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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Max Horkheimer
über den Sinn der Metaphysik in einer sinnlosen Realität
Max Horkheimer  


Meier-Classen: Max Horkheimer, Sie haben 1937 in der Zeitschrift für Sozialforschung einen Aufsatz geschrieben, mit dem Titel "Der neueste Angriff auf die Metaphysik". Dieses magische Wort "Metaphysik" - was bedeutet es?

Horkheimer: In der Metaphysik ist von Wesenheit, Substanz, Seele, Unsterblichkeit die Rede, mit denen die Wissenschaft wenig anzufangen weiss. Die Metaphysik beruft sich auf vorgeblich unbezweifelbare Einsichten. Sie lassen sich aber nicht begründen, ihre Behauptung gerät fortwährend mit dem Denken in Konflikt.

Meier-Classen: Wir leben in einer Zeit der Wissenschaftsgläubigkeit. Was nicht schwarz auf weiss bewiesen werden kann, wird nicht geschluckt.

Horkheimer: Die Wissenschaftler sind damit beschäftigt, ihre Entwürfe ohne Hilfe der Metaphysik auf immer einfachere Prinzipien zurückzuführen. Metaphysische und moralische Kategorien haben in ihrer Ansicht keinen Platz.

Meier-Classen: Paradoxerweise boomen Esoterikwelle, Sekten und viele andere Glaubensformen umso stärker, je berechenbarer und nüchterner die Wissenschaft unser Weltbild macht.

Horkheimer: Die Menschen fahren fort, sich der alten Denkformen weiter zu bedienen. Wie die Begriffe des absoluten Raums und der absoluten Zeit haben sich auch andere metaphysische Kategorien als unhaltbar erwiesen.

Meier-Classen: Die Meinungen der Wissenschaft und der gewöhnlich Sterblichen scheinen schwer vereinbar zu sein.

Horkheimer: Das öffentliche Bewusstsein des Bürgertums und seine Wissenschaft haben noch nie recht zueinander gepasst. Die religiöse Idee einer ursprünglich gesetzten Ordnung aller Dinge, in der auch der Mensch seine Stätte hat, wurde schon in der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts aufgegeben.

Meier-Classen: Der Glaube kann Berge versetzen, sagt man. Welcher Mensch möchte schon auf eine solche Kraftquelle verzichten…?

Horkheimer: Die Wissenschaft als Spiegel der sinnlosen Realität in Natur und Gesellschaft hätte die unbefriedigten Massen und das denkende Individuum einem gefährlichen und verzweifelten Zustand überlassen. Weder im eigenpsychischen noch im öffentlichen Haushalt war ohne überwölbende Ideologie auszukommen.

Meier-Classen: Selbst Wissenschafter scheinen nicht ohne sie auszukommen. Von Werner Heisenberg wird der Satz zitiert: "Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott". Ganz ähnlich sagt Max Planck: "Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen".

Horkheimer: Man hielt beides, Wissenschaft und metaphysische Ideologie, nebeneinander aufrecht. Das ganze neuere Denken hat sich mit diesem Widerspruch abgemüht. Der Preis in Geld, Amt, Einfluss, den Wissenschaftler erhalten, bescheinigt ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Ganzen. Sie wagen nicht, es in seiner vorhandenen Gestalt in Frage zu stellen und flüchten zum metaphysischen Glauben, etwa zum Idealismus des Gewissens und der Freiheit. Das Weltbild aus Wissenschaft und solchem Glauben ist, ohne grossen Aufwand, durch Philosophie geflickt, damit es, wie Planck sagt, "uns in unserer Lebensführung die dauernde Übereinstimmung mit dem eigenen Ich, den inneren Frieden, gewährleistet", und mit diesem Frieden im Herzen wohnen sie dem Untergang der Menschheit bei.

Meier-Classen: Metaphysik als Lebenslüge…?

Horkheimer: Als Ausläufer der Religion bewahrt auch die neue Metaphysik den Glauben, dass der Mensch von sich und für sich mehr erwarten dürfe als sein gegenwärtiges Schicksal unter den Verhältnissen der bestehenden Welt. Die Qualität der Menschheit begründet im öffentlichen Geist nicht den Anspruch auf Dasein, nicht einmal den Anspruch auf einen Aufenthalt. Die besonderen sozialen Umstände, deren es zur Begründung des Anspruchs bedarf, werden durch das Vorweisen von Papieren dokumentiert. Wenn diese nicht genügen oder gar nicht vorhanden sind, ist der Mensch im besten Fall ein Fremder und erfährt die Antwort auf seinen Anspruch an jedem Schalter, vor dem er erscheint.

Meier-Classen: Sie sprechen ein sehr aktuelles Thema, die Fremdenfeindlichkeit an - doch in welchem Zusammenhang steht dies mit unserem Thema der Metaphysik?

Horkheimer: Jedes Individuum steht im Mittelpunkt seiner Welt und weiss zugleich, dass es in der wirklichen Welt überflüssig ist.

Meier-Classen: Jeder ist ein Fremder in der Wel, jeder ein "Sans papiers"…

Horkheimer: Aus dieser Erfahrung des Alltags, die - mag einer noch so sehr von ihr absehen - in seine Seele gegraben ist, sollen die metaphysischen Träume einen Ausweg bilden. Das isolierte und nichtige Individuum denkt sich vermittels ihrer in die Vereinigung mit übermenschlichen Mächten hinein, mit der allgewaltigen Natur, dem Strome des Lebens oder einem unerschöpflichen Weltgrund. Die Metaphysik unterlegt seinem Dasein einen Sinn.

Meier-Classen: Eine rosa Brille für den grauen Alltag. Max Horkheimer, besten Dank für dieses Gespräch.




 

 

 

 

 

 



Institut für Sozialforschung in Frankfurt Institut für Sozialforschung in Frankfurt (1924-1933)

Max Horkheimer (* 14. Februar 1895 in Zuffenhausen bei Stuttgart; † 7. Juli 1973 in Nürnberg) war ein deutscher Sozialphilosoph und führender Kopf der Frankfurter Schule.

Horkheimer gilt als Begründer und, gemeinsam mit Adorno, als Protagonist der Frankfurter Schule und Hauptvertreter der Kritischen Theorie, einer von Hegel, Marx und Freud inspirierten Gesellschaftstheorie.[4]Zum engerem Zirkel gehörten in den Jahren vor der Emigration Erich Fromm, Leo Löwenthal und Herbert Marcuse; mit Walter Benjamin, obwohl kein direkter Mitarbeiter des Instituts, bestand ein über Adorno vermittelter intellektueller Austausch
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Horkheimers Arbeiten elaborieren eine fundamentale Kritik der Bürgerlichen Gesellschaft, die er als eine von politischen und ökonomischen Gegensätzen, ideologischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten zerrissene Gesellschaftsformation kennzeichnet. Im Horkheimerschen Spätwerk tritt ein von Schopenhauer beeinflusster, metaphysisch begründeter Pessimismus hervor. Für Horkheimer ist die menschliche Existenz - neben dem materiell verursachten Leid - eine durch und durch leidvolle, die in der Natur des Seins selbst begründet ist, auch wenn er mit Karl Marx das materielle Leid für überwindbar bzw. prinzipiell abmildbar begreift. Aber im Gegensatz zu Marx versteht er den Sozialismus nicht als eine auf historischer Gesetzmäßigkeit beruhende Zukunftsgesellschaft, sondern als eine in der historischen Entwicklung mögliche politisch-gesellschaftliche Konstellation, die einen Ausweg aus den sozialen Widersprüchen und Problemen der Gegenwart bieten könnte.


(Biographie: Wikipedia)