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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Erasmus von Rotterdam
über die Torheit



 

Meier-Classen: Erasmus von Rotterdam, nach Ihnen wurde das Erasmus-Programm, die Zusammenarbeit der Hochschulen innerhalb der EU benannt. Dadurch werden Studienleistungen im Ausland, dank dem ETCS-System, anerkannt. Viele betrachten dieses System heute als Torheit. Nun, für Torheit sind ja ein Spezialist: 1509 oder 1510 gaben Sie Ihre Schrift "Lob der Torheit" heraus. Was ist das - Torheit?

Erasmus: Ein holländisches Sprichwort besagt, die Torheit allein sei fähig, die sonst so flüchtigen Jugendjahre zurückzuhalten und dem traurigen Greisenalter den Zugang zu verwehren.

Meier-Classen: Alter schützt vor Torheit nicht, das behauptet man auch bei uns, allerdings eher mit einem negativen Beigeschmack. Ihnen gelingt es in Ihrem Buch, zu zeigen, dass wir der Torheit auf Schritt und Tritt begegnen - dass die Torheit die Welt regiert.

Erasmus: Gewiss! Alle Leidenschaften stehen in Beziehung zur Torheit.

Meier-Classen: Sie lassen klugerweise in Ihrem Buch die personifizierte Torheit selber reden. Das erlaubte Ihnen, sogar Kirche und Christentum der Torheit zu bezichtigen, ohne selbst dafür geradestehen zu müssen. Die Inquisition zu Ihrer Zeit noch nicht abgeschafft.

Erasmus: Tja, die gleichen Reden, die einem Philosophen die Todesstrafe einbrächten, bereiten, wenn sie aus dem Mund eines Toren kommen, grösstes Vergnügen. Der Wahrheit wohnt eben von Natur aus die Macht inne, Lust zu verbreiten, sobald sie von jedem beleidigenden Unterton befreit ist. Doch dies zu bewirken, haben die Götter einzig dem Toren zugestanden.

Meier-Classen: Dennoch wurde Ihre Schrift 9 Jahre nach Ihrem Tod vom Konzil von Trient auf den Index gesetzt.

Erasmus: Das hätte ich mir denken können.

Meier-Classen: Auch Frauen habe wenig Freude an Ihrem Buch, denn die personifizierte Torheit, die sich damit entschuldigt, selbst eine Frau zu sein, nimmt kein Blatt vor den Mund. Ich denke an den Vergleich mit dem Affen.

Erasmus: Ach ja: Ein Affe bleibt ein Affe, auch wenn man ihn mit Purpur bekleidet. Genauso ist es mit der Frau: sie bleibt immer eine Frau, das heisst eine Törin, mag sie sich auch alle möglichen Masken umhängen.

Meier-Classen: Zur Beruhigung muss ich ergänzen, dass Sie auch mit dem männlichen Geschlecht unglimpflich umgehen: Sie schreiben dem Mann nur "ein kümmerliches Stücklein Vernunft" zu, weshalb Zeus ihm zur Ergänzung die Frau schuf. Die Torheit, behaupten Sie, sei der Kitt, der eine Ehe zusammenhalte...

Erasmus: Aber sicher! Wieviele Ehen würden geschieden und wieviele noch schlimmere Dinge würden sich allenthalben zutragen, würde nicht die häusliche Gemeinschaft zwischen den Eheleuten durch Schmeichelei, Scherz, Entgegenkommen, Irreführen und Verstellung gestützt und genährt - also durch lauter Dinge, die im Gefolge der Torheit stehen!

Meier-Classen: Es gelingt Ihnen, Erasmus, die Torheit immer wieder als sinnvoll und hilfreich hinzustellen. Als Leser muss man da sehr auf der Hut sein, denn letztlich regiert die Torheit in einer Welt von Lüge und Heuchelei und bar jeglicher Weisheit.

Erasmus: Weisheit macht die Menschen nur unentschlossen, und so kann man denn auch allenthalben Zeuge sein, wie die Weisen aus der muffigen Atmosphäre ihrer Armut und Hunger einfach keinen Ausweg finden, wie sie auf der Schattenseite des Lebens hausen müssen, ruhmlos und stets angefeindet von den andern. Die Toren dagegen haben Geld in überreicher Fülle, sie führen die Ruder des Staates, und es geht ihnen einfach in jeder Hinsicht gut. Wenn es nämlich jemand als sein Ideal ansieht, "den Fürsten zu gefallen", dann darf er alles sein, nur nicht weise, denn dies wäre die schlimmste Eigenschaft in den Augen dieser Menschen. Will es einer zu Reichtum bringen, was erreicht er dann mit der Weisheit, die ihm keinen Meineid gestattet, die erröten lässt, wenn man ihn bei einer Unwahrheit ertappt? Nein, für Diebe und Wucherer gibt es nichts anderes, als alle Gewissensvorbehalte und Zweifel über Bord zu werfen!

Meier-Classen: Genug, Erasmus! Sie reden, als lebten Sie nicht vor fünfhundert Jahren, sondern eben in unserer heutigen Zeit. Ich glaube, ich habe verstanden, wie Sie das meinen mit der Torheit und der Weisheit. Das ist ja das Erfrischende an der Lektüre Ihres Buches: endlich einmal ein Weiser, der nicht die Torheit hat, zu sagen, wie das Leben sein müsste, sondern der die Ehrlichkeit hat zu zeigen, wie er die Welt tatsächlich sieht! Besten Dank für dieses Gespräch!









Erasmus (Desiderius) von Rotterdam (geb. 27. Oktober 1465 [oder 1469] in Rotterdam; gest. 12. Juli 1536 in Basel), niederländischer Gelehrter des europäischen Humanismus, Theologe, Philosoph, Philologe und Autor zahlreicher Bücher. Als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Repräsentanten des europäischen Humanismus wurde Erasmus durch seine kirchenkritische Haltung und seinen der historisch-kritische Exegese verpflichteten theologischen Schriften zum Vorreiter der Reformation. Durch sein Eintreten für relative Religionsfreiheit nahm er eine humanistische Position jenseits des katholischen wie auch des lutherischen Dogmatismus ein. Ihn als Verteidiger „religiöser Toleranz“ zu bezeichnen, ist insofern missverständlich, weil er selbst stattdessen die Begriffe Frieden und Konkordanz verwendet (tolerantia nur für die Wahl des Geringeren von zwei Übeln, was bei Konflikten religiöser Doktrinen nicht vorliegt) und ernsthafte Irrlehren sollten auch seiner Meinung nach unterdrückt werden, ggf. auch durch Anwendungen der Todesstrafe.
Erasmus zählte zu den geachtetsten Gelehrten seiner Zeit, man nannte ihn „den Fürsten der Humanisten“. Er korrespondierte mit fast allen Herrschern und Päpsten seiner Epoche und wurde allseits für seine offenen Worte und den brillanten Stil bewundert und geachtet.
Wegen seiner kritischen Haltung zur römisch-katholischen Kirche wurden seine Werke auf dem Konzil von Trient auf den Index gesetzt. Der holländische Kultur-Historiker und Erasmus-Biograph Johan Huizingacharakterisiert Erasmus trefflich als einen geistigen Typus der ziemlich seltenen Gruppe, die zugleich unbedingte Idealisten und durchaus Gemäßigte sind … „sie können die Unvollkommenheit der Welt nicht ertragen, sie müssen sich widersetzen; aber sie fühlen sich bei den Extremen nicht zu Hause, sie schrecken vor der Tat zurück, weil sie wissen, dass diese immer ebenso viel zerbricht als aufbaut; und so ziehen sie sich zurück und rufen weiter, alles müsse anders werden; aber wenn die Entscheidung kommt, wählen sie zaudernd die Partei der Tradition und des Bestehenden. Auch hier liegt ein Stück von der Tragik im Leben des Erasmus: Er war der Mann, der das Neue und Kommende besser sah als irgend jemand; der sich mit dem Alten überwerfen musste und doch das Neue nicht ergreifen konnte.“
(Text entnommen: Wikipedia)