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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Aristoteles
über die Glückseligkeit und die Schwalbe, die noch keinen Sommer macht.
Aristoteles  


Meier-Classen: Aristoteles, Sie haben sich in Ihrer Sittenlehre unter anderem mit dem Streben der Menschen auseinandergesetzt. Warum eigentlich sind wir alle so unglaublich strebsam? Was ist es, das wir mit unserem Streben bezwecken?

Aristoteles: Wir streben nach dem Guten, wir streben nach Glückseligkeit, das ist klar. Niemand strebt nach dem Gegenteil. Man könnte das Gute geradezu als das definieren, wonach alle unsere Tätigkeit strebt.

Meier-Classen: Nach dem Guten? Nach Glückseligkeit? Das klingt etwas allgemein. Wir streben doch alle nach den unterschiedlichsten Dingen!

Aristoteles: Natürlich gibt es viele Zwecke unseres Strebens: Der Zweck der Medizin ist die Gesundheit, der des Schiffbaus das Schiff. Die Schifffahrt selbst hat auch wieder einen Zweck und dies alles muss schliesslich auch einen Endzweck haben, sonst müsste die Reihe von Zwecken ins Unendliche weiterführen, und das Verlangen des Menschen würde ohne allen Gegenstand und ohne allen Grund sein. So ist es klar, dass dieser letzte Endzweck das wahre Gut, oder doch das höchste Gut sein muss.

Meier-Classen: Das wahre Gut, das höchste Gut, Glückseligkeit - ich meine, dass wir darunter sehr verschiedenes verstehen. Worin denn, nach Ihrer Meinung, besteht Glückseligkeit?

Aristoteles: Glückseligkeit ist der letzte Zweck des Menschen. Was Glückseligkeit aber bedeutet, da besteht tatsächlich viel Uneinigkeit. Und besonders abwegig ist die Meinung des grossen Haufens.

Meier-Classen: Des grossen Haufens…?

Aristoteles: Ich meine die Menschen mit gewöhnlicher Denkart. Sie suchen die Glückseligkeit in augenfälligen Dingen wie Reichtum, Vergnügen oder Ehre. Oft ist das Urteil eines Menschen zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich. Meistens gibt er dem den Vorzug, was ihm gerade fehlt: wenn er krank ist, der Gesundheit, wenn er arm ist, dem Reichtum usw. Die Menschen der besseren Klasse und jene, die zu bürgerlichen Geschäften fähig sind, setzen die Glückseligkeit in die Ehre. Sie wollen als besonders tugendhaft geehrt werden, die Tugend muss in ihren Augen als ein noch höheres Gut erscheinen als die Ehre.

Meier-Classen: Ein Mensch kann tugendhaft und trotzdem unglücklich sein. Wenn er krank ist, zum Beispiel und Schmerzen hat.

Aristoteles: Richtig, Tugend macht allein noch nicht den vollständigen Zweck aus. Ich beginne nochmals da, wo ich sagte, dass jede Handlung ihren eigenen Zweck verfolgt. Viele dieser Zwecke wählen wir nur als Mittel zu einem höheren Zwecke, um etwas anderes durch sie zu erreichen. Wer hat sich schon eine Flöte angeschafft, bloss um eine Flöte zu haben?

Meier-Classen: Man kauft sie, um auf ihr zu spielen. Man könnte also sagen, dass viele Zwecke nur unvollständige Zwecke sind, weil sie auf weitere Zwecke ausgerichtet sind?

Aristoteles: Das absolut Gute oder das Beste ist etwas Vollständiges. Finden wir nur einen Zweck, der gleichsam in sich selbst endet, so würde es dies sein, was wir suchen. Gäbe es mehrere solcher Zwecke, so würde es der vollkommenste unter ihnen sein, den wir suchen. Und das ist nichts anderes als die Glückseligkeit.

Meier-Classen: Moment mal, Aristoteles, mit dieser Argumentation bin ich jetzt nicht ganz mitgekommen...

Aristoteles: Da meiste Streben betrachten wir nur als Mittel für weitere Ziele. Nach Glückseligkeit hingegen streben wir aus keinem anderen Grunde, als nur um ihrer selbst willen. Und nie, damit sie uns irgendwelche Güter, oder sonst irgendetwas verschaffe.

Meier-Classen: Und die Summe der vielen erstrebenswerten Güter und Zwecke - ist das nicht auch Glückseligkeit?

Aristoteles: Wäre das so, dann würde jedes, und auch das kleinste erstrebenswerte Gut, das zu dieser Summe hinzu kommt, das Ganze noch wertvoller machen, nicht wahr? Also kann eine Summe niemals das höchste Gute sein, denn dieses ist kein Zusammengefügtes, sondern ein Ganzes und Vollkommenes.

Meier-Classen: Nun gut, ich würde aber gerne etwas deutlicher erfahren, worin Glückseligkeit eigentlich besteht. Sie haben vom Zweck des Künstlers, des Flötenspielers usw. gesprochen, von der Aufgabe und dem Streben von Fachleuten. Wie aber wie steht es mit dem Menschen überhaupt?

Aristoteles: Das blosse Leben, Essen und Wachstum hat der Mensch mit den Tieren und Pflanzen gemeinsam. Wir suchen jedoch etwas, das für den Menschen kennzeichnend ist. Das Empfinden kann es auch nicht sein, denn auch das ist bei den Tieren vorhanden. Es bleibt also nur noch die Vernunft übrig. Wir können annehmen, dass das Werk und die Bestimmung des Menschen in einer besonderen Art des Lebens und der damit verbundenen Tätigkeit liegt. Diese besondere Art ist ein Leben in Vernunft. Das Wirken vortrefflicher Menschen besteht darin, ihre Handlungen ganz nach der Vernunft zu verrichten. Und dann noch mit folgendem Zusatze: den Zeitraum eines ganzen Lebens hindurch. Denn so, wie nach dem Sprichworte, dass eine Schwalbe noch nicht den Sommer macht, so macht auch nicht ein Tag oder eine sehr kurze Zeit, auf jene vernünftige Art gelebt, das glückselige Leben aus.

Meier-Classen: So ist dieses Gespräch über die Suche nach dem höchsten Gut des Menschen doch noch zu einem glücklichen Ende gekommen. Aristoteles, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben,



 


 

 

 

 



Aristoteles (384 v. Chr. bis 322 v. Chr.) gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Philosophen der Geschichte. Er hat zahlreiche Disziplinen entweder selbst begründet oder maßgeblich beeinflusst, darunter Wissenschaftstheorie, Logik, Biologie, Physik, Ethik, Dichtungstheorie und Staatslehre. Aus seinem Gedankengut entwickelte sich der Aristotelismus.

Mit 17 Jahren trat Aristoteles 367 v. Chr. in Platons Akademie in Athen ein. Dort beteiligte er sich an Forschung und Lehre. Nach Platons Tod verließ er 347 Athen. 343/342 wurde er Lehrer des makedonischen Thronfolgers Alexanders des Großen. 335/334 kehrte er nach Athen zurück. Er gehörte nun nicht mehr der Akademie an, sondern lehrte und forschte selbständig mit seinen Schülern im Lykeion. 323/322 musste er wegen politischer Spannungen Athen erneut verlassen und begab sich nach Chalkis, wo er bald darauf starb.