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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Bonaventura
über die grosse Schande mit den Regierenden
Bonaventura


Meier-Classen: Bonaventura, Papst Leo XIII. nannte Sie den "Fürsten aller Mystiker", und Papst Sixtus IV. hatte Sie heiliggesprochen. Sie sagten, die Logiker hätten die Welt um den Verstand gebracht -

Bonaventura: Die Logiker haben mit ihren Schreibweisen und ihren falschen Thesen die Welt verrückt gemacht. So haben auch die Grammatiker mit Gedichten und Geschichten die ganze Welt beherrscht, bis die Heiligen gegen sie aufstanden.

Meier-Classen: Ich möchte, Bonanventura, mich mit Ihnen über ein Thema unterhalten, das mir ziemlich aktuell erscheint: die Legitimation von Monarchen und solchen, die es gerne wären. Im britischen Königshaus wurde vergangene Woche mit fragwürdigem Pomp und unverschämtem Medienaufwand Hochzeit gefeiert. Die Herrschenden pflegen ihr Ego. Auch in vielen andern Ländern sehen wir, wie eigenmächtig Despoten ihr Volk ausbeuten, wie sie sich brutal an ihrer Macht festklammern und diese für ihre Familie sichern wollen. Sie zelebrieren die Egomanie als Staatsform.

Bonaventura: Der Herrscher soll nicht seinen Nutzen suchen, sondern des Staates.

Meier-Classen: Das haben Sie vor siebenhundert Jahren gesagt. Da hat sich offensichtlich nichts geändert. Sie unterscheiden zwischen Herrschen und Tyrannisieren…?

Bonaventura: Der Unterschied zwischen Tyrann und Herrscher, sagt Aristoteles, bestehe darin, dass der Tyrann seinen eigenen Vorteil sucht, wie Herodes, der aus Furcht, sein Königreich zu verlieren, gegen die kleinen Jungen wütete. Der Herrscher hingegen sinnt auf den gemeinsamen Nutzen. Dennoch ist es heute eine grosse Schande mit den Regierenden.

Meier-Classen: Das kann man wohl sagen...

Bonaventura: Man macht nur denjenigen zum Kapitän eines Schiffes, der die Kunst des Steuerns beherrscht. Wie kann man dann aber im Staat jemanden aufstellen, der vom Regieren nichts versteht?!

Meier-Classen: Nur weil einer der Sohn eines guten Kapitäns ist, heisst das noch lange nicht, dass er zum Seemann taugt.

Bonaventura: Genau. Wenn durch Erbfolge regiert wird, wird der Staat schlecht regiert. David war sehr heilig. Sein Sohn Salomon, obwohl sehr schlüpfrig, war dennoch weise, aber sein Enkel Roboam schliesslich, war töricht. Die Römer haben, solange sie ihre Herrscher wählten, sehr weise Herrscher gewählt. Damals wurde der Staat gut regiert.

Meier-Classen: Diokletian, zum Beispiel, hatte sehr wesentliche Reformen eingeführt. Er stammte aus einfachen Verhältnissen.

Bonaventura: Die Römer wählten ihn durch Teufelskunst.

Meier-Classen: Ich dachte, die Armee hätte ihn wegen seiner militärischen Verdienste gewählt.

Bonaventura: Sie wurden geheissen, jemanden zu wählen, der von einem Tisch aus Eisen ass. Da fanden sie ihn, wie er von einer Pflugschar ass. Aber nachher hat er viel Schlechtes gemacht.

Meier-Classen: Man sagt, er habe seinen grössten Rivalen vor den versammelten Soldaten eigenhändig umgebracht. Auch die letzte grausame Phase der Christenverfolgung geht auf sein Konto. Es stellt sich die Frage, ob Macht und ethisches Verhalten sich vielleicht grundsätzlich ausschliessen? So ganz nach dem logischen Grundprinzip vom "ausgeschlossenen Dritten", nach welchem es zwischen zwei kontradiktorischen Gegensätzen kein Mittleres gibt? Dies aber würde logischerweise bedeuten, dass Macht und ethisches Verhalten tatsächlich nicht vereinbar wären. Doch was hatten Sie, Bonaventura, vorhin über die Logik gesagt: "Die Logik hat die Welt verrückt gemacht". Eine verrückte Welt ist dies alleweil - selbst ohne Logik! Bonaventura, besten Dank für dieses Gespräch.




 

 

 

 

 

 



Bonaventura  - Giovanni Fidanza
Bonaventura, bürgerlich Giovanni (di) Fidanza (* 1221 in Bagnoregio bei Viterbo; † 15. Juli 1274 in Lyon), war einer der bedeutendsten Philosophen und Theologen der Scholastik, Generalminister der Franziskaner und Kardinal von Albano. Er leitete den Franziskanerorden 17 Jahre lang bis zu seinem Tod und gilt wegen seines Organisationstalents als dessen zweiter Stifter. Er vermittelte zwischen den Fratres de communitate, die in der Frage nach der gebotenen Armut der Kirche einen gemäßigten Standpunkt einnahmen, und den radikaleren Spiritualen oder Fratizellen im sogenannten Armutsstreit. Im Auftrag des Generalkapitels schrieb Bonaventura 1263 eine umfangreiche Biographie Franz von Assisis. 1273 ernannte ihn Gregor X. zum Kardinalbischof von Albano und übertrug ihm die Vorbereitung des Zweiten Konzils von Lyon, das die Unionsverhandlungen mit der griechisch-orthodoxen Kirche zum Abschluss bringen sollte.

Acht Jahre nach seinem Tod erschien der erste Katalog seiner Werke von Salimbene de Adam (1282). Weitere Kataloge folgten von Heinrich von Gent (1293), Ubertino da Casale (1305), Tolomeo da Lucca (1327) und in der Chronica XXIV generalium ministrorum (zwischen 1365 und 1368). Im 15. Jahrhundert gab es nicht weniger als 50 Ausgaben seiner Werke. Besonders berühmt war die Römische Ausgabe in sieben Bänden, die von 1588 bis 96 im Auftrag von Sixtus V. angefertigt wurde. Sie wurde mit leichten Verbesserungen in Metz 1609 und Lyon 1678 neu gedruckt. Eine vierte Ausgabe in 13 Bänden erschien 1751 in Venedig und wurde 1864 in Paris neu gedruckt. All diese Ausgaben enthielten Werke, die später aussortiert und durch andere ergänzt wurden. Die neuere Forschung orientiert sich weitgehend an der Quaracchi-Edition in zehn Bänden von 1882 bis 1902.

Alexander von Alexandria († 1314) schrieb eine Summa quaestionum S. Bonaventura. Weitere Kommentare stammen von Johannes von Erfurt († 1317), Verilongus († 1464), Brulifer († 1497), de Combes († 1570), Trigosus († 1616), Coriolano († 1625), Zamora († 1649), Bontemps († 1672), Hauzeur († 1676), Bonelli († 1773) und anderen. Sixtus V. richtete in Rom einen Bonaventura-Lehrstuhl ein, weitere nach ihm benannte Lehrstühle bestehen in Ingolstadt, Salzburg, Valenzia und Osuna. Benedikt XVI. habilitierte sich 1957 an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Gottlieb Söhngen mit der Schrift Die Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura
.
Bonaventuras Schriften beeinflussten die Konzilien von Wien (1311), Konstanz (1417), Basel (1435), Florenz (1438), Trient (1546) sowie das Erste Vatikanische Konzil (1870) und das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965).

In Dantes Göttlicher Komödie tritt Bonaventura im vierten Himmel, dem Sonnenhimmel, auf. In hübscher Vertauschung erzählt der Franziskaner dort die Lebensgeschichte des heiligen Dominik, während der Dominikaner Thomas von Aquin die Lebensgeschichte des heiligen Franziskus erzählt.


(Biographie: Wikipedia)