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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
G.W.F. Hegel
über die Vorsehung des Geistes in der Weltgeschichte


Georg Wilhelm Friedrich Hegel  

Meier-Classen: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, man hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie die Ereignisse der Weltgeschichte - auch die sehr bedenklichen - als sinnvoll rechtfertigen würden. Worin liegt Ihre Überzeugung, dass die Weltgeschichte einen sinnvollen Verlauf zeigt?

Hegel: Die Philosophie hat nur einen Gedanken, dass die Vernunft herrscht, dass es also auch in der Geschichte vernünftig zugegangen ist. Die Vernunft ist die Substanz wie die unendliche Macht alles natürlichen und geistigen Lebens. Die Erde ist der Schauplatz der Herrlichkeit der Vernunft, und dieses ist die Voraussetzung der Philosophie, die sie bei der Weltgeschichte als einem Gliede, dem schon vieles vorangegangen ist, macht.

Meier-Classen: Die Geschichte unserer Welt zeigt uns aber doch viel Widersprüchliches, Unbegreifliches, sie zeigt nicht nur Entwicklung, sondern ebenso unberechenbare Rückschritte.

Hegel: Wir müssen uns nicht von Historikern vom Fach verleiten lassen, die grosse Autorität haben, als solche, die aus Quellen studieren, und diese gerade dichten, was nie da war, so zum Beispiel, dass diese oder jene Priestervölker da gewesen seien, oder es habe ein römisches Epos gegeben, woraus die späteren römischen Geschichtsschreiber geschöpft. Diese apriorischen Sätze überlassen wir den Historikern vom Fach. Wir wollen treu die Geschichte auffassen. Hierin liegt aber die Zweideutigkeit, denn kein Autor ist bei der Geschichte passiv, wenn er sie behandelt. Er bring seine Kategorien herein und seine Auffassung.

Meier-Classen: Eine andere Art, an die Dinge heranzugehen, ist wohl kaum möglich, selbst wenn wir uns um möglichst grosse Objektivität bemühen.

Hegel: Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht auch sie vernünftig an. Es gibt Wichtiges und Unwichtiges. Jenes lässt uns beurteilen, dieses scheiden wir aus. Vernunft herrscht in der Welt, und Vernunft hat in der Weltgeschichte geherrscht. Es ist bekannt, dass der Grieche Anaxagoras gesagt hat, dass der "nous", der Geist, die Welt regiert. Anaxagoras hat zwar nur die physische Natur gemeint, aber auch in der Geschichte ist der "nous", der Geist, herrschend.

Meier-Classen: Sie übertragen die Meinung des Anaxagoras von den sichtbaren, greifbaren Gegenständen der Natur auf das geisteswissenschaftliche Gebiet der Geschichte, wo so viel Zufälliges mitspielt.

Hegel: Die Welt ist nicht dem Zufall preisgegeben, sondern eine Vorsehung regiert sie. Der Geist regiert die Welt mit unendlicher Macht, welche die Zwecke der Weisheit in der Welt verwirklicht. Im Phaidon des Plato spricht Sokrates über den "nous" des Anaxagoras und fragt, warum er im Gefängnis sitze. Nämlich darum, weil es den Athenern für Recht geschienen, ihn einzusperren, und er sich dafür entschied, den Gesetzen zu gehorchen. Nach Anoxagoras aber müsste man es so erklären: Weil er Knochen und Nerven hat, ist dies die natürliche Ursache seines Sitzens im Gefängnis. Aber nicht dies sind die Gründe, sondern jene ersten.

Meier-Classen: Und wohin zielt die von Ihnen genannte Vorsehung des Geistes?

Hegel: Die Freiheit ist die einzige höchste Bestimmung des Geistes. Die Freiheit ist Gegensatz zur Schwere. Wenn sie den Mittelpunkt erreichte, so ginge wie unter. Der Geist im Gegenteil scheint in sich selbst Mittelpunkt zu sein. Er hat die Einheit gefunden, ist in sich und bei sich, nicht ausserhalb der Bestimmung, wie die Natur, die Materie. Dieses Bei-sich-selbst-Sein heisst Freiheit.

Meier-Classen: Diese Freiheit - wie zeigt sie sich in der Geschichte unserer Welt?

Hegel: Der Staat ist die realisierte Freiheit, und das ist der wahre Staat. In der Weltgeschichte haben wir so die Freiheit in der Wirklichkeit vor uns, in den Bestimmungen, in denen sie die Menschen geformt hat. Die Weltgeschichte lehrt uns also, was die Freiheit in ihrem konkreten Dasein ist. Das Andere ist, dass er weiss, was er ist, und von dieser Seite können wir sagen, dass die Weltgeschichte die Darstellung dessen ist, was der Geist von seiner Freiheit weiss. Dieser an sich seiende Geist ist der Keim des Baumes, in dem man nichts von dem Baume selbst sieht.

Meier-Classen: Dann beginnt die Weltgeschichte erst mit dem Erscheinen des Baumes?

Hegel: Weltgeschichte fängt mit dem Wissen von sich an. Es ist eine Arbeit von 3000 Jahren, die der Geist gemacht hat, um sich zu wissen.

Meier-Classen: Die Weltgeschichte, sagten Sie, lehre uns, was die Freiheit sei. Nämlich...?

Hegel: In den Griechen ist das Bewusstsein der Freiheit aufgegangen, aber sie wussten nur, dass einige frei sind, nämlich die Bürger von Athen etc., nicht aber, dass der Mensch an sich frei ist, dieses wussten auch Plato und Aristoteles nicht. Deshalb hatten sie Sklaven. Ihre schöne Freiheit war an die Sklaverei gebunden, es war eine schöne Blume, die nicht vollendet war.

Meier-Classen: Dieses Bild erinnert an die Blaue Blume der Romantik, diesem Symbol der Sehnsucht - nicht zuletzt auch der Sehnsucht nach Freiheit. Ob diese Blume jemals für alle Menschen zur vollen Blüte gelangen wird? Es wäre dann eine Freiheit, nicht aufbaut auf Kosten anderer Menschen, aber auch nicht auf Kosten der Tiere und der Natur als ganzer! Georg Wilhelm Friedrich Hegel, vielen Dank für dieses Gespräch!







Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde im Jahre 1770 in Stuttgart geboren und ging auch hier zur Schule. Einen Namen machte er sich als Philosoph des deutschen Idealismus. Seine Ideale sah er im "absoluten Geist" und er forderte ein "begreifendes Erkennen", wo bisher nur ein Nachdenken und Behaupten gestanden hatte. Hegel beschäftigte sich mit vielen Wissensgebieten: der Logik, der Naturphilosophie und der Geistesphilosophie. Seine stärksten Spuren hat er in der Philosophie der Geschichte hinterlassen. Geschichte ist bei Hegel "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit".
(Quelle: Website des Hegel-Gymnasiums in Stuttgart-Vaihingen.)


Hegel-Büste im Hegel-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen