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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Jacques Derrida
über differénce, différance und Dekonstruktion
 


Meier-Classen: Jacques Derrida, Sie sind der Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion, einer philosophischen Strömung, die grundsätzlich davon ausgeht, dass die Thematisierung bestimmter Theorien, Sachverhalte, Darstellungen usw. andere zugleich ausgrenzt. Der Dekonstruktivist achtet darum nicht nur auf explizit mitgeteilte Informationen, sondern vor allem darauf, was bei Informationen verschwiegen und ausgeklammert wird und welche Strategien und Weltanschauungen dahinter stecken. Das erinnert an das von Ihnen kreierte Wort "différance" das sich nur geschrieben, aber nicht hörbar von dem Wort "différence" unterscheidet. Man muss genau hinschauen, um zu wissen, welches der beiden Wörter gemeint ist.

Derrida: Sie haben Recht, das a der différance ist nicht vernehmbar, es bleibt stumm, verschwiegen und diskret, wie ein Grabmal. Ein Grabmal, das sich nicht einmal zum Ertönen bringen lässt. Denn ich kann Sie durch meine Rede, in dem Augenblick, in dem ich davon spreche, nicht wissen lassen, von welcher différence ich rede. Ich kann von diesem grafischen Unterschied der Schreibweise nur sprechen, indem ich jedes Mal genau angebe, ob ich die différence mit e oder die différance mit a meine.

Meier-Classen: Diesem Wort différence liegt das Verb différer zugrunde. Différer heisst einerseits "aufschieben" und anderseits "unterschiedlich sein".

Derrida: Die zwei anscheinend verschiedenen Bedeutungen verbinden sich in der Freudschen Theorie: das différer als Aufschub und das différer als Abweichung.

Meier-Classen: In Freuds Psychoanalyse sind das unbewusste Phänomene. Sie hatten einmal auf Freud hingewiesen, der beschreibt, das Leben strebe danach sich dadurch zu schützen, dass es die gefährliche Besetzung, also bedrohliche Inhalte aufschiebt. Es geht bei der Différance also nicht nur um die Unterschiede selbst, sondern um die Hintergründe und Prinzipien der Entstehung dieser Unterschiede. Allgemein wird ja angenommen, dass alles, was wir sagen, eine klare Bedeutung hat und fest in unserem Bewusstsein verankert ist. Dem ist nicht mehr zu trauen…?

Derrida: C'est ça. Es ist historisch bezeichnend, dass die Infragestellung des Primats von Gegenwart als Bewusstsein ebenfalls ein Hauptmotiv von Freuds Denken ist. Differenzen, die sich dem Blick und dem Gehör entziehen, legen nahe, dass man sich hier auf eine Ordnung verweisen lassen muss, die weder der sinnlichen Wahrnehmung noch der Intelligibilität angehört.

Meier-Classen: Eine solche Differenz ist also weder mit den Sinnen wahrzunehmen noch mit dem Denken zu erfassen. Sie bildet gewissermassen einen Gegensatz, ein Dazwischen? Es scheint kein Unterschied zu bestehen und doch herrscht Zwietracht?

Derrida: Diese Zwietracht, eine aktive, in Bewegung begriffene Zwietracht verschiedener Kräfte und Kräftedifferenzen, können wir "différance" nennen. Auch wenn unsere Wahrnehmung keinen Unterschied feststellen kann, ist das Gleiche eben doch nicht identisch. Das Gleiche ist gerade diese différance als aufgeschobener und doppeldeutiger Übergang von einem zum andern. Der eine erscheint als différance des andern.

Meier-Classen: Was bedeutet dies für die Dekonstruktion?

Derrida: Es geht in der Dekonstruktion nicht um eine bereits konstituierte Differenz, sondern um eine reine Bewegung, welche den Unterschied hervorbringt. Man darf den Ausdruck "Dekonstruktion" nicht im Sinne von Auflösen oder Zerstören verstehen. Gemeint ist das Analysieren der verfestigten Strukturen, in denen wir denken. Dekonstruktion ist nicht einfach eine Philosophie, auch keine Disziplin oder Methode. Allerdings gibt es eine gewisse Übereinstimmung in der Art, wie bestimmte Fragen in dekonstruktivem Stil gestellt werden.

Meier-Classen: Also beispielsweise das Aufdecken von Gegensätzlichkeiten und ihren hierarchischen Verhältnissen, da meistens einer von gegensätzlichen Begriffen verdeckt oder unterdrückt ist. Und vor allem auch das Aufdecken von Mustern, die in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Kontext als "wahr" gelten.

Derrida: Wenn ich eine knappe Beschreibung der Dekonstruktion geben wollte, würde ich sagen, dass sie das Denken über den Ursprung und die Grenzen der die gesamte Philosophie dominierenden Frage ist, nämlich der Frage: "Was ist das?"

Meier-Classen: Monsieur Derrida, besten Dank für dieses Gespräch




 

 

 

 

 

 



Derridas Geburtsort: El Biar, Algerien

Jacques Derrida (* 15. Juli 1930 in El Biar, Algerien; † 8. Oktober 2004 in Paris, Frankreich) war ein französischer Philosoph, der als Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion gilt. Er lehrte als Professor an der Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die Philosophie und Literaturwissenschaft, zu seinen Hauptwerken zählen Grammatologie 1967, Die Schrift und die Differenz 1967 und Randgänge der Philosophie 1972.
1942 wurde Derrida als Sohn einer jüdischen Familie entsprechend einer Verordnung des Vichy-Regimes der Schulbesuch untersagt (die Quote für jüdische Schüler wurde von 14 auf 7 Prozent gesenkt). Die antisemitischen Diskriminierungen und Repressionen gruben sich tief in das Denken Derridas ein, und Spuren davon sind in vielen seiner Schriften zu finden.
Seit 1949 in Frankreich lebend, besuchte er das Lycée Louis-le-Grand in Paris und studierte von 1952 bis 1954 an der École Normale Supérieure, wo er Vorlesungen bei Louis Althusser und Michel Foucault besuchte und sich mit Pierre Bourdieu anfreundete. 1956 gewann er ein Stipendium für einen Studienaufenthalt an der Harvard University. Während seines Militärdienstes (von 1957 bis 1959) lehrte er Englisch und Französisch in Algerien; von 1960 bis 1964 war er wissenschaftlicher Assistent an der Sorbonne.
Ab 1965 (bis 1984) bekleidete er eine Dozentur für Geschichte der Philosophie an der École Normale Supérieure. Den Durchbruch erlangte Derrida im Jahr 1967, als er nahezu zeitgleich in drei bekannten Verlagen drei wichtige Schriften veröffentlichte: De la grammatologie (Les Éditions de Minuit, dt. Grammatologie 1974), La Voix et le phénomène (Presses Universitaires de France, dt. Die Stimme und das Phänomen 1979) sowie L'écriture et la différence (Seuil, dt. Die Schrift und die Differenz 1972). Auf Vortragsreisen in den USA lernte er Paul de Man und Jacques Lacan kennen, 1981 gründete er die „Gesellschaft Jan Hus“ (eine Hilfsorganisation für verfolgte tschechische Intellektuelle).
Derridas Interesse an den institutionellen Aspekten der Philosophie, von Anfang an ein wesentliches Moment der Dekonstruktion, das ihn schon 1979 zu einem wichtigen Akteur der États généraux de la philosophie[1] werden ließ, führte 1983 zu seiner maßgeblichen Beteiligung als Gründungsdirektor des Collège international de philosophie in Paris. Derrida bekleidete Gastprofessuren an der University of California, Irvine, an der Johns Hopkins University, der Yale University, der New York University, der Stony Brook University, der The New School for Social Research, und an der European Graduate School.
Zu Derridas intellektuellen und persönlichen Freunden zählten Paul de Man, Jean-Luc Nancy, Sarah Kofman, Samuel Weber, Peter Engelmann, Hélène Cixous, Geoffrey Bennington, Rodolphe Gasché u.a.
1988 war er (zusammen mit Karl Popper und Carlo Sini) Preisträger des 10. Premio Internazionale Federico Nietzsche der italienischen Nietzsche-Gesellschaft. 2001 erhielt Jacques Derrida den Theodor-W.-Adorno-Preis. Er starb im Oktober 2004 in einem Pariser Krankenhaus nach kurzer schwerer Krankheit.

(Biographie: Wikipedia)