Chronik meiner Vorfahren
Maier, Mayer, Meyer und Meier aus dem Rheintal,
Bruderer aus dem Appenzell,
Weller aus Sachsen und
Veuve aus dem Welschland.

Zuvor ein paar Worte zu dieser Familienchronik: Ich beschränke mich, abgesehen von einigen Seitensprüngen, auf eine möglichst geradlinige Rekonstruktion der Stammlinien in den vier Familiennamen, die durch meine Grosseltern gegeben sind: Meier, Bruderer, Weller und Veuve. Oft fehlen Daten, und ob alle Informationen den wirklichen Tatsachen entsprechen, will ich nicht behaupten. Wie jede Chronik ist auch diese subjektiv und angereichert mit jenen Einzelheiten, die ihrem Verfasser besonders am Herzen liegen. Wichtiger als exakte Daten war mir, den einzelnen Generationen meiner Vorfahren ihren Platz in unserem Familiengedächtnis zu reservieren. Wie weit diese Informationen weitergetragen, verändert oder ergäzt werden, hängt von den Kommenden ab.




Name?
Meier.
Mit gewöhnlichem „i“?
Mit gewöhnlichen „i“!

Nun, so gewöhnlich war das „i“ in unserem Familiennamen nicht immer, denn in den Annalen der Gemeinde Altstätten im Kanton St. Gallen, wo unsere Familie bis heute noch ihr Bürgerrecht hat, wurde mein 1852 geborener Urgrossvater Jakob Maier nicht mit „ei“, sondern mit „ai“ geschrieben, und mein 1822 geborener Ururgrossvater Johannes wurde gar mit „ay“, also Mayer eingetragen, und „ey“, also Meyer hiess mein 1789 geborener Urururgrossvater. Die Gemeindeschreiber scheinen sich seit der Geburt meines Grossvaters im Jahre 1889 darauf geeinigt zu haben, unserem Namen seinen letzten Schmuck zu nehmen und fortan nur noch das gewöhnliche „i“ gelten zu lassen! Mayer mit „ay“ kann auch ein jüdischer Name sein, der im 18. Jahrhundert aus dem Vornamen Meir entstanden ist, als man in Deutschland jüdische Mitbürger zwang, ebenfalls einen Familiennamen anzunehmen.

Über die Bedeutung und Herkunft des Namens Meier gibt Wikipedia Auskunft: „Ein Meier (lat. maior oder maius „größer, stärker, bedeutender“) war ursprünglich ein Verwaltungsbeamter, später reduziert auf den Pächter eines bäuerlichen Landgutes, von dem die Bezeichnung dann auch auf das bäuerliche Gut übergeht. Das Meierrecht ist belegt seit 1290 und bedeutet das örtlich spezifische Besitz- und Verwaltungsrecht der in Verwaltung gegebenen Höfe.“

Ein Meier war ein Mann des Hofes - ein Hofmann. Hofmann und Hoffmann sind ebenfalls Eigennamen geworden. Die Namen Meier und Hof(f)mann zeigen eine interessante geographische Verteilung: Hof(f)mann gibt es vor allem in Mitteldeutschland, Meier im Norden und im Süden. Man spricht auch von dem wenig mit dem Namen Meier belegten Teil in Mitteldeutschland vom "Meier-Loch".

Von einem solchen Hofverwalter, einem Meier, der mehr sein wollte als nur ein Meier, erzählt uns der Klostergärtner Wernher der Gärtner, ein österreichischer Autor aus dem 13. Jahrhundert. Seine Verserzählung trägt den Titel „Meier Helmbrecht“ und berichtet vom Sohn eines Meiers mit Namen Helbrecht. Der Vater war ein rechtschaffener Bauersmann, der Sohn, ebenfalls mit Namen Meier Helmbrecht, wird als Tölpel und eingebildeter Laffe beschrieben, der es satt gehabt habe, sich mit Landarbeit abzuschuften, und der Karriere als Rittersmann machen wollte. Mit kostspieligen, von der Familie berappter Kleidung, kunstvoll verzierter Kappe, Mantel und Gürtel dünkte er sich für seine Pläne genügend gewappnet. Noch niemals habe ein Bauernschädel eine so herrliche Kappe getragen wie dieser Meier! Doch es ist ihm erwartungsgemäss sehr übel ergangen in der grossen, weiten Welt. Er wurde arg verstümmelt, geblendet und am Ende gar noch aufgehängt – als Strafe für seinen überheblichen Vorwitz, etwas „Besseres“ aus sich machen zu wollen. meier-helmbrecht in Meier-Genealogie


Ein Meier in der der Funktion eines Meiers, nämlich eines Gutsverwalters, gehörte weder zum Gesinde noch zu den Herren. Diese labile Position zwischen Herr und Knecht legte das Liebäugeln mit einem sozialen Aufstieg nahe. Wir kennen diesen Aufstieg von keinem Geringeren als Kaiser Karl dem Grossen, dessen Urgrossvater Pippin noch Hausmeier am königlichen Hof der Merowinger war. Dieser Pippin und seine Vorfahren hatten sich im Verlauf ihres Meiertums jedoch so viel Macht angeeignet, dass Pippin der Jüngere – mit dem Segen des Papstes – dem Merowinger-König Chilerich III. Bart und Haupthaar abscheren liess, ihn ins Kloster verbannte und sich selber auf den Königsthron setzte.

St. Gallen präsentiert in seinem Wappen ein Motiv aus dem antiken Rom: das Rutenbündel mit Beil. Wenn im alten Rom bedeutende Persönlichkeiten, zum Beispiel ein Richter, in der Öffentlichkeit auftraten, gingen ihnen oft Leibwächter, sogenannte Liktoren, voran, die ein Rutenbündel mit einem Beil trugen, als Symbol der Gerichtsgewalt. Das ausserrhodische Wappen zeigt einen Bären und die Buchstaben „VR“, die jedoch „UR“ gelesen werden, da dieses „V“ noch einer alten lateinischen Schreibweise des Buchstabens „U“ entspricht. UR steht für „Ussere Roden“. Auch Trogen und Altstätten haben einen Bären in ihrem Wappen. Der schreitende Bär im Altstätter-Wappen weist auf die Verbindung mit dem Kloster St. Gallen und der Gründung der Stadt St. Gallen durch den heiligen Gallus:
der heilige Gallus und der Bär
Die Legende weiss zu berichten, dass der heilige Gallus dort, wo später die nach ihm benannte Stadt St. Gallen gegründet wurde, eines nachts plötzlich einen Bären vor sich stehen sah. Der Wandermönchliess sich nicht einschüchtern, sondern forderte den Bären im Namen Gottes auf, ein Stück Holz ins Feuer zu werfen. Der Bär gehorchte, suchte ein währschaftes Stück Holz und legte es auf das Feuer. Gallus dankte ihm mit einem Stück Brot und gebot ihm, zu verschwinden. Auch in diesem Befehl gehorchte Meister Petz.Übrigens hat auch die Stadt St. Gallen einen Bären als Wappentier.
St. Gallen
St. Gallen
Altstätten SG
Altstätten SG
Appenzell AR
Appenzell AR
Trogen
Trogen AR

Doch nun zu den Meiers in unserer eigenen Familie! Ort der Handlung: das 1513 der Eidgenossenschaft beigetretene Appenzell. Obwohl mit Bürgerrecht in Altstätten SG, lebten die Maier/Mayer/Meyer/Meier im Appenzell. Damals war der Kanton noch nicht in Ausserrhoden und Innerrhoden getrennt. Erst im Jahre 1597 erfolgte die Teilung ein ein katholisches Innerrhoden und ein reformiertes Ausserrhoden, das den Hintergrund der Meier-Historie bildet.



Trogen 1758
Trogen 1758 (Bild aus dem Tagblatt, 17.07.2007)


Wer sind die Menschen, die vor Urzeiten diese Gegend besiedelt hatten? Einerseits waren es Helvetier, ein ursprünglich keltischer Volksstamm, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert aus dem Gebiet zwischen Donau, Rhein und Main germanischen Volksstämmen ausgewichen war und hier in der Nordwestschweiz eine neue Heimat gefunden hat. Bald schon eroberten und besetzten die Römer das Gebiet und setzten der Unabhängigkeit der Helvetier ein Ende. Im dritten Jahrhundert kamen die Alemannen, ein westgermanischer Stammesverband dazu. Sie stiessen, ihrerseits den Goten ausweichend, plündernd und brandschatzend in das von Römern besetzte Gebiet der heutigen Schweiz vor. Diese drei Stammesgruppen, Alemannen, keltische Helvetier und Römer bilden zusammen die Vorfahren der heutigen einheimischen Bevölkerung der Schweiz. Auf diesem multikulturellen Boden wuchs vermutlich unser Familien-Stammbaum. Der uns am weitesten zurückliegend bekannte Stammvater ist Johannes Meyer, von dem ich aber lediglich weiss, dass er mit Magdalena Graf von Rebstein verheiratet war. Etwas mehr Informationen gibt es über seinen Sohn, den Schuster Samuel Meyer (28.02.1789 - 27.04.1858), in der Schreibweise, wie er und auch sein Vater im Familienregister der Gemeinde Altstätten SG eingetragen wurde.

Samuel Meyer wurde 1789, im Jahr der Französischen Revolution, deren Folgen ganz Europa auf den Kopf stellte, geboren. Als er 9 Jahre alt war, wurde die Helvetische Republik, die Helvetik, gegründet, die allerdings fünf Jahre später wieder aufgelöst wurde.

Helvetik Während der Helvetik gehörten beide Kantone Appenzell zum Kanton Säntis. Im Alter von 27 Jahren heiratete Samuel die 19jährige Barbara Fenk (24.01.1797 - 13.03.1832) von Altstätten SG, die mit 35 Jahren bereits verstarb. Ihr gemeinsamer Sohn Jakob ist ledig geblieben und arbeitete als Schustergeselle in Trogen. Nach der zweiten Heirat, am 23. Juni 1822, mit der 29jährigen Salome Mafli (07.03.1793 - 02.07.1838) von Rebstein, wurde im Dezember gleichen Jahres unser Vorfahre Johannes Mayer (29.12.1822 - 05.02.1914) geboren.

Wie Johannes Mayer zum Beruf eines Schuhmachers gekommen ist, wurde nicht überliefert. Der Schuhmacherberuf war damals noch ausschliesslich ein Handwerk. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Nähmaschine als Hilfsgerät für die Herstellung von Schuhen auf, und schon bald verdrängte die industrielle Fertigung die reine Handarbeit.

Johannes Mayer
Johannes Mayer 1822-1914


Johannes Mayer war vier Mal verheiratet. Der ersten Ehe, die er, 23jährig, am 4. Februar 1845 mit der 34jährigen Anna Catharina Schneider (09.05.1811 - 01.01.1874) aus Wolfhalden schloss, entsprangen 5 Kinder: Johannes (1847-1901), Christina (1848-1872), Ulrich (keine Daten), Jakob (1852-1926) und Anna (geb. 1854) Die drei weiteren Ehen schloss er 1875, 1884 und 1895. Von Johannes Mayer wurde in der Familie erzählt – weshalb ich dies hier ebenfalls tue -, dass er überaus starke Zähne gehabt habe, mit dene er einen ganzen Tisch habe hochheben können.

Der am 26. November 1852 in Schwellbrunn geborene Jakob Mayer aus erster Ehe von Johannes Mayer führte unsere Meier-Linie weiter. Er wurde in die Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, in eine Zeit, da die Männer Zylinder, Gehrock und lange Beinkleider trugen. Die Frauen trugen Reifenröcke aus leichten, hellen Stoffen, flache Hüte und sie beeindruckten mit grossen Dekolletés. Bei „uns“ in der ländlichen Ostschweiz war das wohl viel weniger glamourös – man hatte andere Sorgen. So war zum Beispiel der Holzmangel, die sogenannte „Holznot“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Ostschweiz und besonders auch in Appenzell Ausserrhoden sehr gross. Dieses Thema interessiert uns natürlich besonders, da gerade in dieser Zeit, da man zu merken begann, dass man mit den Waldressourcen vernünftig umgehen muss, unser Jakob Mayer den Beruf eines Försters ausübte. Vielleicht waren gerade diese Herausforderung der Grund für die Wahl seines Berufes. Die Verknappung des Holzes wurde unterschiedlich begründet: sahen die einen es in der rasch steigenden Bevölkerungszahl von Appenzell Ausserrhoden, so die anderen in den häufigen Bränden der aus Holz gebauten Häuser. Selbst die grossen Fabrikantenvillen bestanden vollständig aus Holz und waren mit Schindeln bedeckt. Trotz Holzknappheit wurde Holz im Appenzell auch exportiert, worauf die Holzknappheit natürlich auch die Einnahmen schmälerte und der Armut Vorschub leistete.

Jakob Mayer
Jakob Mayer 26.11.1852 - 17.04.1926
meier_louisa_meier-bauer
Louisa Mayer-Bauer 02.12.1855- 29.04.1926

Jakob Mayer heiratete zweimal, und was dabei besonders verwundert: er heiratete zweimal in demselben Jahr: das erste Mal am 4. Sept. 1879 Elise Preisig, das zweite Mal am 12. November desselben Jahres Louisa Bauer oder Baur. Im Familienregister findet sich hinter dem Namen der ersten Braut ein schwer lesbarer Vermerk, der darauf hinweist, dass Elise Preisig zuvor mit einem Mann aus Urnäsch verheiratet war, die Ehe jedoch im Oktober 1877 geschieden worden sei. Die Frage, weshalb Jakob Mayer sich so schnell wieder verehelichte, bleibt unbeantwortet. Jedenfalls nahm er sich diesmal keine Frau aus dem Appenzell, sondern aus dem Königreich Württemberg. Regiert wurde das Land von Wilhelm II, einem sehr liberalen König, der – im Gegensatz zum dem in Preussen regierenden Kaiser Wilhelm II. - Kunst und Kultur mehr schätzte als militärische Paraden.

Württembergische KönigskroneWürttembergische Königskrone

Louisa Bauer stammte aus Neckarsulm in Württemberg. Die Stadt begann sich damals zu einer bedeutenden Industriestadt zu entwickeln. Bekannt sind vor allem die NSU-Motorenwerke, die 1880 nach Neckarsulm verlegt wurden. Der Name NSU, der ab 1892 als Markenname bzw. Markenzeichen verwendet wurde, ist ein Kurzwort für den Stadtnamen Neckarsulm, der sich wiederum von den beiden Flüssen Neckar und Sulm ableitet, die hier zusammenfließen.

Familie Jakob Mayer-Bauer
Die Württembergerin Louisa Bauer gebar dem Jakob Mayer 9 Kinder:
Das am 2. Februar 1881 geborene erste Kind, das den Namen der Mutter trug, Louisa, starb nach nur sechs Monaten.
Ein gutes Jahr nach Louisa, am 7. März 1882, kam Mathilde zur Welt. Sie hatte es schwer, sich allein in der Welt zurecht zu finden, wurde bevormundet und verbrachte viele Jahre im Heim. Sie starb, 84jährig, am 30. September 1966.
Der erste Bub in der Familie war Jakob. Er wurde am 16. Mai 1883 geboren und starb im Alter von 92 Jahren. Gearbeitet hatte er als Knecht. Wir haben ihn ab und zu besucht, und selten war er auch bei uns zu Besuch: ein liebenswerter Mann von körperlich eher kleiner Gestalt. Es war etwas schwierig, ihn sprachlich zu verstehen, doch wenn er seine Mundharmonika hervorzog und etwa die Melodie des Landsgemeinde Liedes spielte, dann war er ganz in seinem Element, und es brauchte keine weiteren Worte. Am 25. Juli 1884 kam Johannes auf die Welt, der bereits mit 31 Jahren, am 10. Februar 1915, starb. Das fünfte Kind war Albert, mein Onkel Albert, der einen grossen Teil seiner Lebenszeit im Heim verbrachte. Auch er wurde von der Gemeinde bevormundet, denn es wäre ihm nicht möglich gewesen, selbständig einen Haushalt zu führen. Doch war er sehr begabt darin, dekorative Papierblumen herzustellen. Er wurde am 6. Oktober 1886 geboren und starb am 27. September 1975. Das sechste Kind war wiederum ein Sohn, August, der dann den Stamm unserer Familie weiterführte. August, mein Grossvater, wurde am 7. April 1889 geboren und lebte bis zum 16. Oktober 1970. Die siebente Geburt am 17 Mai 1892 war eine Zwillingsgeburt, von der im Familienregister das eine Kind nur als „ein Büblein“ eingetragen ist, das andere überlebte und trug den Namen Carl. Er starb, nur 31 Jahre alt, am 6. Juli 1923. Und als letztes Kind kam am 26. September 1894 Emil zur Welt. Er lebte als Coiffeur in Hombrechtikon und war verheiratet, starb jedoch kinderlos.

Wie diese Aufstellung zeigt, war die Kindersterblichkeit sogar noch im 19. Jahrhundert traurigerweise sehr gross. Die Lebenserwartung in den Jahren 1876 bis 1880 betrug bei der Geburt für Männer 41, für Frauen 43 Jahre – heute (anno 2012) für Männer 81, für Frauen 85 Jahre. Die Lebenserwartung hat sich für Neugeborene seit jener Zeit praktisch um das Doppelte erhöht.

Gleichzeitig mit meinem Grossvater August Meier wuchs in Trogen auch die ebenfalls 1889 geborene Künstlerin und Mitbegründerin des Dadaismus, Sophie Taeuber-Arp auf. Ihre Mutter hatte in Trogen die „Pension Taeuber“ geführt, eine Pension für Auslandschweizer aus aller Welt, die in Trogen das Gymnasium besuchten. Trogen war regionales Zentrum für Kultur und Tourismus und ein wichtiges Zentrum der Textilindustrie. Die Familie von Sophie Taeuber-Arp war mit den durch den Textilhandel reich gewordenen Familien Zellweger verbunden und studierte von 1910 bis 1914 an der Textilabteilung der École des arts décoratifs in St. Gallen. Später hat sie als Malerin, Bildhauerin und Textilgestalterin grosse Berühmtheit erlangt.  Ein Portraitfoto von ihr ziert die Schweizer 50-Franken-Note.

Komposition von Sophie Taeuber-Arp


Die Internationalität und Wohlhabenheit demonstrierende Ambiente von Trogen hat wohl auch dem einen oder andern Sohn aus einfachen Verhältnissen den Wunsch genährt, an diesem Glamour teilzuhaben. Über Trogen hinauszuwachsen hatte sich auch mein Grossvater August Meier gewünscht. Er sei ein sehr unruhiges Naturell gewesen, hat ihn mir mein Vater, Ernst Meier, beschrieben. Immer habe er neue Projekte gehabt, gerne den vornehmen Herrn gespielt, es dabei aber doch auf keinen grünen Zweig gebracht. Da war etwa die Geschichte mit dem Lastwagen, den er gekauft hatte, um ein Transportunternehmen zu gründen, aber er hatte niemanden, der den Lastwagen hätte fahren können. Auch Erfindungen hatte er sich ausgedacht. Als Patent angemeldet hatte er ein Lüftungssystem für Heustöcke. Das grosse Geschäft jedoch blieb aus.

August Meier 1889-1970
August Meier
Anna Maria Meier-Bruderer
August Meier Anna Maria Meier-Bruderer
Anna Maria Meier-Bruderer 1893-1958

August Meier hatte, wie zuvor beschrieben, 8 Geschwister, von denen einige bevormundet oder im Heim untergebracht wurden. Als der Vater Jakob Meier, von Beruf Gemeindeförster, 1926 starb und die Mutter Louisa Meier-Bauer nur 12 Tage später ebenfalls, wurde das grosse Heimwesen, die „Schurtanne“ von der Gemeinde übernommen. Auch vom grossen Bauerngut „Zyttafel“ in Trogen, das einst im Besitz der Familie war, blieb den Nachkommen kaum etwas übrig, da die Kosten für Heimaufenthalte und Vormundschaft gedeckt werden mussten.

Zyttafel
Zyttafel
Schurtanne
Schurtanne

Mein Grossvater heiratete am 27. April 1915 Anna Maria Bruderer aus Trogen, Appenzell Ausserroden. Er zog mit seiner Familie von einem Ort zum andern, liess sich irgendwo nieder, packte nach einem Jahr dann den ganzen Hausrat wieder zusammen und suchte eine neue Bleibe. Er arbeitete in Nyon, Neuenburg und anderen Orten im Welschland als Meisterknecht – also im Beruf eines „Meiers“, wie dies seinem Namen gerecht wurde. Er verdiente dabei so wenig, dass er zeitweise seine Söhne als Verdingbuben abgeben musste. Während dem zweiten Weltkrieg zog er in die Gemeinde Wald im Zürcher Oberland, wo er als Brunneputzer und Friedhofsgärtner Arbeit fand und nebenbei Hühner, Enten und Gänse züchtete. Mehr als einmal erzielte er bei Ausstellungen den ersten Preis. Ich habe meinen Grossvater in Erinnerung als grossen Mann mit schwerem Schritt und imposantem Schnurrbart.

Familie August Meier-BrudererAnna Maria und August Meier-Bruderer mit ihren Kindern (von links) Emil, die Zwillinge Erwin und Ernst und die Tochter Louisa.

Praktisch überhaupt nichts weiss ich von der Familie meiner Grossmutter Anna Maria Bruderer. Es ist ein typischer Appenzeller-Name, der dort mehr vorkommt als sonst wo auf der Welt. Anna Maria stammt aus Trogen. Sie war die Tochter von Johannes Bruderer und seiner Frau Maria, geborene Zellweger aus Trogen. Auch dieser Name findet sich weitaus am häufigsten im Kanton Appenzell. Laut Wikipedia waren die Zellweger eine im 15. Jahrhundert aus dem in St. Galler und Habsburger Diensten stehenden Ministeralgeschlecht Geppensteiner hervorgegangene Patrizierfamilie des Appenzellerlandes. Ursprünglich waren die Zellweger in Gais und dem Ort Appenzell ansässig. 1588 sahen sich die Zellweger jedoch als Protestanten zur Übersiedlung vom katholischen Innerrhoden in den Halbkanton Ausserrhoden gezwungen.

Über seine Mutter, Anna Maria Meier-Bruderer, fand mein Vater nur liebevolle Worte. Sie war es, die ihn, als er als Verdingbub weggegeben wurde, rasch wieder zurückgeholt hatte. Im Alter sei sie oft am Fenster gesessen und habe einfach nur hinausgeschaut. Sie war etwas schwermütig. Vielleicht hatte sie sich ein anderes Leben erträumt, als nur stets in Armut von einem Ort zum andern umher zu ziehen. Bei ihrer Heirat mit August Meier war sie bereits schwanger. Das Büblein Emil trug den Namen seines leiblichen Vaters Schnyder und wuchs zusammen mit seinen drei Halbgeschwistern Ernst, Erwin und Louise in der Familie auf.


Ernst Meier, Boxclub Zürich
Ernst Meier, Clubmeister Boxclub Zürich


Mein Vater, Ernst Meier, wurde am 21. Dezember im Kriegsjahr 1916 geboren, ein Tag nach dem Ende der Schlacht um Verdun mit ihren über 300‘000 Gefallenen. Die Schweiz war damals vollständig von kriegsführenden Nachbarstaaten umgeben. Die Versorgung der Schweiz mit Nahrungsmitteln und Energie hing zu 40% vom Ausland ab. Der Ernährungsnotstand wirkte sich auch auf August Meiers Familie aus. Die harten Zeiten scheinen meinen Vater zutiefst geprägt und ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit bewirkt zu haben. Sein Erwerbsleben begann im Alter von 15 Jahren. Nach anfänglichen Hilfsarbeiten, etwa in einer Käserei, einer Kornmühle in Arbon oder auf dem grossen Landwirtschaftsbetrieb Stockergut bei Zürich, hat er bald als Lastwagen-Chauffeur für Möbeltransporte nur noch ein einziges Mal seine Stelle gewechselt. Auch die Wohnung in Zürich Aussersihl hatte er nur einmal gewechselt. Unermüdlich und schaffig hat er überall, wo es nur ging, geholfen und tatkräftig zugepackt. Als Mitglied des Box Clubs Zürich war er zweimal Clubmeister im Halbschwergewicht geworden. In Zeitungsberichten auf der Sportseite wurde er „der Stiernackige“ und „K.O.-Meier“ genannt.

Mein Vater heiratete am 2. April 1942 meine Mutter Stella Florence Veuve aus Cernier im Kanton Neuenburg, damals jedoch in Adliswil bei ihren Eltern wohnend. Am 22. Juni 1943 wurde mein Bruder geboren und am 22. März 1945 kam ich auf die Welt.

Ernst und Stella Meier-Veuve mit Kindern
Ernst und Stella Meier-Veuve mit ihren Kindern Uli (rechts) und Peter (links)


Nun zur Familie meiner Mutter, Stella Florence Meier-Veuve. Ich beginne mit der weiblichen Linie, meiner Grossmutter mütterlicherseits, Anna Weller. Die Familie Weller stammt aus Ostdeutschland, genauer, aus Sachsen. Die Sachsen, das war dieses freiheitsliebende Volk, das unter seinem Anführer Widukind sich immer wieder gegen den rücksichtslosen Eroberer Karl den Grossen gewehrt hatte, bis es schliesslich nach einem schauerlichen Gemetzel, das dem Kaiser Karl den Beinamen „Sachsenschlächter“ eingebracht hatte, sich der Fremdherrschaft fügen mussten.

Unsere Familie stammt, so weit ich zurückverfolgen konnte, aus dem südwestlichen Teil des Freistaates Sachsen, nämlich aus dem Landkreis Zwickau, am Fusse des Erzgebirges. Hier wurde 1810 der Musiker Robert Schumann geboren. Die Stadt ist aber auch bekannt, weil im Jahre 1522 der Stadtrat Martin Luther eingeladen hatte, hier einige Predigten zu halten. „Eine Perle in diesen Landen ist Zwickau von jeher gewesen“, sagte der Humanist Melanchton, „weil es über Zucht und Sitte mit grösserer Strenge wacht als die meisten anderen Städte, und weil es fruchtbar ist an vielen Talenten“. Sehr paradiesisch ist es in Zwickau nicht immer zugegangen, denn bis 1629 wurden hier 14 Personen wegen angeblicher Hexerei hingerichtet. Im Dreissigjährigen Krieg wurde die Stadt belagert, und in der Zeit des Nationalsozialismus wurde in den Dreissigerjahren auch ein Konzentrationslager eingerichtet.

Nur 20 Kilometer trennen Zwickau von Molsdorf. Hier soll zur Zeit von Friedrich III., genannt der Weise, 1463-1525) die Geliebte eben dieses Kurfürsten von Sachsen, gelebt haben: eine einfache Frau mit demselben Namen wie meine Grossmuter: Anna Weller. Sie soll dem Kurfürsten eine Tochter und zwei Söhne geschenkt haben. Der Name der Tochter ist nicht bekannt, die beiden Söhne sollen die Namen Fritz und Bastel erhalten haben. Da dies alles erst viel später erzählt wurde und wenig belegt ist, erlaube ich mirmit dem Gedanken zu spielen, dass unsere Vorfahren der Linie Weller vielleicht auf den Fritz Weller oder den Bastel Weller zurückgehen und wir so auch Teil haben am Stammbaum der Kurfürsten, Grafen und Herzöge, die auf der Ahnentafel von Friedrich dem Weisen aufgeführt sind, also beispielsweise Friedrich I. von Meissen (1257-1323), den letzten männlichen Stauferspross. Man kann die Linie noch weiter zurückverfolgen, in direkter Linie bis zur ersten Jahrtausendwende: Markgraf Dietrich (990-1034) oder bis zum ältesten nachweisbaren Ahnherr der Wettiner, Deitrich I., dessen Herkunft sich im Dunkeln verliert. Kurfürst Friedrich III von Sachsen

Der Heimatort unserer Weller-Familie im Landkreis Zwickau ist das in der Zeit Kaiser Barbarossas gegründete Städtchen Kirchberg, genauer dessen Ortsteil Saupersdorf. Kirchberg nennt sich die Stadt der sieben Hügel, lässt sich also durchaus mit Rom vergleichen, wenn auch nur in dieser einzigen Hinsicht, denn Kirchberg, wie überhaupt der ganze Kreis Zwickau ist eine Hochburg des lutherisch-evangelischen Glaubens – zumindest war es dies, bis das DDR-Regime den Glauben an Gott durch den Glauben an die Diktatur ersetzt hatte.

Wellerliebshoehe in Saupersdorf
Die "Wellerliebshöhe" in Saupersdorf, Kirchberg SA
Wellerliebshöhe in Kirchberg Sachsen
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Die russische Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg hatte nicht nur das Land besetzt, sondern auch die sogenannte „Wellerliebshöhe“, das grosse und schöne Wohnhaus der Familie Weller. Die Wellers lebten ganz in der Tradition der Stadt. Der wichtigste Erwerbszweig Kirchbergs war seit dem 16. Jahrhundert das Tuchmacherhandwerk. Tuchhändler, Tuchmacher und Tuchmachermeister waren denn auch über mindestens drei Generationen alle Wellermänner unser Familie.

Tuchfabriken in Kirchberg Sachsen
Artikel aus "Saxonia 1841"

In Kirchberg gab es verschieden Tuchfabriken und Spinnereien, u.a. die Streichgarnspinnerei F.H.Weller. Ob und welche Verwandschaftsbeziehungen zu F.H.Weller, dem Inhaber dieser Streichgarnspinnerei bestanden, ist mir nicht bekannt. Die Tradition des Tuchmacherhandwerks begann in Kirchberg etwa 1490 und wurde vermutlich aus Zwickau eingeführt. Viele Katastrophen führten immer wieder zu Rückschlägen: 1633 wütete die Pest in der Stadt und liess nur 16 Familien überleben. Nur ein Jahr später brennen infolge des Dreissigjährigen Krieges Rathaus und ein Teil der Stadt ab, 1757 vernichtet ein Feuer den ganzen Stadtkern mit Rathaus, Kirche und Markt, 1817 wird das Stadtzentrum erneut durch einen Brand verwüstet, und 1852 schliesslich brennen Rathaus und Obermarkt durch Brandstiftung erneut nieder.

Ich kann die Beschreibung von Kirchberg nicht beenden, bevor ich nicht auch Robert Seidel erwähnt habe, der 1850 in Kirchberg geboren wurde und dort das Tuchmacherhandwerk erlernte. Er emigrierte 1877 in die Schweiz, bildete sich in Zürich zum Lehrer und Hochschuldozent weiter und engagierte sich für die Sozialistische Partei im Stadtrat, im Kantonsrat und im Nationalrat. Er stand in regem Briefwechsel mit der 1919 in Berlin ermordeten marxistischen und antimilitaristischen Rosa Luxemburg. Mein Onkel Ewald Zschille aus Grossenhain in Sachsen war mit Robert Seidel befreundet. Als Primarschüler war ich hin und wieder in der Wohnung meines Onkels im Bellevue-Haus und schrieb mit Breitfeder und Tusche die Titel der Karteikarten für das Robert-Seidel-Archiv, das sich heute in der ETH befindet.

Die bisher bekannten Wurzeln unserer Familie in Kirchberg beginnen mit dem am 31. März 1783 ebenda geborenen Johann Gottlieb Weller, der den Beruf eines Tuchhändlers ausübte. Er war Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche, die in Sachsen sich sehr rasch und nachhaltig ausgebreitet hatte.
IrminsulKarl der Grosse Luther
Bevor die Sachsen durch Karl den Grossen gewaltsam dem Christentum unterjocht wurden, verehrten sie ihre eigenen Naturheiligtümer, insbesondere die „Irminsul“, die der karolingische Kaiser zerstören und an ihrer Stelle ein Kreuz errichten liess. Die Irminsul war ein riesiger Baum, der im Glauben der Sachsen in seiner Krone das Weltall trug. So gewaltsam die Sachsen von ihrer alten Religion lassen mussten, so unerschütterlich hielten sie - vor allem nach der Reformation - an ihrer neuen fest. 1517 hatte Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg geschlagen, und bereits gute zwanzig Jahre darauf wurde die Reformation in Sachsen offiziell eingeführt. Der sächsische Teil unserer Familie fühlte sich vermutlich schon sehr früh der evangelisch-lutherischen Kirche zugehörig, jedenfalls spricht aus vorhandenen Briefen eine tiefe Glaubensfestigkeit. Ebenso die Eintragungen im Poesiealbum, das der Schwester meiner Grossmutter, Martha, von Marie Luise Gräfin von Wengersky gewidmet worden war. Nahezu allen Eintragungen drückt sich auch der Anspruch auf eine demütige, alles Schwierigkeiten des Lebens still und klaglos duldende Lebenshaltung aus:

 Poesiealbunm 1907
Wenn dich Menschen kränken
Durch Verrat und Trug
Sollst du still bedenken
Was der Herr ertrug.


Denke hierbei oft und gern an deine Freundin Ella Faust, Kirchberg d.6./8.07

Das Geburtsjahr von Johann Gottlieb Weller war auch das Jahr des Friedens von Paris, der den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beendete. Dafür begannen in Europa neue Kriege: die russische Zarin Katharina eroberte die Krim, um sich den Zugang zum Schwarzen Meer zu öffnen. Eröffnet wurde auch die Eroberung des Luftraumes mit dem ersten unbemannten Heissluftballon der Brüder Montgolfier im Juni, dem Flug einer Montgolfière mit einem Hammel, einer Ente und einem Hahn als Besatzung im September und der ersten bemannten Fahrt eines Heissluftballons im November 1783.

Voltaire Montgolfiere Goethe

Man nennt das 18. Jahrhundert auch „le Siècle de Voltaire“, nach diesem einflussreichsten Autor der europäischen Aufklärung. Er starb 1778. Ein Zeitgenosse unseres Vorfahren Johann Gottlieb Weller war Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), der im nicht weit entfernten Weimar wohnte. Auch Friedrich Schiller war ein Zeitgenosse aus Weimar. Es war eine Zeit, die heute als eigene Epoche bezeichnet wird: die „Weimarer Klassik“. Sie begann mit Goethes Italienreise 1786 und endete mit Schillers Tod 1805. Wer sich eher mehr für Philosophie interessiert, dem werden Johann Gottlieb Wellers Zeitgenossen Immanuel Kant (1724-1804), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) oder auch Arthur Schopenhauer (1788-1860) nicht unbekannt sein. Noch viele Namen gäbe es zu nennen aus dieser Zeit überaus reichhaltigen kulturellen Schaffens. Wie weit sich Johann Gottlieb Weller, seine Frau Christiane oder sein Sohn Carl Eduard für Kunst, Literatur, Philosophie oder Musik interessiert hatten, weiss ich nicht.

Johann Gottlieb Weller war verheiratet mit der am 25. August 1786 geborenen Christiane Kretschmer. Dies ist ein ursprünglich slawischer Name und leitet sich vom westslawischen Wort für „Schankwirt“ ab. Besonders häufig findet sich der Name in der sächsischen Oberlausitz, an der Grenze zu Tschechien.

Der Sohn von Johann Gottlieb und Christiane Weller-Kretschmer hiess Carl Eduard Weller und wurde am 25. September 1814 in Kirchberg geboren. Er war Tuchmacher und starb 61jährig am 4. Oktober 1875. Seine Frau, Ernestine Solbrig stammte ebenfalls aus Sachsen. Sie lebte vom 15. Januar 1818 bis 4. Oktober 1866. Möglicherweise war Christiane mit dem am 15. März 1807 geborenen Carl Friedrich Solbrig (Wikipedia) verwandt, der Tuchmacher in Reichenbach lernte, nur 20 Kilometer von Kirchberg entfernt. Aus ärmsten Verhältnissen stammend hatte er sich in Chemnitz ein grosses Woll- und Stickerei-Unternehmen aufgebaut und wurde in der Wollproduktion als Chemnitzer „Wollkönig“ bezeichnet.

In die Lebenszeit von Carl Eduard Weller und seiner Gattin Ernestine Solbrig fällt die sogenannte Deutsche Revolution von 1848/49. Mit dem Dresdener Maiaufstand 1849 wurde vergeblich versucht, den Sachsenkönig Friedrich August II zu stürzen und eine sächsische Republik zu errichten. Diese Wellen des Aufruhrs hatten sich bereits wieder geglättet, als mein Urgrossvater Eduard Gustav Weller zur Welt kam. Von ihm ist mehr bekannt als von seinen beiden Vorgängern, aber auch von ihm wie von jenen wissen wir nicht, ob sie noch weitere Geschwister hatten.

Eduard Gustav Weller wurde, am 25. August 1850 in Kirchberg geboren. Dieses 19. Jahrhundert, dessen ganze zweite Hälfte Eduard Gustav erlebte, wird auch als „langes 19. Jahrhundert“ bezeichnet, wobei man darunter die 125 Jahre von 1789, also dem Beginn der Französischen Revolution, bis zum Beginn des 1. Weltkrieges versteht. Charakteristisch für diese 125 Jahre dauernde Epoche ist der Weg in die Moderne mit ihrer Säkularisierung und Rationalisierung, der Bildung von Nationen und der Demokratisierung. Dies als Folge der Aufklärung im mittleren und späten 18. Jahrhundert, die im langen 19. Jahrhundert nun endgültig politische und gesellschaftliche Gestalt annahm.

Ganz gemäss der Familientradition war auch der 1840 geborene Eduard Gustav Weller Tuchmacher, und zwar Tuchmacher-Meister. Dieser Eduard Gustav Weller hat als über 80jähriger die ersten Jahre des Nationalsozialismus miterlebt und das damals übliche „Heil Hitler“ ostentativ mit einem „Grüss Gott“ erwidert. So hat es mir seine Enkelin Stella Meier-Veuve erzählt. Sie hatte selber als Dreijährige einige Monate in Saupersdorf bei Kirchberg gelebt. Der Grossvater hatte sie nach Hause zurückbeordet, bis der unstete Vater Louis Veuve in Adliswil wieder eine regelmässige Arbeit gefunden hatte. Über die Familie meines Grossvaters Louis Arthur Veuve werde ich weiter unten berichten.

Eduard Gustav Weller hat für seine Tochter Clara die Lebensdaten seiner Familie aufgeschrieben. Hier der Schluss dieses Berichtes:

Handschrift Eduard Gustav Weller Ich bin 1850 in Kirchberg am 25 August 1850 geboren und werde nun unter Gottes Hilfe am 25 August 88 alt.
Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnend
Eduard Gustav Weller. Saupersdorf. Sa

Eduard Gustav Weller hat seinen 88. Geburtstag nicht mehr erlebt. Er starb am 8. Juli 1938 in Saupersdorf, knappe zwei Monate vor seinem Geburtstag. Er war 16 Jahre alt, als sich Sachsen im Krieg Preussens gegen Österreich letzterem angeschlossen hatte. Die Schlacht bei Königgrätz hatten die Preussen für sich entschieden und marschierten in Sachsen ein. Das Königreich Sachsen wurde Mitglied im Norddeutschen Bund unter preussischer Führung.

Eduard Gustav und Lina Weller-Völkl
Eduard Gustav und Lina Weller-Völkl


Eduard Gustav heiratete am 22. Juni 1879 Lina Berta Völkl (oder Völkel) aus einem kleinen Dorf Namens Kleinkundorf, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Zwickau. Ab 1816 gehörte das Dorf zum Grossherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Noch bis 1960 mussten die Kleinkundorfer das Wasser am hauseigenen Brunnen schöpfen oder am Gemeindebrunnen holen.

Die Weller-Schwestern Frieda, Martha, Paula, Elsa, Clara und Anna
Die Weller-Schwestern Frieda, Martha, Paula, Elsa, Clara und Anna.
Oel auf Leinwand, gemalt von Ewald Zschille-Weller.


Eduard Gustav und Lina Berta Weller-Völkl hatten 9 Kinder, 6 Töchter und 3 Söhne. Drei der Weller-Töchter, nämlich meine Grossmutter Anna Weller, ihre Zwillingsschwester Clara und die Schwester Martha wanderten in jungen Jahren in die Schweiz aus.

Vielleicht galt auch für sie die Strophe vom Abschied aus dem Erzgebirge des Dichters Anton Günther:

"Als letzten Abschiedsgruß ruft noch der Vater nooch,
wenn's Kind verloßen muß es Elternhaus:
Vergaß dei Haamit net, on ehr dei Mottersproch!
Mog's komme wie's när will, horch, halt fei aus!
Fest stieh zen Volk, der Haamit trei,
su wolln mir Arzgebirger sei!"


...jedenfalls war bei allen drei Wahl-Schweizerinnen der Erzgebirger-Dialekt bis ins hohe Alter deutlich herauszuhören.

Martha Weller. Clara Weller. Anna Weller

Martha, Elsa und Anna Weller
von links nach rechts: Martha, Clara und Anna Weller... damals und später.

Martha Weller heiratete einen Künstler aus Grossenhain, aus dem Landkreis Meissen in Sachsen: Ewald Zschille. Schon Ewalds Vater, Ehregott Zschille 1847-1910), war als Zeichner von detailgenauen Ansichten preussischer Städte bekannt. Ewald Zschille lebte in Zürich als Kunst- und Reklamemaler. Von ihm stamme, sagte man mir, der schweizweit bekannte Rabe für die Roco-Ravioli. Ewald Zschille hatte in seiner Wohnung im Dachstock des Bellevue-Hauses in Zürich einen eigenen Raum für sein Marionettentheater eingerichtet. Die rund hundert Figuren waren minutiös bis in alle Details gefertigt und gekleidet, und die Kulissen und das Mobiliar für die Theaterstücke waren allesamt ein Kunstwerk für sich. Ich war vielleicht etwa sieben oder acht Jahre alt, als ich in vorderster Reihe eine Aufführung von Goethes Faust miterleben konnte, und Zeuge davon war, wie Mephisto in Fausts Studierstube durch eine Falltür auftauchte und wieder verschwand. Dies hatte auf mich einen ungeheuer starken und nachhaltigen Eindruck gemacht.

Clara Weller ist ledig geblieben. Sie hat als Dienstmädchen in einer prunkvollen Villa in Zürich-Höngg gearbeitet, wo mein Bruder und ich manchmal mitgeholfen haben, das Laub im grossen Garten zusammen zu lesen. Dabei haben wir erfahren, was deutsche Gründlichkeit heisst, denn nicht ein einziges Laubblättchen durfte übersehen werden.

Meine Grossmutter Anna Weller arbeitete, wie ihre Zwillingsschwester Clara, in einem Haushalt in Zürich als Haushalthilfe. Sie heiratete meinen aus dem Welschland stammenden Grossvater Louis Arthur Veuve und wohnte mit ihm, soweit ich micht zurück erinnern kann, an der Müllerstrasse 46, in einem Haus, das heute inmitten des Rotlichtmilieus steht und entsprechend genutzt wird. Meine Grossmutter war eine überaus liebe und herzliche Frau, die nicht nur ihre Familie sehr liebte, sondern auch die vielen Tauben in Hinterhof, die sie täglich fütterte. Wenn der Stadtjäger mit der Flinte im Hinterhof erschien, gewährte sie ihnen – zumindest einigen - in ihrer Küche Asyl, bis die Gefahr vorüber war.

Anna und Louis Veuve-Weller mit Tochter Stella
Anna und Louis Arthur Veuve-Weller
(links mit Töchterchen Stella, Weihnachten 1919)
Louis und Anna Veuve-Weller

Veuve FamilienwappenDer Name „Veuve“ bedeutet „Witwe“ und ist mit dem Schicksal der Hugenotten verbunden.
Hugenotten werden die französischen Protestanten in Frankreich, zur Zeit vor der Französischen Revolution genannt. Ihr Glaube war stark von der Lehre des Genfer Reformators Johannes Calvin geprägt. Die Glaubensausübung der Hugenotten war vom katholischen Frankreich stark unterdrückt, Klöster und Kirchen waren immer wieder Plünderungen und Zerstörungen ausgesetzt. Einen Höhepunkt der Verfolgungen war die Bartolomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572 in Paris und darauf auch in andern Städten fand ein Massaker an den Hugenotten statt, wobei allein in dieser „Pariser Bluthochzeit“ aus religiösen Gründen 3000 Hugenotten ermordet wurden. Das Edikt von Nantes, 1598, erlaubte den Hugenotten ihre Gottesdienste innerhalb strikter Grenzen auszuüben. Doch im Jahre 1685 hob der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. das Edikt auf und es galt die Devise: „Ein König, ein Gesetz, ein Glaube!“. Damit blieb den Hugenotten nur noch die Wahl zwischen dem Abschwören von ihrem Glauben oder der Flucht, die allerdings verboten war. Der Kanton Neuenburg, damals noch ein Fürstentum unter den Königen von Preussen bot mit seinen schwach besiedelten Regionen vielen Hugenotten Zuflucht.

Hugenottenkreuz Hugenotten auf der Flucht
Hugenottenkreuz und Hugenotten auf der Flucht

Eine Legende, die mir meine Mutter erzählt hat, zeigt diese Flucht als Ursprung des Familiennamens Veuve. Unter den Fliehenden war auch eine Mutter mit Kindern, die hier Schutz fand und ihre Namen, der sie als Gattin eines gesuchten Hugenotten verraten hätte, geheim halten musste. Sie gab sich als Witwe aus und wurde bald nur „la Veuve“, die Witwe, genannt. Diese Bezeichnung ist auch auf die Kinder übergegangen und zum Familiennamen geworden. Ich möchte hier diese Geschichte des Namens Veuve, wie sie mir von meiner Mutter erzählt wurde, als Ballade weitergeben.

Der Name Veuve wurde in unserer Familie zuletzt nur noch von meiner Mutter Stella, ihrer Schwester Marcelle und ihrem Bruder Ulrich getragen. Da Ulrich Veuve kinderlos starb, ist der Name – in unserer engeren Familie jedenfalls – Geschichte geworden.


Der Vorname Abram kommt zweimal in unserem Stammbaum der Veuve vor. Im Internet habe ich ebenfalls einen Abram Veuve gefunden, der als Notar im Jahre 1700 in der Chronik des Restaurants „Le moulin de Bayerel“ bei Cernier im Kanton Neuenburg aufgeführt wird. Es dürfte sich dabei um „unseren“ Abram handeln, denn Cernier ist auch der Ort, an dem damals unsere Vorfahren gelebt hatten. Cernier, die Fluchtheimat der Familie Veuve ist eine Gemeinde im Neuenburger Jura. Neuenburg gehörte damals noch nicht zur Eidgenossenschaft, sondern war ein Fürstentum unter der Herrschaft von Orléans, nach 1707 unter der Herrschaft der preussischen Hohenzollern. 1806 erhielt der französischer Marschall Berthier das Fürstentum von Napoleon I. als Geschenk, doch behielt er es, da er in Ungnade fiel, nur bis 1813, ohne es jemals besucht zu haben. Von da an sprach man vom "Kanton" Neuchatel, der jedoch erst 1848 der Eidgenossenschaft angehörte.

In den Aufzeichnungen meines Grossvaters Louis Veuve nennt er den oben erwähnten Notar Abram Veuve und dazu die Bemerkung „vermutlich 1675-1680“. Was diese Zeitspanne bedeutet, ist mir allerdings nicht bekannt. Um das Geburtsdatum kann es sich nicht handeln, da das erste Kind 1689 zur Welt kam. Ich nehme an, dass es sich um die Zeitspanne handelt, in der die Heirat stattgefunden hatte, so dass man sich das Geburtsjahr von Abram im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts vorstellen könnte.

Es war die Zeit kurz nach den Reformationskriegen, dem zerstörerischen Dreissigjährigen Krieg, der in ganz Europa wütete, ausgelöst durch den Prager Fenstersturz 1618 und beendet durch den Westfälischen Frieden 1648. Den eidgenössischen Orten war es gelungen, sich aus dem Dreissigjährigen Krieg herauszuhalten. Also bereits damals wurden die Grundsteine für die aussenpolitische Neutralität der Schweiz gelegt. Im Innern allerdings herrschte alles andere als Friede. Im blutigen Bauernkrieg von 1653 unterlagen die aufständischen Bauern den städtischen Obrigkeiten von Bern, Luzern, Solothurn und Basel, und im Ersten Villmergerkrieg wurden 1656 die Berner und Zürcher Truppen von den katholischen Innerschweizern besiegt. Viele Schweizer, vor allem aus armen Berggebieten, verliessen ihre überbevölkerte Heimat, um als Söldner für Frankreich, später auch zunehmend für protestantische Mächte wie die Niederlande, England oder Preussen zu dienen. Die wohlhabenden reformierten Städte blieben ein Ziel von Glaubensflüchtlingen, so auch für die 1685 aus Frankreich vertriebenen Hugenotten.

Wie sein Vater war auch Abrams Sohn Isaac Veuve, der 1705 getauft worden war, von Beruf Notar in Cernier. Die Frau von Abram Veuve hiess Jeanne Marie. Sie hatte mit ihrem Gatten Abram 8 Kinder, erst vier Töchter, dann vier Söhne. Der jüngste von ihnen, 1705 in Cernier geboren, hiess - wie der Sohn des biblischen Abrahams - Isaac. Das bedeutet übersetzt „er lächelt“.

Isaac Veuve vermählte sich 1731 mit Suzanne Evard. Ein Jahr darauf wurde ihr Sohn Abram Louis Veuve geboren. Er heiratete 1761, wie sein Grossvater, ebenfalls eine Frau mit Namen Jeanne Marie, geboren 1739. Ihr gemeinsamer Sohn, Jonas Veuve, kam 1772 zur Welt und heiratete Marguerite Aoutre aus Langnau. Ihr 1803 geborener Sohn trug den Namen Jonas Pierre Veuve. Dieser heiratete Mélanie Dubois. 1838 kam ihr Sohn Louis Ulysse Veuve zur Welt, der Julie Undine Chatelain heiratete. Leider sind nur Namen und Daten bekannt, und ebenfalls unbekannt ist, ob die genannten Nachkommen auch Geschwister hatten.

Mit der nächsten Generation, mit Arthur Veuve, dem 1866 geborenen Sohn von Louis Ulysse und Julie Undine wir die Liste etwas anschaulicher, denn nun gibt es auch bereits erste Bilder.

Wohnhaus von Louis Arthur Veuve im Neuenburger Jura
Wohnhaus von Louis Arthur Veuve im Neuenburger Jura

Arthur Veuve war Graveur von Beruf. Leider sind keine Arbeiten von seiner Hand mehr in der Familie erhalten geblieben. Gravierungen und Ziselierarbeiten waren damals ein wichtiger Schmuck kostbarer Taschenuhren. Von meinem Urgrossvater Louis Arthur Veuve wird berichtet, dass er eines Tages, den Rucksack voller kostbarer Metall-Gravuren, von Cernier nach La Chaux-de-Fonds gewandert sei, um die Arbeit mancher Monate in der Stadt zu verkaufen. Ein Marsch im hügeligen Jura von etwa drei Stunden durch Feld und Wald. Unterwegs verdunkelte sich der Himmel, ein Gewitter zog auf, und ein Blitz schlug in den schweren, mit den metallenen Gravuren  gefüllten Rucksack ein. Mein Urgrossvater war mit dem Schrecken davongekommen, aber die Arbeit unzähliger Tage und Stunden war zu einem Metallklumpen zusammengeschmolzen.

Louis Arthur Veuve -  Gravuren
Geschäftskarte von Louis Arthur Veuve, Graveur

Louis Arthur Veuve war zweimal verheiratet: zuerst mit Marie Josephine Elise Marquis (13.02.1873 - 03.02.1904) aus Vicques, damals im Kanton Bern, heute im Kanton Jura, im Distrikt Delémont. Marie Josephine Elise war erst 19 Jahre alt, als sie ihren Sohn Louis Arthur Veuve gebar. Neben Louis Arthur Veuve, der den gleichen Namen trug wie sein Vater, kamen später auch die Geschwister Paul und Elisa hinzu. Von meiner bereits mit 31. Jahren verstorbenen Urgrossmutter ist leider kein Foto aufzufinden. Doch von ihrer Mutter, also meiner Ururgrossmutter der Linie Marquis gibt es ein sehr altes Foto:

Veuve-Marquis
Die Mutter von Marie Josephine Elise Veuve-Marquis, der 1. Frau von Louis Arthur.
Von Marie Josephine Elise selbst ist kein Bild vorhanden.
Veuve-Dard Die zweite Frau meines Urgrossvaters Louis Arthur Veuve war Berthe Elise Dard (1886 - 1952). Mein Grossvater wuchs in einer Kinderschar von genau einem Dutzend Geschwistern und Halbgeschwistern auf, von denen ich leider nur die Namen kenne. Neben seinen Geschwistern Paul und Elisa waren dies: Marcelline (die von Berthe Elise Dard bereits in die Ehe gebracht wurde), Piero, Alexandre, Marguerite, Violette, Rose, Madeleine, Berthe und Charlot.
Louis Arthur mit seiner 2. Frau Berthe Elise Veuve-Dard  
Louis Arthur Veuve mit seinen Söhnen Louis und Paul
Louis Arthur Veuve (1866-1948) mit seine Söhnen Louis Arthur (links) und Paul

Mein Grossvater, Louis Arthur Veuve war eine ruhelose Natur. Voller künstlerischer Ambitionen verfasste er Gedichte, malte Bilder, kämpfte als Fremdenlegionär in Algerien, arbeitete einst als Polizist, später auf dem Bau.

Gedicht von Louis Veuve
Vierzeiler von Louis Veuve-Weller. Übersetzung:

Mignonne! Wie niedlich, schau, es ist April
Die Sonne kehrt zurück aus dem Exil
In allen Nestern ein Drunter- und Drübergewimmel
Und überall schneit es Taubenfedern vom Himmel.

Mein Grossvater freute sich jeweils wenn ich kam, denn in mir hatte er einen problemlos verlierenden Schachpartner. Von ihm habe ich so gewichtige Schach-Fach-Ausdrücke gelernt wie "Figure touchée, figure jouée!" oder "Gardez la dame!", eine Warnung, die im 19. Jahrhundert Schachspieler beim Angriff auf die feindliche Dame aussprechen mussten. Gespielt wurde oft im Hause meiner Grosseltern. Vorwiegend Eile mit Weile, zusammen mit unseren Eltern, während mein Bruder und ich uns die Zeit mit Langeweile vertrieben. Noch immer im Ohr habe ich den begeisterten Ansporn meiner Grossmutter, wenn einer der Spieler nach einer Sechs wieder eine Sechs würfelte und sie auf einen vernichtenden dritten Sechser hoffte: "Angoünfa! Angoünfa!", was in ihrem sächsischen Französisch "encore une fois!" bedeutete, also "Noch einmal! Noch einmal!"

Louis Veuve
Louis Veuve 18.08.1892 - 06.11.1962
Anna Veuve-Weller
Anna Veuve-Weller 15.06.1890-17.04.1967

Mein Grossvater und meine Grossmutter hatten 3 Kinder: Stella, Ulrich und Marcelle Veuve. Als die Kinder noch klein waren, beabsichtigte Louis Veuve, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern. Das Mobiliar wurde aus der Wohnung geschafft, alles war zur Reise vorbereitet - aber geklappt hatte es dann aus irgendwelchen Gründen doch nicht, worauf der Schwiegervater Eduard Gustav Weller Tochter und Enkelkinder kurzerhand nach Kirchberg in Sachsen kommen liess und sie erst wieder ziehen liess, als mein Grossvater wieder sichere Verhältnisse geschaffen hatte.

Stella, Ulrich und Marcelle Veuve
oben, von links: Marcelle, Ulrich und Stella Veuve
unten, von links: Ulrich, Marcelle und Stella Veuve

Ulrich, Marcelle und Stella Veuve

Meine Mutter wurde am 9. September 1919 in Le Locle, im Kanton Neuenburg geboren. Später zog die Familie nach Langnau im Kanton Zürich. Sie war musisch sehr begabt und las uns Kindern Gedichte und Geschichten vor und schrieb selber welche. Sie schrieb, nach mehreren Nordland-Reisen mit meinem Vater im VW-Bus, Geschichten über die Trolls in Finlands Wäldern. Auch in der Porzellanmalerei verstand sie sich und ging auch mit Oelfarben kunstvoll um. Eine besondere Spezialität waren Gemälde in der Art der Appenzeller Malerei. Diese Bilder zeigen eine beeindruckende, liebevolle Sorgfalt auch in kleinsten Details. Ihr Markenzeichen auf diesen Bildern ist ein schwarzer Rabe, irgendwo auf einem Gartenhag oder Hausdach hockend.

Ernst und Stella Meier-Veuve


Hier schliesst sich der Kreis der vier Familien: Die älteste Tochter von Louis und Anna Veuve-Weller, Stella Florence Veuve gründete mit Ernst Meier mitten im zweiten Weltkrieg, am 2. April 1942, ihre eigene Familie. Im Sommer 1943 wurde mein Bruder geboren, im Frühjahr 1945, am 22. März, zwei Monate vor Kriegsende, kam ich zur Welt. Es war der Tag, an dem weite Teile der Stadt Hildesheim von einem Bombenangriff der Alliierten zerstört wurden. Die Sirenen, die auch in Zürich auf den Dächern heulten, begleiteten akustisch meine Geburt. Mit ihnen schliesse ich diese Familienchronik ab.

Appenzeller-Bild von Stella Meier-Veuve
Appenzeller-Sujet von Stella Meier-Veruve, 1978. Oel auf kleinem Holzbrett (17cm Durchmesser)