meier-classen.ch
zurück

Maler, Grafiker und Marionetten-Künstler:
Ewald Zschille, Kirchberg Sachsen und Zürich

Ewald Zschille als Student

Ewald Zschille


Ewald Zschille wurde 1883 in Grossenhain, Sachsen, geboren. Sein Vater, Ehregott Zschille (1847-1910) war Zeichner und war bekannt durch seine getreuen Ansichten sächsischer und preussischer Städte.

Ewald Zschille, ebenfalls künstlerisch sehr begabt, wanderte in die Schweiz aus. Er war verheiratet mit Martha Zschille-Weller aus Kirchberg, Sachsen. Ewald und Martha Zschille-Weller lebten in Zürich in einer grossen Mansardenwohnung im Bellevue-Haus, Limmatquai 3, fünfter Stock. Hier hatte Ewald Zschille sein Atelier eingerichtet und, in einem separaten Raum, sein Marionettentheater, in welchem er klassische Stücke, u.a. Goethes "Faust" oder "Nathan der Weise" von Lessing aufführte. Die Figuren waren keine 20 cm gross, jedoch lebensnah ausgestaltet mit sorgfältigst gefertigten Kleidern und Accessoires. Auch das Bühnenbild und Mobiliar brauchte in seiner stilsicheren Ausarbeitung und Reichhaltigkeit den Vergleich mit der Bühnengestaltung eines Schauspielhauses nicht zu scheuen. Seine Truppe umfasste über hundert Marionetten, die alle in einem Kasten an ihren Fäden hingen und darauf warteten, auf der kleinen Bühne zum Leben erweckt zu werden. Die Guckkastenbühne war mit einer Öffnung von höchstens 100 auf 70 cm gegen den kleinen, mit Stühlen eingerichteten "Theatersaal" geöffnet.

Waren die Aufführungen im Marionettentheater von Ewald Zschille wegen der kleinen Bühne und den geringen Platzverhältnissen jeweils nur wenigen Zuschauern vorbehalten, so bewunderte doch beinahe die gesamte Zürcher Stadtbevölkerung jeweils die von Ewald Zschille gestalteten spektakulären, riesigen Schaufenster des Teppichhauses Forster am Bellevue.
Sie gaben einen märchenhaften Einblick in die Welt von tausendundeiner Nacht.

Auch als Werbegrafiker hatte sich Ewald Zschille einen Namen gemacht. Er war der Schöpfer des schweizweit bekannten Raben für Roco-Ravioli.

Ewald Zschille starb 1963 in Zürich.


Grabstein Ewald Zschille




 
Giethe, Marionette von Ewald Zschille
Goethe. Marionette von Ewald Zschille, Höhe ca. 17 cm
Prinzessin, Marionete von Ewald Zschille
Prinzessin
 

Das Marionettenspiel – ein Gleichnis des Lebens.

von Ewald Zschille, im November 1932

Wenn ich von der Marionette als Gleichnis des Lebens rede, ihr Spiel als dichterischen Ausdruck einer Zeit erklären will, so mag mancher dem Thema skeptisch gegenüberstehen. Aber Vergnügungen, denen sich die Menschen vom grauesten Altertum an mit solcher Leidenschaft hingegeben haben, verdienen schon, dass man ihrer tieferen symbolischen Bedeutung nachspäht.

Völker und Zeitalter huldigten dem Marionettenspiel, teils als religiösen Kult, teils als Volksbelustigung niedrigster Art. Solche Umstrittenheit ist immer ein Beweis für den Wert einer Sache; denn nur Fragen, die die tiefsten Wurzeln wahrhaften Volkstums berühren, vermögen die Menschheit dauernd zu beschäftigen, vermögen sich dauernd zu bekämpfen. Wie könnte eine Kunst unbedeutend und inhaltlos sein, die Jahrtausende hindurch Kulturvölkern auf dem Wege ihrer geistigen Entwicklung eine treue Begleiterin war, die zu den Lieblingsunterhaltungen zahlreicher grosser Männer gehörte und die selbst in unserer Zeit der Umwertung und der geistigen Revolutionen ihren alten Platz in Ehren behauptet hat! Muss da nicht das Puppenspiel zum Wertmesser von Zeiten und  Völkern werden?

Gerade das deutsche Puppenspiel trägt, mehr als bei anderen Völkern, rein symbolischen Charakter in sich. Die Marionettenbühne wurde als Symbol der Wirklichkeit, der Welt, erlebt. Die Puppen, die in schwebender Leichtigkeit sich als die freiesten über alle irdischen Gesetze von Schwerkraft und Gebundenheit erheben, die aber im Grunde die unfreiesten aller sind, schienen den Menschen Spiegel, in denen sie schaudernd sich selbst erkannten. Die Fäden, die den Menschen mit dem Schicksal verknüpfen, bei der Puppe waren sie greifbare Wirklichkeit geworden. an Händen und Füssen gebunden, symbolisierte sie vortrefflich unsere eigene Hilflosigkeit. Diese Holzmenschlein von manchmal geradezu sprühender Lebendigkeit, sie vermochten nicht einen Schritt selbständig zu tun, sie waren tragisch verkettet mit einem höheren Willen, einem Gott; und dieser Gott war ein Mensch, der Puppenspieler hinter den Kulissen. Es muss nicht gerade die angenehmste Erkenntnis für den Menschen gewesen sein, als er zum ersten mal den Sinn dieser winzigen Puppen erkannte, die ihm hohnlachend das „du bist ich“ zuzurufen schienen. Weber sagt in seinem Demokritos „Nichts stellt das Lächerliche im Getriebe der Menschen und deren unwichtige Wichtigkeit so ganz nah ans Licht wie diese verkleinerten,  am Draht geleiteten Menschen aus Holz“.

Marionettentheater Bühnenbilder mit Szenen im Marionettentheater von Ewald Zschille:
Marionetten-Bühne von Ewald Zschille

Die Marionette hat vor dem Schauspiel einen grossen Vorzug: Sie ist unwirklicher und darum künstlerischer. Ihr Reich ist die Welt des Wunders: Märchen, Mythos, Mysterium. Komisch wirkt wohl jeder ungeistige Mensch aber all diese Narren von Fleisch und Blut sind doch von einem Hauch der Tragik umwittert. Nicht so die Puppe. Vermöge ihrer seelischen Unbeteiligtheit verkörpert sie die absolute Komik.
Die symbolische Bedeutung des Marionettenspiels findet in ihrer volkstümlichen Primitivität ihren stärksten Ausdruck. Die Fäden, die die Puppen beherrschen, gestatten nur ein verhältnismässig geringes Mass an Bewegung, und doch sollen mit dieser Bewegung äussere  wie innere Vorgänge der Handlung ausgedrückt werden. Solange die inneren seelischen Vorgänge unkompliziert bleiben, so dass eine harmonische Einheit zwischen dem Ausdrucksmittel und dem,  was ausgedrückt werden soll, gewahrt bleibt, solange haben wir es mit dem alten volkstümlichen Puppenspiel zu tun, das an erschütternder Wirkung vielleicht einem menschlichen nicht nachsteht. Das Marionettentheater verliert aber sofort seinen volkgeborenen Charakter, wenn jene Einheit aufgehoben wird, wenn mit den einfachen Mitteln der Puppen komplizierte seelische Vorgänge übermittelt werden sollen. Aus dem Mangel heraus, dass seelenlose Wesen schon rein technisch nicht imstande sind, seelische Vorgänge wiederzugeben, entsteht eine gewisse Gegensatzempfindung, die ins Ironische hinüberspielt, und die bis zur Groteske gesteigert werden kann. Auf diese Weise, zuerst wohl unbeabsichtigt, nur um dem Puppenspiel neue Möglichkeiten zu geben, entstand das Possentheater.

Marionetten Ewald Zschille


Das Verdienst, die Marionette in ihrer tiefsten Bedeutung erkannt zu haben, fällt der Romantik zu, die wie kaum eine andere Zeit dem ursprünglich Volkhaften nachgespürt hat. Novalis hat einmal das Marionettentheater als das „eigentliche komische Theater“ bezeichnet. Die spielerische Willkür des Dichters kann sich an der Marionette, die ja keinem organischen Gesetz, sondern nur dem menschlichen Intellekt unterworfen ist, voll auslassen. Der Mensch, der in der Maske des Ewigen auftritt, wird für den Dichter eine Zielscheibe des Spottes. Novalis sagt an einer andern Stelle: „Alle Poesie hat einen tragischen Zug.“ Echtem Scherz liegt Ernst zugrunde: Diese tragisch-komische Wirkung des Marionettenstils symbolisiert so recht die Tragik des Lebens, die im Gewande der Puppe zur Posse wird. Jean Paul fordert ausdrücklich für die dramatische Burleske „Marionetten statt Menschen zu Spielern“. In der Einleitung seines „Marionettentheaters“ sagt Mahlmann, dass die gezogenen Puppen aus Holz seine Stücke besser aufführen als sie die hölzernen lebendigen auf unseren Hof- und Staatstheatern.“ Und Justinus Kerner sagt klar und bestimmt:  „Es ist sonderbar, aber mir wenigstens kommen die Marionetten viel ungezwungener, viel natürlicher vor als lebende Schauspieler. Sie vermögen mich vielmehr zu täuschen. Die Marionetten haben kein aussertheatralisches Leben, man kann sie nicht sprechen hören und nicht kennen lernen als in ihren Rollen.“ (nach Pocci, Die Marionetten. München 1865)
Was ist es nun, das uns, trotz aller Primitivität, immer wieder zum Puppenspiel hinzieht? Die Puppe zeigt uns unsere Leiden, wir erleben ein Gleichnis des Lebens. Gegenüber diesen Miniatur-Holzmenschlein, gewinnen wir das Gefühl innerer Überlegenheit, das uns erst die Kraft gibt, die Puppe humorvoll zu belächeln. Humor aber ist Weitsicht eines Menschen, der abstand genommen hat zum Kleinkram des Werktags, er ist die Form des weisesten Frohsinns. Wir belächeln, indem wir der Puppe zusehen, damit zugleich unser Leben aus einer höheren Warte und überwinden so die Welt, indem wir sie auf der Puppenbühne gestalten. Das ist wohl der tiefste Sinn der Marionette.

Jede Zeit hat sich mit der Marinette – als künstlerischem Ausdruck echten  Volkstums – auseinander zu setzen. Vor dem Kriege sahen wir im Puppenspiel mehr einen Jahrmarktszeitvertreib, heute, durch die Ereignisse der letzten Jahre ernster gemacht, hat und sie Marionette mehr zu sagen, ein Beweis dafür, wie unsere Einstellung auf den Grundton einer tragischen Weltanschauung gestimmt ist. Und wenn unsere heutigen Dichter mit der Marionette als Weltsymbol so wenig anzufangen wissen, so zeigt das nur, wie weit wir noch entfernt sind, unsere Zeit künstlerisch zu gestalten.

Ewald Zschille, 10.11.1932

 

Marionette Nathan der Weise - Marionette von Zschille
Nathan der Weise

 

Der Zeichner und Maler Ewald Zschille



Batzenhäusl in Botzen
Batzenhäul in Bozen

Apfelbaum von Ewald Zschille
Oel auf Karton, Ewald Zschille

Ex Libris von Ewald und Martha Zschille-Weller