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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Walter Benjamin
über Charakter und Schicksal
Walter Benjamin  


Meier-Classen: Walter Benjamin, Sie haben sich mit den Fragen um Schicksal und Charakter befasst. Schicksal und Charakter werden gewöhnlich als kausal betrachtet, wie sehen Sie das?

Benjamin: Der Charakter wird gemeinhin als Ursache des Schicksals bezeichnet. Dem liegt folgender Gedanke zugrunde: Wäre der Charakter eines Menschen in allen seinen Einzelheiten bekannt, also seine Art und Weise zu reagieren, und wäre anderseits das Weltgeschehen bekannt, so wie es an diesen Menschen herantritt, dann wäre genau bekannt, was seinem Charakter widerfahren und wie er darauf reagieren würde.

Meier-Classen: Das heisst, sein Schicksal wäre bekannt.

Benjamin: Sowohl der Charakter wie auch das Schicksal können nur in Zeichen und nicht an sich selbst überschaut werden. Mag auch dieser oder jener Charakterzug wie auch diese oder jene Verkettung des Schicksals unmittelbar vor Augen liegen - so ist dennoch der Zusammenhang niemals anders als ein Zeichen zur Stelle, weil er über dem unmittelbar Sichtbaren gelegen ist.

Meier-Classen: Das Zeichen ist nur etwas, das auf etwas anderes zeigt, etwas anderes bezeichnet. Man müsste wissen, was die Zeichen im Einzelnen bedeuten.

Benjamin: Das System charakterologischer Zeichen wird im Allgemeinen auf den Leib beschränkt, wenn man von den charakterologischen Zeichen absieht, die das Horoskop untersucht. Zum Zeichen des Schicksals können neben den leiblichen alle Erscheinungen des äusseren Lebens werden.

Meier-Classen: Wie erkennt man nun den Zusammenhang zwischen Charakter und Schicksal?

Benjamin: Ein Bedeutungszusammenhang ist nie kausal zu begründen - selbst wenn, wie in dem vorliegenden Fall, die Zeichen kausal durch Schicksal und Charakter hervorgerufen werden. Zwischen dem wirkenden Menschen und der Aussenwelt ist alles Wechselwirkung. Es lässt sich unmöglich erkennen, was letzten Endes in einem Menschenleben als Funktion des Charakters und was als Funktion des Schicksals zu gelten hat.

Meier-Classen: Sie meinen, dass Charakter und Schicksal theoretisch nicht auseinander gehalten werden können, sondern zusammenfallen?

Benjamin: Wollen wir den Begriff des Schicksal gewinnen, so müssen wir diesen säuberlich von dem des Charakters trennen. Das wird aber nicht gelingen, bevor der Begriff des Charakters klar bestimmt ist. Das kann nur gelingen, wenn wir die beiden Begriffe nicht solchen Sphären zuweisen, wie das im gemeinen Sprachgebrauch geschieht. Der Charakter nämlich wird gewöhnlich in einen ethischen, das Schicksal in einen religiösen Zusammenhang gebracht.

Meier-Classen: Dieser Zusammenhang ist wohl seit eh und je gegeben.

Benjamin: Nein, Charakter und Schicksal sind durch Irrtum dorthin versetzt worden. Man muss sie durch Aufdecken dieses Irrtums aus diesen Bezirken verbannen. Das Schicksal zum Beispiel, ist durch die Verbindung mit dem Begriff der Schuld dem Religiösen zugeordnet worden. Ein typischer Fall: das schicksalhafte Unglück als Antwort Gottes oder der Götter auf religiöse Verschuldung. Die Begründung des Begriffes des Charakters muss sich auf eine Natursphäre beziehen und darf mit der Ethik und der Moral genau so wenig zu tun haben, wie das Schicksal mit der Religion.

Meier-Classen: Allein Handlungen, aber niemals Eigenschaften können moralisch erheblich sein.

Benjamin: Der Augenschein will es allerdings anders. Nicht nur "diebisch", "verschwenderisch", "mutig" scheinen moralische Wertungen mitzubedeuten, sondern vor allem Worte wie "aufopfernd", "tückisch", "rachsüchtig", "neidisch" scheinen Charakterzüge anzuzeigen, bei denen sich von moralischer Wertung nicht mehr abstrahieren lässt.

Meier-Classen: Da wird es schwierig, überhaupt noch Worte zur Charakterbeschreibung zu finden.

Benjamin: Abstraktion ist auf jeden Fall notwendig, um den Sinn solcher Begriffe zu erfassen und sie so zu denken, dass die Wertung an sich durchaus erhalten bleibt und ihnen nur der moralische Akzent entzogen wird.

Meier-Classen: Achtsamkeit ist gefragt - sowohl beim Wählen wie auch beim Hören vor Worten. Walter Benjamin, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.



 

 




 

 

 

 

 

 



Port Bou
Port Bou in Spanien, letzte Station im Leben von Walter Benjamin

Walter Bendix Schönflies Benjamin (* 15. Juli 1892 in Berlin; † 26. September 1940 in Portbou) war ein deutscher Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer Balzacs, Baudelaires und Marcel Prousts.

Walter Benjamin (Pseudonyme: Benedix Schönflies, Detlef Holz) wurde als Sohn des Antiquitäten- und Kunsthändlers Emil Benjamin (1856–1926) und dessen Frau Pauline (1869–1930) (geb. Schönflies) in Berlin-Charlottenburg geboren. Seine Familie gehörte dem assimilierten Judentum an. Nach dem Abitur 1912 an der Kaiser-Friedrich-Schule begann Benjamin sein Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. 1912/13 setzte er sein Studium in Berlin fort.
Die zunehmende Kriegsbegeisterung Wynekens führte 1915 zum Bruch mit seinem Lehrer. 1917 heiratete Benjamin Dora Kellner. Die Ehe hielt 13 Jahre und brachte den gemeinsamen Sohn Stefan Rafael (11. April 1918 – 6. Februar 1972) hervor. Noch im Jahr der Eheschließung (auch, um einer drohenden Einberufung zum Militär zu entgehen) wechselte Benjamin nach Bern, wo er zwei Jahre später promovierte.
Wieder zurück in Berlin, machte Benjamin sich als freier Schriftsteller und Publizist selbstständig. 1921 erschien eine Übersetzung von Baudelaire-Gedichten. Seine 1921 erschienene philosophische Schrift Zur Kritik der Gewalt erregte Aufmerksamkeit. Im selben Jahr erwarb er ein Bild Paul Klees mit dem Titel Angelus Novus; nachdem sein Versuch, eine Zeitschrift gleichen Namens herauszugeben, gescheitert war, ging Benjamin 1923/24 nach Frankfurt am Main, um sich dort zu habilitieren. Hier lernte er Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennen.
1926 und 1927 hielt Benjamin sich in Paris auf, wo er, teilweise gemeinsam mit Franz Hessel, an der Übersetzung der Werke von Marcel Proust arbeitete. Sein Interesse für den Kommunismus führte Benjamin im Winter 1926/27 nach Moskau.
Zu Beginn der 1930er Jahre verfolgte Benjamin gemeinsam mit Bertolt Brecht publizistische Pläne und arbeitete für den Rundfunk. 1932 begann er, an einem Buch über seine Kindheit und Jugend zu arbeiten, das zunächst den Titel Berliner Chronik trug und dann zur Berliner Kindheit um Neunzehnhundert umgearbeitet wurde. Während des Sommers 1933 verliebte er sich auf Ibiza in die niederländische Malerin Anna Maria Blaupot ten Cate, für die er Agesilaus Santander verfasste.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang Benjamin, im September 1933 nach Paris ins Exil zu gehen. Hier traf er auch Hannah Arendt, die den fast mittellosen Benjamin unterstützte. Von beiden ist ein reger Briefwechsel überliefert. Finanzieren konnte sich Benjamin fast ausschließlich durch ein schmales Mitarbeitergehalt, das ihm das inzwischen nach New York emigrierte, von Max Horkheimer geleitete Institut für Sozialforschung überwies.
Ein geplanter Vortrag Benjamins über die Mode konnte wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr stattfinden. Benjamin wurde für drei Monate mit anderen deutschen Flüchtlingen in einem Sammellager bei Nevers interniert.
Nach der Rückkehr aus der Haft im November 1939 schrieb Benjamin seinen letzten Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Benjamin flüchtete nach Lourdes, von wo er zunächst weiter nach Marseille reiste, bevor er im September 1940 mit Hilfe von Lisa Fittko den vergeblichen Versuch unternahm, nach dem Übertritt über die Grenze nach Spanien zu gelangen und von dort über Portugal mit seinem USA-Visum auszureisen. Im Grenzort Portbou, wo er die Auslieferung an die Deutschen unmittelbar bevorstehen sah, nahm er sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 möglicherweise durch Morphin das Leben. Die einzige Quelle für seinen Suizid ist die mündliche Überlieferung des Abschiedsbriefs an Theodor W. Adorno, den er seiner Mitflüchtenden Henny Gurland diktierte. Den Gefährten wurde auf seinen Tod hin die Weiterflucht ermöglicht.
Entgegen der durch diesen Abschiedsbrief begründeten Annahme, Benjamin habe sich selbst das Leben genommen, gibt es Spekulationen über die Ermordung Benjamins, welche von einem aufgezwungenen Selbstmord bis zur Tötung durch Agenten Stalins reichen. .

(Biographie: Wikipedia)