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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Epikur
über die Sterblichkeit und die Lust



 

Meier-Classen: Sie schrieben, Epikur, in einem Brief an Menoikeus, dass sich, wer noch jung sei, der Philosophie befleissigen soll, und dass nicht müde werden soll zu philosophieren, wer alt sei. Was ist denn so lebenswichtig an der Philosophie?

Epikur: Niemand kann früh genug anfangen und für niemanden ist es zu spät, für sein Leben zu sorgen.

Meier-Classen: Einverstanden, aber was hat das mit der Philosophie zu tun?

Epikur: Sie lehrt uns die Weisheit für ein gutes Leben. Scheut nicht die grosse Menge den Tod als das grösste aller Übel oder sieht andernfalls in ihm die Erlösung von den Mühseligkeiten des Lebens? Der Weise hingegen lehnt das Leben weder ab, noch fürchtet er sich davor, nicht mehr zu leben.

Meier-Classen: Da müsste man also die Jungen zu einem guten Leben und die Alten zu einem guten Ende ermuntern?

Epikur: Nein, wer dies täte, wäre ein Tor, denn ein gutes Leben ist dasselbe wie ein gutes Ende.

Meier-Classen: Und wie ist es mit denen, die behaupten, das Beste sei, gar nicht geboren zu sein?

Epikur: Mit denen steht es noch weit schlimmer. Meint einer dies wirklich ernst, warum scheidet er dann nicht aus dem Leben? Das steht ihm ja frei. Sagt er dies aber nur zum Spott, dann ist dies ein übler Unfug.

Meier-Classen: Welches aber ist nun der weise Umgang mit Leben und Tod?

Epikur: Gewöhne dich an den Gedanken, dass es mit dem Tode für uns nichts auf sich hat. Ob etwas gut ist oder schlimm beruht nur auf unserer Empfindung. Der Tod aber hebt die Empfindung auf. Den Tod als bedeutungslos zu erkennen macht die Sterblichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust.

Meier-Classen: Die Sterblichkeit als Quelle der Lust? Und wo bleibt da die Unsterblichkeit?

Epikur: Sterblichkeit als Quelle der Lust macht dem Verlangen nach Unsterblichkeit ein Ende. Das Leben hat nichts Schreckliches für den, der sich wirklich klargemacht hat, dass im Nichtleben oder nicht mehr Leben nichts Schreckliches liegt.

Meier-Classen: Nun gibt es ja auch Menschen, die allfällige Todesschmerzen weniger fürchten als vor allem den Gedanken, dereinst sterben zu müssen…

Epikur: …die reden ins Blaue hinein! Wenn wir den Tod selbst nicht fürchten, ist die Angst, dereinst nicht mehr zu leben, blosse Einbildung. Solange wir noch da sind, ist der Tod nicht da, stellt sich aber der Tod ein, dann sind wir nicht mehr da. Der Tod hat also weder für die Lebenden noch für die Verstorbenen eine Bedeutung.

Meier-Classen: Mir klingen noch Ihre Worte nach: Quelle der Lust. Was ist unter dieser offenbar so lebenswichtigen Lust zu verstehen?

Epikur: Die Lust wird dann gebraucht und gesucht, wenn sie uns fehlt und wir dies als schmerzlich empfinden. Fühlen wir uns aber frei von Schmerz, dann brauchen wir auch die Lust nicht mehr. Darum ist die Lust Anfang und Ende des glückseligen Lebens. Die Lust ist unser erstes und angeborenes Gut. Sie ist der Ausgangspunkt für alles Wählen und Meiden. Wir nehmen sie als Richtschnur für die Beurteilung aller Werte…

Meier-Classen: …und geben der Lust stets den Vorzug?

Epikur: Keineswegs! Es gibt ja auch Annehmlichkeiten, aus denen sich ein Übermass an Unannehmlichkeiten ergibt. Auch Genügsamkeit ist ein grosses Gut. Eine bescheidene Mahlzeit bietet den gleichen Genuss wie eine prunkvolle Tafel, wenn nur erst das schmerzhafte Hungergefühl gestillt ist. Wenn wir die Lust als Ziel hinstellen, so meinen wir nicht die Lüste der Schlemmer und solche, die in nichts als dem Genusse selbst bestehen, sondern das Freisein von körperlichem Schmerz und von Beeinträchtigungen der Seelenruhe.

Meier-Classen: Danke für dieses Gespräch und Ihr klares Statement, denn allzu oft wird der nach Ihnen benannte Epikureismus mit Genusssucht und Völlerei gleichgesetzt. Aber auch bei den Epikuräern gilt offensichtlich: Weniger ist oft mehr - selbst dann, wenn es um die Lust geht.







Epikur (Epíkouros; * um 341 v. Chr. auf Samos; † 271 oder 270 v. Chr. in Athen) war ein griechischer Philosoph und Begründer des Epikureismus. Diese im Hellenismus parallel zur Stoa entstandene philosophische Schule hat durch die von Epikur entwickelte hedonistische Lehre seit ihren Anfängen zwischen Anhängern und Gegnern polarisierend gewirkt. Sie war und ist durch ein verbreitetes Missverständnis des epikureischen Lustbegriffs Fehldeutungen ausgesetzt. Nach dem Garten, in dem Epikur und seine Anhänger sich versammelten, wird dessen Schule auch Kepos genannt.