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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Johann Gottlieb Fichte
über die Wissenschaft vom Wissen


Meier-Classen: Johann Gottlieb Fichte, man sagt, Sie seien der Meinung, den Philosophen Immanuel Kant als einziger wirklich verstanden zu haben. Wie kommen sie zu dieser anspruchsvollen Selbsteinschätzung?

Johann Gottlieb Fichte: Kein einziger unter seinen zahlreichen Nachfolgern hat bemerkt, wovon bei Kant eigentlich geredet wird. Ich meine, das begriffen zu haben und entschloss mich, mein Leben einer von Kant ganz unabhängigen Darstellung jener grossen Entdeckung zu widmen. Ob es mir besser gelingen wird, mich meinem Zeitalter verständlich zu machen, wird die Zeit lehren.

Meier-Classen: Und worin besteht Ihre Lehre?

Johann Gottlieb Fichte: Sie enthält dieselbe Ansicht der Sache, ist aber in ihrem Verfahren ganz unabhängig von der Kantischen Darstellung.

Meier-Classen: Und worum geht es?

Johann Gottlieb Fichte: Merke auf dich selbst. Kehre deinen Blick von allem, was sich umgibt, ab, und in dein Inneres - dies ist die erste Forderung, welche die Philosophie an ihren Lehrling tut. Es ist von nichts, was ausser dir ist, die Rede, sondern lediglich von dir selbst.

Meier-Classen: Schon Kant nannte, etliche Jahre vor Ihnen in seiner "Kritik der reinen Vernunft" die Selbsterkenntnis als das erste Gebot aller Pflichten.

Johann Gottlieb Fichte: Ich habe von jeher gesagt, und sage es hier wieder, dass mein System kein anderes sei als das Kantische. Es ist eine des Nachdenkens würdige Frage: welches ist der Grund des Systems der vom Gefühle der Notwendigkeit begleiteten Vorstellungen, und dieses Gefühls der Notwendigkeit selbst?

Meier-Classen: Ich verstehe die Frage so: Wir nehmen etwas gefühlsmässig oder mit unseren Sinnen wahr und machen uns dazu unsere Vorstellungen. Dieses System von Gefühl und Vorstellung möchten Sie klären.

Johann Gottlieb Fichte: Diese Frage zu beantworten ist die Aufgabe der Philosophie. Man nennt dieses System auch die Erfahrung - innere Erfahrung wie auch äussere Erfahrung.

Meier-Classen: Die Philosophie hat demnach, mit andern Worten, die Aufgabe, sich mit dem Grund aller Erfahrung zu befassen?

Johann Gottlieb Fichte: Richtig. Das Objekt der Philosophie, der Grund aller Erfahrung, liegt also notwendigerweise ausserhalb aller Erfahrung. Dieser Satz gilt für alle Philosophie.

Meier-Classen: Ausserhalb aller Erfahrung…?

Johann Gottlieb Fichte: Das endliche Vernunftwesen hat nichts ausser der Erfahrung. Diese ist es, die den ganzen Stoff seines Denkens enthält. Der Philosoph steht notwendig unter den gleichen Bedingungen. Es scheint sonach unbegreiflich, wie er sich über die Erfahrung erheben könnte.
Aber er kann abstrahieren, das heisst: das in der Erfahrung verbundene durch Freiheit des Denkens trennen. In der Erfahrung ist das Ding, dasjenige, welches unabhängig von unserer Freiheit bestimmt sein und wonach unsere Erkenntnis sich richten soll, und die Intelligenz, welche erkennen soll, unzertrennlich verbunden.

Meier-Classen: Die Erfahrung setzt sich also zusammen einerseits aus den Dingen, die unsere Erkenntnis bestimmen und anderseits aus der Intelligenz oder dem Verstand als Fähigkeit zu erkennen? Die Erfahrung wird demnach bestimmt sowohl durch die wahrgenommenen Dinge als auch durch unseren Verstand - so habe ich es, glaub' ich, richtig auf die Reihe gekriegt.

Johann Gottlieb Fichte: Der Philosoph kann von einem von beiden abstrahieren, und er hat dann von der Erfahrung abstrahiert und über dieselbe sich erhoben.

Meier-Classen: Hmm… Er kann also von der Erfahrung die Dinge ausklammern, dann bleibt nur die Intelligenz, das Denken, der Verstand oder aber er kann von der Erfahrung den Verstand ausklammern, dann bleiben ihm die Dinge an sich.

Johann Gottlieb Fichte: Abstrahiert er von dem ersteren, so behält er eine Intelligenz an sich, das heisst: abstrahiert von ihrem Verhältnis zur Erfahrung. Abstrahiert er von dem letzteren, so behält er ein Ding an sich.

Meier-Classen: Die Intelligenz an sich. Das erinnert an Kants "reine Vernunft", das heisst Vernunft, die "rein", also unabhängig ist von allen Erfahrungen.

Johann Gottlieb Fichte: Dieses Verfahren heisst Idealismus, das andere Dogmatismus. Der Dogmatismus ist gänzlich unfähig zu erklären, was er zu erklären hat, und dies entscheidet über seine Untauglichkeit. Er kann sein Prinzip nur wiederholen und unter verschiedenen Gestalten wiederholen, es sagen und immer wieder sagen. Aber er kann von ihm aus nicht zu dem zu Erklärenden übergehen und es ableiten. In dieser Ableitung aber besteht eben die Philosophie. Der Dogmatismus ist sonach, auch von Seiten der Spekulation angesehen, gar keine Philosophie, sondern nur eine ohnmächtige Behauptung und Versicherung. Als einzig-mögliche Philosophie bleibt der Idealismus übrig. Der Idealismus erklärt die Bestimmungen des Bewusstseins aus dem Handeln der Intelligenz. Die Intelligenz lässt sich nur als tätig denken.

Meier-Classen: Wenn wir jetzt den Ausdruck "Handeln der Intelligenz" ersetzen durch "Handeln des Verstandes", dann sind wir wieder bei Immanuel Kant, nämlich bei seinem Sapere aude: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Johann Gottlieb Fichte, unter Philosophie wird sehr viel Unterschiedliches verstanden und Philosophie befasst sich mit verschiedensten Dingen. Ihre Philosophie handelt also nicht von Dingen, sondern ist die Wissenschaft vom Wissen selbst.

Johann Gottlieb Fichte: Da wir uns auf den unfruchtbaren Streit um das Wort Philosophie nicht einlassen wollen, haben wir diesen Namen längst preisgegeben und die Wissenschaft, welche die aufgezeigte Aufgabe zu lösen hat, Wissenschaftslehre genannt.

Meier-Classen: Johann Gottlieb Fichte, herzlichen Dank für dieses Gespräch!



 


 

 

 

 





Johann Gottlieb Fichte (geb. 19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda; gest. 29. Januar 1814 in Berlin), deutscher Erzieher und Philosoph. Er gilt neben Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel als wichtigster Vertreter des Deutschen Idealismus.

1790 lernte Fichte die Philosophie Immanuel Kants kennen, die ihn stark beeindruckte. Kant inspirierte ihn zu seiner am Begriff des Ich ausgerichteten Wissenschaftslehre. Fichte sah eine rigorose und systematische Einteilung zwischen den „Dingen, wie sie sind“ und „wie die Dinge erscheinen“ (Phänomene) als eine Einladung zum Skeptizismus, den er verwarf.
Ein Jahr später besuchte er Königsberg, wo Kant ihm einen Verleger für seine Schrift Versuch einer Critik aller Offenbarung[1] (1792) verschaffte, die anonym veröffentlicht wurde. Das Buch galt zunächst als ein lange erwartetes religionsphilosophisches Werk von Kant selbst. Als Kant den Irrtum klarstellte, war Fichte berühmt und erhielt einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Jena, den er 1794 antrat.

Während seiner Jenaer Professur (1794–1799) wurde er zur Zielscheibe im so genannten „Atheismusstreit”. 1799 hatte eine zunächst anonyme Streitschrift Fichtes den Streit ausgelöst: Fichte wurde wegen Verbreitung atheistischer Ideen und Gottlosigkeit verklagt und zum Rücktritt gezwungen. 1805 bekam er den Lehrstuhl für Philosophie in Erlangen, 1807 war er Zensor der Hartungschen Zeitung in Königsberg, wurde aber auf Befehl des preußischen Generals Ernst von Rüchel entlassen. Wenige Jahre darauf,1810, bekam er die Position des Dekan der philosophischen Fakultät und für kurze Zeit war er der erste gewählte Rektor der Berliner Universität.
Am 6. November 1794 ließ sich Fichte als Mitglied der Freimaurerloge Günther zum stehenden Löwen in Rudolstadt annehmen und war auch nach seinem Umzug nach Berlin mit den dortigen Freimaurerkreisen verbunden.[2] 1799 traf er auf Ignaz Aurelius Feßler und arbeitete nach seiner Annahme am 17. April 1800 mit ihm an der Reform der Großloge Royal York zur Freundschaft. Am 14. Oktober 1799 hielt er einen Vortrag über „den wahren und richtigen Zweck der Maurerei“. Am 13. und 27. April 1800 hielt er mehrere Vorlesungen, die später unter dem Titel Philosophie der Freimaurerei. Briefe an Constant erneuert und veröffentlicht wurden.[2] Schon bald kam es zum Streit und Fichte trat am 7. Juli 1800 aus der Freimaurerei aus[3]. Auch bei der Entstehung der Gesellschaft der freien Männer hatte er einen bedeutenden Anteil. In Berlin wurde er Mitglied der Deutschen Tischgesellschaft, ab Sommer 1811 deren „Sprecher” (Vorsitzender).
Hatte sich Fichte zuvor als Anhänger der Französischen Revolution bezeichnet, so profilierte er sich nun insbesondere durch die flammend patriotischen Reden an die deutsche Nation (als Text veröffentlicht bis 1808) als Gegner Napoleons.
Ein utopisches Gesellschaftsmodell – eine Art sozialistische Gesellschaft auf nationalstaatlicher Grundlage – findet sich in dem Werk Der geschlossene Handelsstaat (1800).
1813 erkrankte seine Frau Johanna am sogenannten Lazarettfieber, welches sie sich bei der Pflege von Kriegsverwundeten zugezogen hatte. Auch Fichte sollte daran erkranken und konnte sich im Gegensatz zu seiner Frau von diesem Fieber nicht erholen. Er starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt.
Sein Grabstein trägt einen Vers aus dem Buch Daniel (12,3): „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.”

(Biographie: Wikipedia)