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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
René Descartes
über Zweifel und Denken.


Meier-Classen: René Descartes, Sie sind - nebst Hamlet - wohl der berühmteste Zweifler der Geschichte. Der von Ihnen geprägte Ausdruck "cogito ergo sum" ist in aller Leute Mund. Ich würde gerne Ihre Gedanken erfahren, die zu diesem "ich zweifle, also bin ich" geführt haben.

Descartes: "Je pense, donc je suis". Da wir als Kinder von den sinnlichen Dingen mancherlei geurteilt haben, noch ehe wir den vollen Gebrauch unserer Vernunft hatten, werden wir durch viele Vorurteile von der Erkenntnis des Wahren abgewendet.

Meier-Classen: Diese Vorurteile, darauf läuft es wohl heraus, können wir nur loswerden, wenn wir an allem zweifeln?

Descartes: Ja, es wird sogar gut sein, das Zweifelhafte geradezu für falsch zu halten, damit wir umso deutlicher sehen, was ganz sicher und zu erkennen ganz leicht ist.

Meier-Classen: Mit all diesem Zweifel kommt man im Alltag aber nirgendwo hin…

Descartes: Dieser Zweifel ist blos auf die theoretische Beschäftigung mit der Wahrheit einzuschränken. Was das praktische Leben betrifft, so sind wir notgedrungen gezwungen, das bloss Wahrscheinliche oder Wahrscheinlichste zu wählen. Wir werden aber an vielen Dingen zweifeln, die wir vorher für ganz sicher gehalten haben, sogar an mathematischen Beweisführungen und selbst an den Grundsätzen, die uns bis jetzt unmittelbar gewiss schienen.

Meier-Classen: Und wie steht es mit diesem Zweifel in so genannten Glaubensfragen aus?

Descartes: Wir haben gehört, es sei ein Gott, der alles vermöge und uns geschaffen habe. Aber wir wissen nicht, ob dieser Gott uns nicht etwa so habe schaffen wollen, dass wir in fortwährender Täuschung befangen bleiben. Nehmen wir nun an, dass wir nicht von dem allmächtigen Gott, sondern von uns selbst oder irgend einem anderen Wesen unser Dasein haben, so wird, je ohnmächtiger dieses Wesen ist, umso wahrscheinlicher unsere Unvollkommenheit so gross sein, dass wir fortwährend irren.

Meier-Classen: Angenommen, wir zweifeln an allem, angenommen, es gibt keinen Gott, keinen Himmel, keine Körper, wir zweifeln daran, dass wir Hände und Füsse haben - wo führt das hin?

Descartes: Gerade wenn wir solches denken, können wir nicht davon ausgehen, dass wir nichts sind. Denn es wäre widersprüchlich, dass ein Wesen in dem Augenblick, wo es denkt, nicht existieren würde. Demnach ist diese Erkenntnis "ich denke, also bin ich", von allen die erste und sicherste, die jedem begegnet, der methodisch philosophiert.

Meier-Classen: Und wenn jemand nicht - wie Sie sagen - methodisch philosophiert?

Descartes: Jene, die bisher unmethodisch philosophierten, haben den Geist niemals sorgfältig genug vom Körper unterschieden. Sie haben gemeint, ihre eigene Existenz sei gewisser als irgendetwas anderes. Sie haben nicht gesehen, dass unter ihrem "eigenen" Wesen nur ihr Geist zu verstehen war. Sie haben ganz im Gegenteil darunter nur ihre Körper verstanden, nur das, was sie mit den Augen sehen und mit den Händen fassen konnten. So haben sie fälschlicherweise den Augen und Händen statt dem Geist das Empfindungsvermögen zugeschrieben.

Meier-Classen: Ich möchte nochmals diesen Satz "ich denke, also bin ich" aufgreifen. Dieses "ich denke" - was ist damit gemeint, was verstehen Sie unter dem Wort "denken"?

Descartes: Ich verstehe darunter alles, was in uns vorgeht, sofern wir unmittelbar uns dieser Vorgänge bewusst sind. In diesem Sinne ist nicht bloss Erkennen, Wollen, Einbilden, sondern auch Empfinden dasselbe wie Denken.

Meier-Classen: Wenn ich sage: "ich sehe oder ich gehe spazieren, also bin ich", trifft das dann ebenfalls zu?

Descartes: Wenn Sie darunter den körperlichen Akt des Sehens oder Gehens verstehen, so ist der Schluss nicht ganz sicher. Denn ich kann ja, wie häufig im Traum, zu sehen oder zu gehen meinen. Wenn ich es aber von der Empfindung selbst verstehe oder vom bewussten Sehen oder Gehen, so bezieht sich dieses auf den Geist, der allein empfindet, d.h. zu sehen oder zu gehen "denkt" - dann ist der Schluss zulässig.

Meier-Classen: Ich denke, René Descartes, dass dieses Gespräch, für das ich herzlich danke, alle Zweifel am Denken ausgeräumt hat.

 

 

 

 







René Descartes (latinisiert Renatus Cartesius; 1596 - 1650 ) war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler. Er gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus, den Spinoza, Malebranche und Leibniz kritisch-konstruktiv weitergeführt haben. Sein rationalistisches Denken wird auch Cartesianismus genannt. Er ist außerdem für das berühmte Dictum „cogito ergo sum“ („ich denke, also bin ich“) bekannt, das die Grundlage seiner Metaphysik bildet. Seine Auffassung bezüglich der Existenz von zwei miteinander wechselwirkenden, voneinander verschiedenen „Substanzen“ – Geist und Materie – ist heute als Cartesianischer Dualismus bekannt und steht im Gegensatz zu den verschiedenen Varianten des Monismus sowie zur dualistischen Naturphilosophie Isaac Newtons.