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Peter Meier-Classen im Gespräch mit
Anselm von Canterbury
über seinen Gottesbeweis
Anselm von Canterbury  


Meier-Classen: Anselm von Canterbury, Sie haben in Ihrem Werk Proslogion von 1078 einen Gottesbeweis aufgeführt, der über viele Jahrhunderte intensiv diskutiert worden ist, unter anderen von Thomas von Aquin, Descartes, Hegel und Kant. Wie sind Sie auf diesen Beweis gekommen?

Anselm: Ich habe den Herrn, an den wir glauben, gebeten, mir zum Glauben hinzu die Einsicht zu geben, dass er ist, wie wir glauben, und dass er das ist, was wir glauben. Und zwar glauben wir, dass er etwas ist, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann.

Meier-Classen: Dass es also Gott etwas ist, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann?

Anselm: Nein! Ein ungläubiger Tor sagt dann gleich: es gibt keinen Gott! Wenn er aber eben genau das hört, was ich sage, nämlich "etwas, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann", dann versteht er das.

Meier-Classen: Dies kann er mit seinem Verstand akzeptieren, auch wenn er nicht an Gott glaubt. Sie wollen mit Ihrem Gottesbeweis über den Verstand allein auch grösste Zweifler überzeugen können.

Anselm: Es ist ein Unterschied, ob ein Ding nur in unserem Verstand ist, oder ob wir einsehen, dass dieses Ding tatsächlich da ist. Wenn ein Maler sich im Kopf ausdenkt, was er erschaffen wird, hat er das zwar in seinem Verstand, aber er kann es noch nicht in der Wirklichkeit erkennen.

Meier-Classen: Da muss der Maler sein Werk erst erschaffen. Dann hat er es nicht nur im Kopf, oder im Verstand, wie Sie sagen, sondern er kann dann sehen, dass das Geschaffene auch wirklich da ist. Wie geht Ihr Gedankengang weiter?

Anselm: So bringe ich auch die ungläubigen Toren zur Überzeugung, dass immerhin zumindest im Verstand etwas ist, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann. Das versteht jeder. Und wenn er es verstanden hat, dann hat er es auch in seinem Verstand.

Meier-Classen: Also haben wir in unserem Verstand etwas, über das hinaus es nicht Grösseres gibt?

Anselm: Ja. Sicherlich aber kann das, worüber hinaus nicht Grösseres gedacht werden kann, nicht allein nur im Verstand sein. Denn wenn wir es schon in unserem Verstand denken können, dann können wir auch denken, dass es in Wirklichkeit da sei.

Meier-Classen: Wenn also das, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, nur im Verstand allein ist, dann ist es etwas, über das hinaus also doch noch etwas Grösseres gedacht werden kann…? Da stimmt doch etwas nicht.

Anselm: Weil das eben nicht möglich ist. Etwas, über welches nichts Grösseres gedacht werden kann, ist nicht etwas, über das hinaus doch noch ein Grösseres gedacht werden kann. Das kann gewiss nicht sein! Damit wäre eindeutig klar, dass zweifellos etwas existiert, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann - sowohl im Verstande als auch in der Wirklichkeit.

Meier-Classen: Irgendwie klingt das überzeugend, aber…

Anselm: Und noch etwas: Wenn von dem, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, gedacht werden könnte, dass es nicht da sei, dann wäre dieses Grosse, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, nicht das, über welches nicht Grösseres gedacht werden kann. Das ist ebenfalls ein Widerspruch, das lässt sich nicht vereinbaren.

Meier-Classen: Das würde ja bedeuten, dass man von dem, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, nicht einmal denken kann, dass es nicht da sei?

Anselm: Damit haben wir den klaren Beweis: Es existiert also etwas, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann! Und das ist der Herr, unser Gott. So wahrhaftig existiert er, das von ihm nicht einmal gedacht werden kann, er sei nicht da oder es gäbe ihn nicht! Und tatsächlich: wenn ein Geist etwas Besseres als Gott denken könnte, dann erhöbe sich das Geschöpf über den Schöpfer und urteilte über ihn - was überaus widersinnig wäre.

Meier-Classen: Ihr Gottesbeweis, Anselm von Canterbury, hat viel zu Reden gegeben. Bereits Ihr Zeitgenosse, der Benediktiner Gaunilo, hat in einer anonymen Schrift versucht, Ihren Beweis zu widerlegen, indem er meinte, man könne nicht allein vom Begriff auf die Existenz eines Sachverhaltes schliessen. Der blosse Begriff beweise noch nicht die tatsächliche Existenz. Der blosse Begriff einer "vollkommenen Insel etwa beweise nicht schon deren tatsächliche Existenz. Sie hatten dann darauf erwidert, dass Ihre Argumentation sich auf nichts anderes anwenden lassen als auf das, worüber hinaus nicht Grösseres gedacht werden könne.

Anselm: Natürlich! Gott allein hat, wie meine Beweisführung zeigt, von allem und damit am meisten von allem das Sein. Alles andere, was sonst noch da ist, ist nicht ebenso wahr und hat daher weniger das Sein.

Meier-Classen: Sie verwenden das Verb Sein, wie Kant ein paar Jahrhunderte später kritisierte, gleichsam als Eigenschaftswort. Damit würden Sie in Ihrem Beweis, der als ontologischer Gottesbeweis in die Geschichte eingegangen ist, die verschiedenen Kategorien vermengen. Ich will an dieser Stelle aber weder auf die Argumentation Kants noch auf die später folgenden von Frege, Husserl und anderen Philosophen eingehen, sondern mich bei Ihnen, Anselm von Canterbury, für dieses Gespräch bedanken!

 


 

 

 

 



Anselm von Canterbury
Anselm von Canterbury (lat. Anselmus Cantuariensis; Anselmo de Candia Ginevra 1033 -1109; auch Anselm von Aosta (Geburtsort) oder Anselm von Bec (sein Kloster)) war ein Theologe und Philosoph des Mittelalters. Er wird vielfach als Begründer der Scholastik angesehen („Vater der Scholastik“) und ist Hauptrepräsentant der Frühscholastik. Anselm wurde 1033 in Aosta, das in den italienischen Alpen an der Grenze zu Frankreich liegt, geboren. Mit 15 Jahren suchte er den Eintritt in ein nahegelegenes Kloster, was ihm aber verweigert wurde, vermutlich, um Anselms Vater nicht zu verärgern, denn dieser hatte eine politische Karriere für ihn vorgesehen. Mit 23 Jahren verließ Anselm sein Heim und zog drei Jahre durch Frankreich, bis er, angezogen vom Ruhm Lanfrancs, dessen Nachfolger in Canterbury er später werden sollte, zur Benediktiner-Abtei Le Bec kam. Nach einigem Zögern trat er ein Jahr später, im Jahre 1060, in diese Abtei ein. Schon drei Jahre später wurde er zum Prior gewählt, weitere 15 Jahre später zum Abt. In diese Zeit fallen auch seine ersten philosophischen und theologischen Werke, insbesondere seine beiden berühmten Schriften Monologion und Proslogion. Als der damalige Erzbischof von Canterbury Lanfranc 1089 verstarb, wurde Anselm von vielen als sein Nachfolger favorisiert, doch erst 1093 von William II. ins Amt gesetzt. In den nachfolgenden vier Jahren trugen die beiden den Investiturstreit über das Verhältnis weltlicher und geistlicher Macht in England aus. Im Jahre 1097 bekam Anselm die Erlaubnis, Rom aufzusuchen, um dort um Hilfe zu bitten, die er jedoch nur in beschränktem Maße erhielt. Die Rückkehr nach England wurde ihm von William verweigert, weshalb Anselm von 1097 bis 1100 in Lyon im Exil lebte. Erst als William 1100 starb, konnte Anselm unter dessen Nachfolger Henry I. nach England zurückkehren, musste jedoch 1103 ein weiteres Mal ins Exil gehen, in welchem er vier Jahre bleiben musste, bis er 1107 nach England zurückkehren konnte, wo er bis zu seinem Tode 1109 blieb. Anselm wurde 1494 heilig gesprochen und 1720 von Clemens XI. zum Kirchenlehrer ernannt.