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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Martin Heidegger
über Sein und Zeit, Seiendes und Dasein



Martin Heidegger  

Meier-Classen: Martin Heidegger, Ihr Buch "Sein und Zeit" erschien 1927. Es war ein epochales Werk der Philosophie des vergangenen Jahrhunderts. "Sein und Zeit" - was verbindet diese beiden Begriffe miteinander?

Heidegger: Zeit ist eine wesentliche Bedingung für ein Verständnis des Seins. Man grenzt ein zeitlich Seiendes ab gegen unzeitlich Seiendes, man pflegt zeitlosen Sinn von Sätzen abzuheben gegen zeitlichen Ablauf der Satzaussagen, man findet eine Kluft zwischen dem zeitlich Seienden und dem überzeitlichen, Ewigen, und versucht sich an deren Überbrückung. Wie die Zeit zu dieser ontologischen Funktion kommt, ist bislang weder gefragt, noch untersucht worden. Allerdings ist mit der Auslegung des Daseins als Zeitlichkeit nicht auch schon die Antwort gegeben auf die Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt. Wohl aber ist der Boden für die Gewinnung dieser Antwort bereitgestellt.

Meier-Classen: Diese Frage nach dem Sinn von Sein - wozu kann sie dienen? Ist sie nicht blosse Spekulation über allgemeinste Allgemeinheiten?

Heidegger: Wenn man sagt: Sein ist der allgemeinste Begriff, so kann das nicht heißen, er sei auch der klarste und aller weiteren Erörterung unbedürftig. Der Begriff des Seins ist vielmehr der dunkelste aller Begriffe.

Meier-Classen: Da muss ich Sie dringend bitten, mit einer Definition von "Sein" etwas Licht in dieses Dunkel zu bringen!

Heidegger: Der Begriff "Sein" ist definitorisch aus höheren Begriffen nicht abzuleiten und durch niedere nicht darzustellen - er ist undefinierbar.

Meier-Classen: Moment mal, Herr Heidegger, wenn das "Sein" schon nicht zu definieren ist - worin liegt dann der Sinn, sich überhaupt mit ihm zu befassen?

Heidegger: Die Undefinierbarkeit des Seins dispensiert uns nicht von der Frage nach seinem Sinn, sondern fordert dazu gerade auf. In allem Erkennen, in allen Aussagen, in jedem Verhalten zu Seiendem, in jedem Sich-zu-sich-selbst-verhalten wird von "Sein" Gebrauch gemacht, und der Ausdruck ist dabei "ohne weiteres" verständlich.

Meier-Classen: Okay, jeder versteht schliesslich problemlos, wenn wir sagen: "Der Himmel ist blau" oder "ich bin froh" und dergleichen.

Heidegger: Ganz so einfach ist das eben nicht. Allein diese durchschnittliche Verständlichkeit demonstriert ja nur die Unverständlichkeit. Sie macht offenbar, daß in jedem Verhalten und Sein zu Seiendem als Seiendem apriori ein Rätsel liegt.

Meier-Classen: Mir klingen allein schon Ihre Worte wie ein Rätsel. Sein und Seiendes - Sie machen da einen Unterschied?

Heidegger: Sein ist jeweils das Sein eines Seienden.

Meier-Classen: Also das Sein ist zugleich das Seiende…?

Heidegger: Keineswegs! Das Sein ist gerade nicht das Seiende! Wenn wir das Sein suchen, finden wir immer nur Seiendes. Dabei ist aber das Sein die Voraussetzung dafür, dass Seiendes ist. Weder das Sein noch das Seiende ist ohne das andere denkbar.

Meier-Classen: Mit anderen Worten…?

Heidegger: Vom "Seienden" kann man jeweils sagen, dass es so und so ist. "Sein" dagegen ist nichts Gegenständliches. Es lässt sich nicht durch die auf das Seiende zugeschnittenen Begrifflichkeiten fassen. Ich nenne diesen Unterschied zwischen Sein und Seiendem ontologische Differenz. Man kann ihn auch als ontisch-ontologische Differenz bezeichnen. Ontologisch bedeutet "die Lehre des Seins auslegend", ontisch bedeutet "das Sein betreffend".

Meier-Classen: Das Sein ist nun also das Sein des Seienden und muss darum vom Seienden unterschieden werden, richtig? Das habe ich jetzt begriffen. Das Seiende ist das was ist; das Sein ist das, wodurch Seiendes das ist was es ist - richtig?

Heidegger: Richtig. Das Sein ist dem Seienden vorgelagert, es ist von vornherein - a priori.

Meier-Classen: Ja, warum auch einfach, wenn's anders auch geht? Martin Heidegger, Sie haben ganz zu Beginn unseres Gespräches den Ausdruck "Dasein" verwendet. Ist er mit dem Begriff des Seins identisch?

Heidegger: Wissenschaft kann als das Ganze eines Begründungszusammenhanges wahrer Sätze bestimmt werden. Diese Definition ist weder vollständig, noch trifft sie die Wissenschaft in ihrem Sinn. Wissenschaften haben als Verhaltungen des Menschen die Seinsart dieses Seienden, des Menschen. Dieses Seiende fassen wir terminologisch als Dasein.

Meier-Classen: Dasein ist also nicht blosses Vorhandensein, sondern Sein im Sinne von Existenz? Dasein ist damit gewissermassen ein Synonym für Mensch?

Heidegger: Weil Dasein Bewusstsein ist und ich als Bewusstsein da bin, sind für mich die Dinge nur Gegenstände des Bewusstseins.

Meier-Classen: Also Dinge sind bloss vorhanden, uns Menschen aber wird Dasein zugesprochen. Man könnte sagen, das ontisch besondere des Daseins ist, dass es ontologisch ist, dass wir als Menschen über unser Sein nachdenken und es erforschen können. Das klingt interessant.

Heidegger: Das Dasein ist uns zwar ontisch das Nächste, ja wir sind dieses Dasein sogar - trotzdem oder gerade deshalb ist es uns ontologisch das Fernste. Das Dasein ist ein Seiendes, das nicht nur unter anderem Seienden vorkommt. Es ist vielmehr dadurch ontisch ausgezeichnet, daß es diesem Seienden in seinem Sein um dieses Sein selbst geht...

Meier-Classen: Genug für den Augenblick! Martin Heidegger, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.



Sein und Zeit ist das Hauptwerk der frühen Philosophie von Martin Heidegger (1889–1976). Es erschien 1927 und war ein epochemachendes Werk der Philosophie im 20. Jahrhundert.
Heidegger versucht in ihm die philosophische Lehre vom Sein, die Ontologie, auf ein neues Fundament zu stellen. Hierzu vereint er zunächst unterschiedliche methodische Strömungen seiner Zeit, um dann mit ihnen die traditionellen philosophischen Auffassungen im allmählichen Abbau als verfehlt zu erweisen (zu „destruieren“). Die philosophischen Vorurteile prägen nach Heidegger nicht nur die gesamte abendländische Geistesgeschichte, sondern bestimmen auch das alltägliche Selbst- und Weltverständnis. Mit Sein und Zeit sollte daher auch eine neue Form des authentischen Lebens gefunden werden, welche Heidegger als Eigentlichkeit bezeichnet.
Das Werk, das häufig als SZ abgekürzt wird, gilt als Anstoß der modernen Hermeneutik und Existenzphilosophie und prägt bis heute die internationale philosophische Diskussion. Es ist grundlegend für ein Verständnis der Hauptwerke von Philosophen wie Jean-Paul Sartre, Hans-Georg Gadamer, Hans Jonas, Karl Löwith, Herbert Marcuse und Hannah Arendt. Einflüsse und Anreize empfingen außerdem die Philosophen Maurice Merleau-Ponty und Emmanuel Levinas und die japanische Kyoto-Schule. In der Psychologie griffen Ludwig Binswanger und Medard Boss Ideen auf, in der Psychoanalyse Jacques Lacan. Der französische Strukturalismus und Poststrukturalismus sowie Dekonstruktion und Postmoderne verdanken Heidegger entscheidende Anregungen.