auf irgendeine praktische Tätigkeit beziehen und auch nicht auf materielle Ziele. Es muss den Begriff des Menschseins erweitern und zugleich den der Individualität bestimmen. Es erweitert die Vervollkommnung dessen, der es besitzt und wirkt zugleich bildend und fruchtbar auf andere. Ein Bisschen erinnert mich das an Nathans Ringparabel des rund vierzig Jahre vor Ihnen geborenen Gotthold Ephraim Lessing. Nun aber, wenn der Suchende fündig geworden ist: Wie könnte man das, was er gefunden hat, nennen?

Wilhelm von Humboldt: "Geist der Menschheit" - eine Benennung, die sich schon dadurch rechtfertigt, dass es in der Tat dasjenige ist, wodurch die achtungswürdigsten Individuen auch als die besten und höchsten Menschen erscheinen.

Meier-Classen: Wertmassstäbe anzulegen und einzelne Menschen so hoch über andere zu stellen, klingt gewagt und gefährlich. Da würde ich nun doch noch gerne hören, wie der andere, von Ihnen erwähnte Weg, der Vernunftweg, zu diesem "Geist der Menschheit" führt.

Wilhelm von Humboldt: Die Bestimmung des Menschen als eines freien und selbsttätigen Wesens ist allein in ihm selbst enthalten. Der grösste Mensch ist daher der, welcher den Begriff der Menschheit in der höchsten Stärke und in der grössten Ausdehnung darstellt. Einen Menschen beurteilen heisst nichts anderes als fragen: welchen Inhalt er der Form der Menschheit zu geben gewusst hat? Welchen Begriff man sich von der Menschheit überhaupt zu bilden hätte, wenn er das einzige Muster wäre, aus welchem man denselben abnehmen könnte.

Meier-Classen: Eine Menschheit aus lauter Supermenschen? Verzeihen Sie, Wilhelm von Humboldt, aber auch dieser Weg und diese Perspektive erschreckt mich und wirft in mir die Frage auf: Was ist mit all den Millionen und Milliarden von Frauen und Männern auf dieser Welt, die die Menschheit nicht mit höchsten Geistesgaben beschenken können, sondern nur mit dem, was sie sind und was sie haben - mit der Arbeit ihrer Hände und ihrem Herzen, mit ihre Einfachheit, ihrer Hilfsbereitschaft und Liebe. Gewiss: Sie haben anders als die meisten Menschen und zu einer andern Zeit gelebt: als Schlossherr und preussischer Diplomat um die Wende vom 18. und 19. Jahrhundert. Wilhelm von Humboldt, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

(Text von Wilhelm von Humboldt, z.T. leicht und sinngetreu redigiert: Wilhelm von Humboldt, Fischer Bücherei, April 1957)



 


 

 

 

 




Schloss Tegel (Humboldt Schloss) im Berliner Ortsteil Tegen, wo Wilhelm von Humboldt aufgewachsen war und von dem er 1797 selber Schlossherr wurde.

Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt, kurz: Wilhelm von Humboldt, (geboren 22. Juni 1767 in Potsdam; gestorben 8. April 1835 in Tegel) war ein deutscher Gelehrter, Staatsmann und Mitgründer der Universität Berlin (heute: Humboldt-Universität zu Berlin).
Er zählt zu den großen, fortwirkend einflussreichen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturgeschichte. Betrachtet man ihn in der Gemeinschaft mit seinem Bruder Alexander, so wird man kaum ein zweites Geschwisterpaar finden, das die eigene geschichtliche Epoche mit solchem Forscherdrang und mit solch universeller Gelehrsamkeit durchdrungen und bereichert hat, wie diese beiden. Während Alexander dabei – aber keineswegs nur – der naturwissenschaftlichen Forschung neue Horizonte erschlossen hat, lagen die Schwerpunkte für Wilhelm in der Beschäftigung mit kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen wie der Bildungsproblematik, der Staatstheorie, der analytischen Betrachtung von Sprache, Literatur und Kunst sowie in aktiver politischer Mitgestaltung als Reformmotor im Schul- und Hochschulwesen und als preußischer Diplomat.


(Biographie: Wikipedia)