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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Ernst Haeckel
über die Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Kirche



Ernst Haeckel  

Meier-Classen: Ernst Haeckel, Sie haben vor etwas mehr als hundert Jahren, am Ende des 19. Jahrhunderts, in Ihrem Buch "Die Welträtsel" eine kritische Standortbestimmung zur damaligen Gegenwart gemacht.

Haeckel: Wir haben im neunzehnten Jahrhundert unschätzbare Einsichten gewonnen, die vor hundert Jahren undenkbar erschienen.

Meier-Classen: Dieser Satz gilt für das zwanzigste Jahrhundert nicht weniger als für das neunzehnte. Sehr vernichtend hingegen äusserten Sie sich über die sozialen Fortschritte Ihres Jahrhunderts: Sie pflichteten Ihrem britischen Kollegen, dem Forscher Alfred Wallace bei, der sagte, dass das Regierungssystem, die Justiz, die Erziehung und die ganze soziale und moralische Organisation sich noch immer in einem Zustand der Barbarei befänden.

Haeckel: Um sich von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu überzeugen, brauchen Sie nur einen unbefangenen Blick mitten ins öffentliche Leben zu werfen oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung, als das Organ der öffentlichen Meinung, vorhält.

Meier-Classen: So haben die Menschen, trotz immens grösserem Wissen und vieler neuer Erkenntnisse im Grunde nichts gelernt...?

Haeckel: Unseren meisten Lehrern erscheint immer noch als Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den Klosterschulen des Mittelalters übernommen ist. Im Vordergrunde stehen der grammatikalische Sport und die zeitraubende "gründliche Kenntnis" der klassischen Sprachen sowie der äusserlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre, der wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt und an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll dem Wissen vorangehen. Das Gedächtnis wird mit einer Unmasse von philologischen und historischen Tatsachen überladen, die weder für die theoretische Bildung noch für das praktische Leben von Nutzen sind.

Meier-Classen: Wenn man die wissenschaftsfeindliche Vergangenheit der Kirche betrachtet, fällt es zugegebenermassen schwer, von dieser Seite Aufklärung und Wissensförderung zu erwarten…

Haeckel: Die planmässige und erfolgreiche Bekämpfung der wissenschaftliche Forschung begann im 4. Jahrhundert mit dem berüchtigten Konzil von Nizäa, welches Kaiser Konstantin präsidierte - "der Grosse" genannt, weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob - ein nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler und vielfacher Mörder…

Meier-Classen: Nun aber zu "Ihrem" Jahrhundert, Ernst Haeckel., dem 19. Jahrhundert! Inwiefern hat denn die Kirche die Entwicklung von Wissenschaft und die Vermittlung von Wissen noch im diesem geradezu "modernen" 19. Jahrhundert gehemmt oder gar verhindert?

Haeckel: Die wichtigsten päpstlichen Akte im 19. Jahrhundert waren offenkundige Faustschläge in das Antlitz der Vernunft.

Meier-Classen: Sei meinen das Dogma der unbefleckten Empfängnis Mariä?

Haeckel: Nicht allein das. Nehmen Sie die Enzyklika nebst Syllabus von 1864: ein absolutes Verdammungsurteil über die ganze moderne Zivilisation und Geistesbildung. Eine grosse Anzahl Vernunftsätze und philosophische Prinzipien, die von unserer modernen Wissenschaft als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind, werden hier aufgezählt und verflucht.

Meier-Classen: Ich habe mir den Text angeschaut: Verurteilt wird zum Beispiel die These die besagt, dass es "jedem Menschen frei stehe, jene Religion anzuerkennen und zu bekennen, welche er, durch das Licht der Vernunft geführt, für wahr hält". Oder auch jene These wird verurteilt, dass es falsch sei, "dass die staatliche Freiheit für jeden Kult und die allen gewährte Befugnis, frei und öffentlich ihre Meinungen und Gedanken kundzugeben, dazu führe, Geist und Sitte der Völker zu verderben". Kurz gesagt: Meinungsfreiheit verdirbt die Gesellschaft. Über diese Sätze ist mir Recht viel gestritten worden.

Haeckel: Und dann gar noch das Dogma von 1870: die Unfehlbarkeit des Papstes! Wenn man die lange Reihe der Päpste und der römischen Kirchenfürsten, aus denen sie gewählt wurden, nach dem Massstabe der reinen christlichen Moral mustert, ergibt sich klar, dass die grosse Mehrzahl derselben schamlose Gaukler und Betrüger waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese allbekannten historischen Tatsachen hindern aber nicht, dass noch heute Millionen von "gebildeten" gläubigen Katholiken an die "Unfehlbarkeit" dieses "Heiligen Vaters" glauben, die er sich selbst zugesprochen hat.

Meier-Classen: Die Wahl Ihrer Worte, Ernst Haeckel, verrät Ihre Entrüstung, und diese wäre wohl noch um einiges grösser, wenn Sie wüssten, dass diese päpstlichen Dogmen im 20. Jahrhundert durch die Seligsprechung ihrers Urhebers, Pius IX., nochmals bestärkt wurden. Wissenschafter und Philosophen können zwar erkennen, wie die Menschen funktionieren und sich entwickeln, aber wohin diese Entwicklung geht, bleibt - um den Titel Ihres Buches zu nennen - weiterhin ein "Welträtsel". Ernst Haeckel, herzlichen Dank für dieses Gespräch!





Ernst Haeckel - die Welträtsel

Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (* 16. Februar 1834 in Potsdam; † 9. August 1919 in Jena) war ein deutscher Zoologe, Philosoph und Freidenker, der die Arbeiten von Charles Darwin in Deutschland bekannt machte und zu einer speziellen Abstammungslehre ausbaute.

Haeckel war Arzt, später Professor für vergleichende Anatomie. Er prägte einige heute geläufige Begriffe der Biologie wie Stamm oder Ökologie. Auch bezeichnete Haeckel die Politik als angewandte Biologie.[1] Ernst Haeckel vertrat einen Monismus auf naturwissenschaftlicher Grundlage (Entwicklungs-Monismus) und gründete am 11. Januar 1906 den Deutschen Monistenbund in Jena.

Haeckel trug durch seine populären Schriften sehr zur Verbreitung des Darwinismus in Deutschland bei. Darüber hinaus erarbeitete er eine ausführliche embryologische Argumentation für die Evolutionstheorie und formulierte in diesem Zusammenhang das biogenetische Grundgesetz.

(Quelle: Wikipedia)