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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
G.W.F. Hegel
über die philosophische Verantwortung der Deutschen


 

Meier-Classen: Lieber Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Sie sind 1818 an die Universität Berlin berufen worden, als Professor für Philosophie. Zur Eröffnung Ihrer Vorlesungen haben Sie am 28. Oktober jenes Jahres Ihre Antrittsvorlesung gehalten. Ich nehme diese zum Anlass unseres Gespräches. Da interessiert mich vor allem einmal: Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Philosophen, ausser an der Universität Vorlesungen zu halten?

Hegel: Auf hiesiger Universität, der Universität des Mittelpunkts, muss auch der Mittelpunkt aller Geistesbildung und aller Wissenschaft und Wahrheit, die Philosophie, ihre Stelle und vorzügliche Pflege finden. Unser Beruf und Geschäft ist die Pflege der philosophischen Entwicklung der substantiellen Grundlage, die sich neu verjüngt und bekräftigt hat.

Meier-Classen: Worin hat sie sich diese, wie Sie sagen, "Verjüngung" gezeigt?

Hegel: Die sich zunächst in der politischen Wirklichkeit zeigende Verjüngung hat ihre weitere Erscheinung in dem grösseren sittlichen und religiösen Ernste, in der Forderung von Gründlichkeit und Gediegenheit überhaupt, welche an alle Lebensverhältnisse ergangen ist.

Meier-Classen: Sittlicher und religiöser Ernst? Könnten Sie bitte etwas genauer päzisieren?

Hegel: Der gediegene Ernst ist an und für sich selbst der Ernst, die Wahrheit zu erkennen. Dies Bedürfnis, wodurch die geistige Natur sich von der bloss empfindenden und geniessenden unterscheidet, ist eben deswegen das Tiefste des Geistes, es ist an sich allgemeines Bedürfnis. Der Ernst der Zeiten hat es teils tiefer aufgeregt, teils ist er ein näheres Eigentum des deutschen Geistes.

Meier-Classen: Dann würden Sie sagen, dass Deutschland gewissermassen eine führende Rolle in der Philosophie eingenommen hat? Oder gar Berlin, denn Sie nannten vorhin die Universität Berlin die "Universität des Mittelpunkts"?

Hegel: Was die Auszeichnung des Deutschen in der Kultur der Philosophie betrifft, so zeigt der Zustand dieses Studiums und die Bedeutung dieses Namens bei den andern Nationen, dass der Name sich noch bei ihnen erhalten, aber seinen Sinn verändert hat, und dass die Sache verkommen und verschwunden ist, und zwar so, dass kaum eine Erinnerung und Ahnung von ihr zurückgeblieben ist.

Meier-Classen: Das klingt ja, als wäre Deutschland zur Hüterin der Philosophie geworden!

Hegel: Die Philosophie hat sich zu den Deutschen geflüchtet und lebt allein noch in ihnen fort.

Meier-Classen: Die Deutschen als Gralshüter der Philosophie… für andere Nationen dürfte dieses Ansinnen geradezu blasphemisch klingen.

Hegel: Uns ist die Bewahrung dieses heiligen Lichtes anvertraut, und es ist unser Beruf, es zu pflegen und zu nähren und dafür zu sorgen, dass das Höchste, was der Mensch besitzen kann, das Selbstbewusstsein seines Wesens, nicht erlösche und untergehe.

Meier-Classen:Und dieses Höchste ist nun zum Markenartikel der Deutschen geworden? Worin denn besteht das Ziel, das diese Philosophie aus deutscher Küche erstrebt?

Hegel: Was im Leben wahr, gross und göttlich ist, ist es durch die Idee. Das Ziel der Philosophie ist, sie in ihrer wahrhaften Gestalt und Allgemeinheit zu erfassen. Die Natur ist darunter gebunden, die Vernunft nur mit Notwendigkeit zu vollbringen. Aber das Reich des Geistes ist das Reich der Freiheit.

Meier-Classen:Das Reich des Geistes ist das Reich der Freiheit? Mir kommt da das Volkslied in den Sinn, in welchem es heisst: "Die Gedanken sind frei, kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschiessen…". Aber das Reich der Freiheit, von dem Sie sprechen, ist sicher um einiges komplizierter - ich meine: komplexer.

Hegel: Alles, was das menschliche Leben zusammenhält, was Wert hat und gilt, ist geistiger Natur und dies Reich des Geistes existiert allein durch das Bewusstsein von Wahrheit und Recht, durch das Erfassen der Ideen.

Meier-Classen:: Hmm… Und wie, Professor Hegel, werden Sie dafür sorgen, dass Ihre Studenten dieses Bewusstsein von Wahrheit und Recht verstehen oder gar erlangen werden?

Hegel: Der Mut der Wahrheit, Glauben an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung des philosophischen Studiums. Der Mensch soll sich selbst ehren und sich des Höchsten würdig erachten.

Meier-Classen: Anstelle von Immanuel Kants "sapere aude", "Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen", würde es bei Ihnen heissen: "Habe den Mut, an die Macht des Geistes zu glauben"?

Hegel: Von der Grösse und Macht des Geistes kann der Mensch nicht gross genug denken. Das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte, es muss sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.

Meier-Classen: Professor Hegel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!








Das Urteil eines Studenten zu Hegels Vorlesungen an der Universität Berlin:
»Abgespannt und grämlich sitzt er auf seinem Lehrstuhl, mit niedergebücktem Kopf; in sich zusammengefallen. Immerfort sprechend blättert und sucht er in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das stete Räuspern und Husten stört allen Fluß der Rede; jeder Satz steht vereinzelt da und kömmt mit Anstrengung zerstückt und durcheinandergeworfen heraus; jedes Wort, jede Silbe löst sich nur widerwillig los, um von der metallenen Stimme in schwäbisch breitem Dialekt, als sei jedes das wichtigste, einen wundersam gründlichen Nachdruck zu erhalten. In den Tiefen des anscheinend Unentzifferbaren wühlte und webte jener große Geist mit großartig selbstgewisser Behaglichkeit und Ruhe. Dann erst erhob sich die Stimme, und das Auge blitzte scharf über die Versammelten hin und leuchtete im still auflodernden Feuer seines überzeugungstiefen Glanzes, während er in nie mangelnden Worten durch alle Höhen und Tiefen der Seele griff.«


(Quelle: http://www.luise-berlin.de, zitiert aus:
© Edition Luisenstadt, 1999)