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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Epiktet
über gut und böse, gerade und krumm



 

Meier-Classen: Epiktet, Sie haben sich ausgiebig mit der Frage befasst, was sich in unserer Gewalt befinde und was nicht. Mich erstaunt, dass Sie behaupteten, auch Besitztum stehe nicht in menschlicher Gewalt.

Epiktet: Das ist richtig. Auch Ansehen und Stellung, ja nicht einmal unser Leib stehen in unserer Gewalt.

Meier-Classen: Wenn ich bedenke, dass Sie als Sklave im römischen Kaiserreich gelebt haben, dann kann ich Ihre Meinung einigermassen verstehen. Aber da bleibt ja nach Ihrer Meinung überhaupt nichts mehr, über das wir frei verfügen könnten.

Epiktet: Oh, da bleibt noch sehr viel: Unsere Meinung, zum Beispiel. Und unsere Triebe und Begierden, unsere Abneigungen - kurz alles, was unser eigenes Werk ist. Dies alles steht in unserer Macht. Es ist von Natur frei und kann uns von niemandem verhindert oder verwehrt werden.

Meier-Classen: "Die Gedanken sind frei, kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschiessen…". So singt es uns auch ein Volkslied vor. Aber hier geht es um philosophische Erkenntnisse. Wie sind Sie zur Philosophie gekommen?

Epiktet: So wie es sich gebührt, nämlich durch die richtige Türe: das ist die Erkenntnis der Schwäche und des Unvermögens in den notwendigen Dingen.

Meier-Classen: Also nicht über die Wissenschaften…

Epiktet: Hat die Natur uns etwa die Begriffe von einem rechtwinkligen Dreieck mit auf die Welt gegeben?

Meier-Classen: Um die zu lernen gehen wir schliesslich zur Schule.

Epiktet: Eben darum wird sich keiner, der diese Sachen nicht studiert hat, einbilden, dass er sie verstehe.

Meier-Classen: Da bin ich mir nicht so sicher…

Epiktet: Wer aber glaubt, nicht auf die Welt gekommen zu sein mit klarem Wissen über Gut und Böse, über Schön und Hässlich, Geziemend und Ungeziemend, Vorteil und Nachteil! Wir bringen zwar schon von Natur aus einigen Unterricht in diesen Dingen mit auf die Welt und bilden uns dann stolz ein, dass wir sie auch richtig anzuwenden wüssten.

Meier-Classen: Tun wir das etwa nicht?

Epiktet: Infolge unrichtiger Anwendung fällt man in lauter streitige Fragen und Zänkereien. Wenn einer glaubt, er wende sein Wissen darüber richtig an - woraus schliesst er dies?

Meier-Classen: Er ist überzeugt davon.

Epiktet: Ein jeder mit anderer Meinung ist ebenso überzeugt. Die blosse Meinung ist da wohl nicht das Richtige. Tut nicht auch ein Unsinniger, was ihn gut dünkt?

Meier-Classen: Also kommt es auf etwas anderes an, als nur auf die eigene Meinung. Worauf, lieber Epiktet, wollen Sie hinaus?

Epiktet: Schau, dies ist der Anfang zur Philosophie: zu sehen, wie die Menschen im Widerspruch zu einander stehen, das Nachforschen, warum das so ist, das Untersuchen der verschiedenen Meinungen und schliesslich das Finden einer Art von Regel, so wie man das Richtscheit erfunden hat, um zu prüfen, ob etwas gerade sei oder krumm. Oder glaubst du etwa, der Anfang der Philosophie sei, alles als richtig gelten zu lassen, was jeden gerade dünkt?

Meier-Classen: Ich habe mir das nicht überlegt.

Epiktet: Wie könnte es möglich sein, dass Meinungen, die einander widersprechen, beiderseits wahr seien? Wovon soll zum Beispiel die Rede sein?

Meier-Classen: Zum Beispiel von der Lust.

Epiktet: Von der Lust. Lege die Richtschnur an, lege die Lust auf die Waage. Muss ein Gut nicht so beschaffen sein, dass man kühn darauf vertrauen darf? Darf man etwa auf etwas Unbeständiges kühn vertrauen? Ist die Lust etwa etwas Beständiges?

Meier-Classen: Ich bin gespannt worauf dies alles hinausläuft…

Epiktet: Die Lust ist nichts Beständiges. Also fort mit ihr! Wirf sie hinaus aus der Waagschale, stosse sie weit weg von dem Platz der wirklichen Güter! Nimm dich in acht, behaupte nicht das Gegenteil, sonst würde ich dich nicht einmal für wert achten, die Waagschale zu halten.

Meier-Classen: Philosophieren, lieber Epiktet, heisst nach Ihrer Meinung also nichts anderes, als Massstäbe untersuchen und Massstäbe festlegen?

Epiktet: Richtig. Der Gebrauch solcher erkannter Regeln ist die Aufgabe des sittlich guten Mannes.

Meier-Classen: …des sittlich guten Mannes? Lassen wir das für einmal so stehen, lieber Epiktet - und herzlichen Dank für dieses Gespräch.






Epiktet (Epíktetos, lateinisch Epic'tetus; * um 50 in Hierapolis in Phrygien; † um 125 in Nikopolis in Epirus) war ein antiker Philosoph. Er zählt zu den einflussreichsten Vertretern der späten Stoa. Als Sklave gelangte Epiktet nach Rom, wo er in Kontakt mit stoischen Lehren kam und auch selbst zu unterrichten begann. Aus Rom vertrieben begründete er in Nikopolis eine Philosophenschule, an der er bis zu seinem Tod lehrte. Da Epiktet selbst keine Werke verfasste, ist seine Philosophie nur in den Schriften seines Schülers Arrian überliefert, der seine Vorlesungen aufzeichnete.
Seine Lehre behandelt vor allem ethische Fragen und stellt die praktische Umsetzung philosophischer Überlegungen in den Vordergrund. Im Zentrum seiner Ethik stehen die innere Freiheit und moralische Autonomie eines jeden Menschen. Epiktet trennt strikt zwischen Dingen und Zuständen, die sich außerhalb der menschlichen Macht befinden und daher als gegeben angenommen werden müssen, und solchen, die das Innerste des Menschen betreffen und daher ausschließlich Gegenstand seines Einflusses sind. Außerdem entwickelt Epiktet ein Konzept der sittlichen Persönlichkeit, die nach seiner Ansicht das Wesen des Menschen darstellt. Menschliches Handeln wird für ihn aber stets auch von Gott bestimmt und gelenkt, der in jedem einzelnen Menschen, der Welt und dem eine Einheit bildenden Kosmos direkt anwesend ist. Da dieser göttliche Kern allen Menschen gleichermaßen innewohnt, muss die Menschenliebe unterschiedslos allen gelten.
Die Rezeptionsgeschichte der Lehre Epiktets ist vielschichtig. Nach einer ersten kurzen Blüte im 2. Jahrhundert geriet er während des Mittelalters im Westen weitgehend in Vergessenheit. Auf indirektem Weg – über späteres Schrifttum und christianisierte Umformungen der ältesten Überlieferung – beeinflussten Konzepte Epiktets jedoch christliche Autoren von der Spätantike bis in die Neuzeit maßgeblich, auch wenn diese Schriften nur noch in loser Verbindung mit dem Namen Epiktets standen. Die Aufzeichnungen seines Unterrichts wurden in der Renaissance erneut bekannt und wirkmächtig.