zurück meier-classen.ch

Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
über Knospen, Blüten und das Wahre.


Meier-Classen: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ganz zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschien Ihr Hauptwerk "Die Phänomenologie des Geistes". Sie schreiben darin, dass man in der Anatomie auch bei gründlichen Kenntnissen aller Teile des Körpers die Sache selbst, also den Inhalt dieser Wissenschaft, noch nicht bis ins Letzte erfasst hat. Demgegenüber gebe die Philosophie den Eindruck, als ob in ihren letzten Erkenntnissen jeweils die Sache selbst in ihrem vollkommenen Wesen erkannt würde.

Hegel: Durch das Verhältnis, das ein philosophisches Werk zu einem andern philosophischen Werk hat, das sich mit demselben Thema befasst, spielen oft fremde Interessen mit, wodurch die Erkenntnis der Wahrheit verdunkelt wird. Zu erwarten ist entweder Zustimmung oder Widerspruch zu einem philosophischen System. In der Verschiedenheit philosophischer Systeme wird nicht so sehr die fortschreitende Entwicklung der Wahrheit gesehen, sondern vielmehr die Gegensätze dieser verschiedenen Systeme.

Meier-Classen: Sie illustrieren diesen Gedanken mit einem Bild aus der Natur: Die Knospe verschwindet mit dem Hervorbrechen der Blüte.

Hegel: Richtig. Man könnte sagen, dass die Knospe von der Blüte widerlegt wird. Ebenso wird diese später durch die Frucht als ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als neue Wahrheit tritt die Frucht an Stelle der Blüte.

Meier-Classen: Knospe, Blüte, Frucht - diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sie verdrängen einander, sie sind unverträglich miteinander.

Hegel: Doch ihre sich verändernde Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, wodurch sie sich nicht nur widerstreiten, sondern das eine so notwendig ist wie das andere. Diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus. Unserer Auffassung gelingt es gewöhnlich nicht, sich von ihrer einseitigen Sichtweise zu befreien oder frei zu halten und in den scheinbaren Widersprüchen die gegenseitig notwendigen Momente zu erkennen. Ein Resultat allein ist nicht das wirkliche Ganze. Es ist dies erst zusammen mit seinem Werden.

Meier-Classen: Um auf das Beispiel von vorhin zurückzukommen: Die Frucht allein ist nicht das wirkliche Ganze, sie ist es erst zusammen mit der Blüte, der Knospe usw.?

Hegel: Statt sich mit der Sache allein zu befassen, sollte unser Tun immer über sie hinausgehen. Statt bei der Sache zu verweilen und sich in ihr zu vergessen, sollte das Wissen nach Weiterem greifen und mehr bei sich selber sein als bei der Sache selbst. Wenn das Wahre nur als dasjenige existiert, was bald Anschauung, bald unmittelbares Wissen des Absoluten, Religion, das Sein genannt wird, so wird von da aus für die Darstellung der Philosophie das Gegenteil des Begriffes gefordert. Das Absolute soll nämlich nicht begriffen, sondern gefühlt und angeschaut werden.

Meier-Classen: Sie plädieren für mehr Gefühl und Anschauung anstelle von Begriffen.

Hegel: Das Schöne, Heilige, Ewige, Religion und Liebe sind der Köder, der gefordert wird, um die Lust zum Anbeissen zu erwecken. Nicht der Begriff, sondern die Ekstase, nicht die kalt fortschreitende Notwendigkeit der Sache, sondern die gärende Begeisterung soll die Haltung und fortschreitende Ausbreitung des Reichtums der Substanz sein. Heute ist der Sinn so sehr im Irdischen festgewurzelt, dass es grosser Gewalt bedarf, ihn darüber zu erheben. Der Geist zeigt sich so arm, dass er sich, wie der Wanderer in der Sandwüste nach einem einfachen Trunk Wassers sehnt - nach dem dürftigen Gefühl des Göttlichen für seine Erquickung.

Meier-Classen: Nun ja, an dem, womit sich der Geist begnügt, kann man die Grösse seines Mangels ermessen.

Hegel: Unsere Zeit ist eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken und es umzugestalten. Es kommt nach meiner Einsicht alles darauf an, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebenso sehr als Subjekt aufzufassen. Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze ist aber nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, dass es wesentlich Resultat ist.

Meier-Classen: Sie meinen, dass das Ganze erst am Ende das ist, was es in Wahrheit ist?

Hegel: Hierin eben besteht seine Natur, nämlich Wirkliches zu sein, Subjekt zu sein, Sichselbstwerden zu sein. Sie ist als Subjekt die reine einfache Negativität, die Entzweiung des Einfachen oder die Verdoppelung, welche wieder die Negation dieser Verschiedenheit ist.

Meier-Classen: Bitte langsamer, es wird jetzt etwas gar kompliziert!

Hegel: Nur diese sich wiederherstellende Gleichheit oder die Reflexion im Anderssein in sich selbst ist das Wahre.

Meier-Classen: Lassen Sie mich das mit andern Worten wiederholen: Also nicht eine ursprüngliche oder unmittelbare Einheit ist das Wahre. Die Einheit teilt sich in zwei Gegensätzlichkeiten, so wie die Knospe zur Blüte wird. Diese Gegensätzlichkeit muss dann wieder zu einer Einheit hergestellt werden. Dies erst ist das Wahre. Damit wären wir so ungefähr bei der Dialektik gelandet.

Hegel: Das Wahre ist das Werden seiner selbst - der Kreis, der sein Ende als seinen Zweck sowohl voraussetzt als auch als Anfang hat und der nur durch die Ausführung und durch sein Ende wirklich ist.

Meier-Classen: Und so hätten wir nun auch noch ein poetisches Bild für die Dialektik. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, vielen Dank für dieses Gespräch.


 


 

 

 

 



Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) war ein deutscher Philosoph, der als wichtigster Vertreter des Deutschen Idealismus gilt. Seine Philosophie erhebt den Anspruch, die gesamte Wirklichkeit in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen einschließlich ihrer geschichtlichen Entwicklung zusammenhängend, systematisch und definitiv zu deuten. Sein philosophisches Werk zählt zu den wirkmächtigsten der neueren Philosophiegeschichte.
Hegels Werk gliedert sich in „Logik“, „Naturphilosophie“ und „Philosophie des Geistes“, die unter anderem auch eine Geschichtsphilosophie umfasst.
Nach Hegels Tod kam es zu einer Aufspaltung seiner Anhänger in eine „rechte” und eine „linke” Gruppierung. Die Rechts- oder Althegelianer wie Eduard Gans und Karl Rosenkranz folgten der hegelschen Philosophie, während die Links- oder Junghegelianer wie Ludwig Feuerbach oder Karl Marx das Staatstragende in Hegels Philosophie kritisierten.